er Niemand anders als Johanna meinen könne . » Eine junge , sehr vornehme Dame und Johanna heißt sie . O , sie ist so freundlich und gut gegen den armen Anton ; sie leibet nicht , daß Jemand über den häßlichen Anton lacht , und wenn sie mich sieht , dann sagt sie jedes Mal : › Armer Anton , wie geht es Dir ? bist Du auch hungrig ? ‹ und schnell eilt sie in ' s Haus zurück , um mir ein Butterbrod zu schneiden , so dick wie meine Faust . « » Das muß ja ein wahrer Engel sein , « bemerkte ich , innerlich ergötzt über die Art , in welcher er den Werth des jungen Mädchens veranschaulichte , » gewiß liebst Du die freundliche Dame sehr ? « » Die Leute lieben mich nicht , weil ich ein unglücklicher Krüppel bin , ich liebe daher auch die Menschen nicht . Warum sollte ich auch ? Ich habe mein Unglück ja nicht verschuldet . Aber das Fräulein liebe ich mehr , als mich selbst , mehr noch , als meinen Jakob , und ihr zu Gefallen möchte ich mich alle Tage von meinem Bruder blutig schlagen lassen . Jakob kennt das Fräulein auch schon ; ich habe ihm ihren Namen so oft vorgesagt , bis er ihn endlich gelernt hat . › Tag Johanna , koch Kaffee , Johanna ! ‹ ruft er Hundertmal hintereinander , der gute Jakob . « Während dieser Unterhaltung waren wir wacker vorwärts geschritten . Die schnelle Bewegung schien Anton gar keine Beschwerden zu verursachen , obgleich es sich ausnahm , als wenn er bei jedem Schritt über den als Stütze dienenden Krückstock zusammenbrechen müsse . Theilnahmvoll betrachtete ich ihn von der Seite ; die Art , in welcher er sich über Johanna aussprach , hatte meinem Herzen wohlgethan , und wenn er auch hin und wieder eine bittere Bemerkung über seine traurige Lage mit einflocht , so mußte ich mir doch gestehen , daß gar manche gute Regungen in seiner Brust lebten . Dieselben äußerten sich nur leider in einer kindischen und manche , ja die meisten Menschen unangenehm berührenden Weise , und reizten hier zum Spott , während sie dort wieder eine gewisse Furcht vor dem ungestaltenen Geschöpf hervorriefen . Für mich dagegen verlor der arme Bursche , je länger ich mit ihm sprach , immer mehr von seiner Häßlichkeit , und der dankbare Ausdruck , mit welchem er zeitweise seine trüben Augen auf mich richtete , rührte mich dergestalt , daß ich fast unwillkürlich das Gefühl der Dankbarkeit in noch höherem Grade in ihm wachzurufen mich bestrebte . Und für ihn , der von seiner Geburt an dazu bestimmt gewesen , wie ein unnützes Stück , wie ein widerwärtiges Hinderniß herumgestoßen und mißhandelt zu weiden , genügten ja wenige wohlmeinende Worte , um ihm den ganzen Tag in ein heiteres , unvergeßliches Fest zu verwandeln . Wir erreichten bald ein ländliches Gasthaus , vor welchem der Weg sich theilte , indem die eine Straße geradeaus nach dem nahe gelegenen Königswinter führte , die andere dagegen um den Fuß des Petersberges herum in das Siebengebirge hineinbog . Letztere war unser Weg , und wohl noch anderthalb Stunden hatte ich bis zur Oberförsterei zu wandern . » Komm , Anton , « sagte ich zu meinem Reisegefährten , indem ich auf den mit Tischen und Bänken besetzten Platz vor der Schänke zuschritt , » komm , ich habe Hunger und Durst , ein Schoppen Drachenfelser wird mir dienlich sein . « Anton folgte mir bis an den Gartenzaun , dort aber zog er sein schwarzes Brod aus der Tasche , und nachdem er derb in dasselbe hineingebissen , traf er Anstalt sich niederzulegen , um meine Rückkehr abzuwarten . » Nein , Anton , so war es nicht gemeint , « wendete ich mich zu dem überraschten Burschen , » spare das Schwarzbrote für Deinen Jakob . Bin ich auch kein reicher Mann , wie der Schiffer meinte , so kann ich doch noch etwas weißes Brod , ein Stück Schinken und einen Schoppen Wein für Dich bezahlen . « Erstaunt blickte Anton zu mir empor . » Wein will der liebe junge Herr mir geben ? « fragte er mit vor innerer Bewegung heiserer Stimme . » Ja , Anton , und so guten Drachenfelser , wie der Wirth ihn nur im Keller hat . « » Ich danke dem lieben jungen Herrn viel tausendmal ; werden der junge Herr mir den Wein und das schöne Weißbrod hierherschicken ? « » Bewahre , Anton , ich will in Deiner Gesellschaft essen . « » Aber der Wirth , er erlaubt es nicht ; ich verjage ihm die Gäste , und dann möchte es auch dem Herrn selber nicht in meiner Gesellschaft schmecken . « » Ach was , Anton , mir verdirbst Du den Appetit weniger , als mancher schlank gewachsene , vornehme Narr mit gesteiften Vatermördern und Lorgnette , dem vor lauter Hochmuth das Gehirn verkrüppelte ; wer keinen Gefallen an Dir findet , braucht Dich ja nicht zu beachten . Du setzest Dich zu mir an den Tisch , und den möchte ich sehen , der es wagte , mich auch nur mit einer Miene zu tadeln oder Dich schief anzusehen . Mußt wissen , Anton , ein Student ist ein großes Thier , welches sich von Niemand etwas befehlen läßt . « Anton ' s trübe Augen wurden noch trüber ; seine breite Brust hob und senkte sich schwer . Hätte ich ihm einen blanken Thaler geschenkt , seine Freude und seine Dankbarkeit hätten nicht größer sein kennen . Geschah es doch vielleicht zum erstenmal in seinem Leben , daß ein anderer Mensch ihm als einem gleich berechtigten Wesen begegnete und sich seiner nicht schämte . Jetzt , wo jene Zeiten so weit hinter mir liegen und ich mit ruhiger Ueberlegung zurückdenke , gestehe ich gern ein , daß neben meiner angeborenen Weichherzigkeit mich