ihr Glück von sich stieß ! Hatte sie ihn noch nie gesehen in seinem Heim , im Zusammenleben mit seiner treuen Pflegemutter ? Wußte sie nicht , daß sie auf Händen getragen werden würde , wenn sie ihm das Glück gab , nach welchem er verlangte ? Käthe schrak heftig zusammen und schlug entsetzt die Hände vor das Gesicht – hier war es dunkel , schauerlich dunkel , so tiefe Nacht , daß die Sünde auf leisen Sohlen bis an die innersten Gedanken der Menschenseele heranschleichen konnte . Hastig lief sie über die Holzstufen und riß die Stubenthür auf – drunten im Flur brannte die große Hauslampe ; der helle Schein quoll die Treppe herauf und warf durch die Säulen der Galerie schmale Lichtstreifen vor die Füße des jungen Mädchens , und aus dem Mühlenraum , dessen Thür eben geöffnet wurde , scholl das Lärmen und Tosen , zum Betäuben stark , durch das Haus . Licht und Geräusch verscheuchten augenblicklich den verlockenden Spuk , der sich in die unschuldige Mädchenseele gedrängt hatte . … Das war ja der große , weißgetünchte Vorsaal der Schloßmühle mit dem uralten , lebensgroßen Bildnisse des Erbauers , des geharnischten Mannes dort , der so gespenstig verwischt aus dem wackeligen schwarzen Rahmen niedersah . Einst hatte sie ihn gefürchtet , und jetzt erschien er ihr wie ein alter Freund – er führte sie in die Wirklichkeit zurück , von einem verrätherischen , sündhaften Traumbild hinweg , in welchem sie eine unrechtmäßige Stelle eingenommen hatte . … Sie stieg die Treppe hinab und verließ die Mühle . Der Zugwind blies ihre heißen Wangen nachtfrisch an , und droben funkelten die goldenen Arabesken , die Sternbilder des Himmels , in köstlicher Klarheit . Käthe schämte sich ihrer müßigen Träumerei – aber war es nicht wie ein Schwindel gewesen , dessen man sich nicht erwehren kann , und der auch die gesündesten und kraftvollsten Menschen plötzlich befällt ? Schon von weitem sah sie die Lichter der Villa durch das Geäst flimmern , und als sie das Haus betrat , da schollen Clavierakkorde durch den Korridor . Das Instrument war prachtvoll , aber es wurde malträtiert durch barbarische Hände . Die Präsidentin hatte heute einen kleinen Empfangsabend ; man kam , Alt und Jung , zum Thee . Die Aelteren saßen um den Whisttisch , und die junge Welt musizierte , plauderte und amüsierte sich , wie sie Lust hatte ; es war ein zwangloses Zusammensein bis gegen zehn Uhr . Käthe machte schleunigst Toilette und betrat den Salon , das große Balkonzimmer im Erdgeschosse . Es hatten sich heute nur Wenige eingefunden ; nur ein Spieltisch war besetzt , und der Theetisch , um den sich die jungen Damen zu gruppieren pflegten , sah einsam und verlassen aus . Henriette saß hinter der Theemaschine . Sie hatte wieder einmal grellrote Schleifen in ihrem blonden Haar , und ein ärmelloses Sammetjäckchen von der gleichen schreienden Farbe über einem hellblauen Seidenkleid . Das graue , schmale Gesichtchen sah fast spukhaft aus dem theatermäßigen Putz , aber ihre schönen Augen glänzten förmlich überirdisch . „ Bruck ist wieder da , “ flüsterte sie mit heißem Athem und bewegter Stimme Käthe ins Ohr und zeigte durch den anstoßenden Musiksalon , in welchem noch immer der Konzertflügel gemißhandelt wurde , nach Flora ’ s Zimmer . „ Käthe , er sieht aus , als sei er noch gewachsen , so hoch und so überlegen . … Gott im Himmel , mache doch nicht gar so ein ernsthaftes Nonnengesicht ! “ unterbrach sie sich heftig – sie war unerklärlich aufgeregt . „ Alle sind heute so mürrisch ; Moritz hat eine Depesche bekommen und ist sehr zerstreut , und die Großmama hat entsetzlich schlechte Laune , weil ihr Salon leer ist . Ach , und ich bin so froh , so froh ! … Weißt Du , Käthe , daß ich vorgestern bei dem schlimmen Anfall geglaubt habe , Bruck sähe mich als Leiche wieder ? Nur das nicht ! Ich will nicht sterben , wenn er nicht da ist . “ Sie sprach zum erstenmal vom Sterben , und es war gut , daß die clavierspielenden Finger drüben in erneuter Kraft über die Tasten flogen und die drei alten Herren am Kamin im lebhaften Disput ihre Stimmen erhöhten ; denn der letzte Ausruf der Kranken hatte laut und leidenschaftlich geklungen ; Käthe stieß sie verstohlen an – die Präsidentin warf einen scharfen , mißbilligenden Blick über die Augengläser hinweg nach dem Theetisch . Henriette nahm sich augenblicklich zusammen . „ Ah bah , kann mir das Jemand verdenken ? “ sagte sie frivol und spöttisch die Achseln emporziehend . „ Niemand stirbt gern allein . Der Arzt ist dazu da , daß man bis zum letzten Augenblick Hoffnung aus seinem Zuspruch schöpft . “ Käthe wußte genug . Die Kranke ging nicht mit ihr nach Dresden . Sie wies die Tasse Thee zurück , die ihr Henriette mit hastigen Händen füllte , und zog eine angefangene kleine Stickerei aus der Tasche . „ Ach , lasse den Kram doch stecken ! “ sagte Henriette ungeduldig . „ Glaubst Du , ich bleibe gefälligst hier sitzen und sehe in grenzenloser Langmut zu , wie Du den weißen Faden aus- und einziehst ? “ Sie erhob sich und schob ihren Arm in den der Schwester . „ Gehen wir in das Musikzimmer ! Margarethe Giese schlägt uns noch das Instrument und die Nerven entzwei , wenn wir der Quälerei nicht ein Ende machen . “ Sie gingen in den anstoßenden Salon , aber die Dame am Clavier , die in ihren eigenen Leistungen schwelgte , blieb unangefochten … Die breite Flügelthür , die in Flora ’ s Arbeitszimmer führte , stand , wie gewöhnlich an den kleinen Empfangsabenden , weit offen ; man konnte das ganze große Zimmer übersehen . Es erschien mit seinem gedämpften Ampellicht fast dämmerig neben den brillant erleuchteten anderen Räumen , und seine dunkle Purpurfarbe nahm in den Ecken ein