rasend , schimpfte , schalt und verfluchte die Stätte , auf der er stand . Der entsetzte Pfarrer mußte zum Fenster hinaus den Küster rufen zu seiner Hilfe , und dieser schaffte im Verein mit einigen anderen Männern den armen abgewiesenen Freier in das städtische Krankenhaus , wo er in der gepolsterten Zelle untergebracht wurde und zwei Tage lang die Zwangsjacke trug . Dann wurde er wieder ruhig und man ließ ihn laufen . Jahrelang noch durchschritt er würdevoll , mit schwärmerischem Augenaufschlag , die Straßen der Stadt . 136 Dann blieb auch er plötzlich unsichtbar , verschwand für immer in die Landesirrenanstalt . Die Polizei fand eines Karfreitags , durch Kinder aufmerksam gemacht auf ein Stöhnen , das aus Mechaus Häuschen kam – er bewohnte dasselbe mit seiner Mutter , einer armen Näherin , die ihn so fanatisch liebte , daß sie ihn gänzlich ernährte , so gut und schlecht es von ihren paar Groschen möglich war – also , die Polizei fand Mechau am Boden seines Stübchens gekreuzigt vor , das heißt , er lag mit Stricken festgebunden auf einem großen plumpen Holzkreuz , und seine Mutter hockte weinend neben ihm , beide glaubten , Mechau sei der Erlöser und sie die schmerzensreiche Mutter . Der dicke Polizeiwachtmeister wurde als Kriegsknecht von ihr angesprochen . Mechau selbst hatte vor Schwäche und Mattigkeit die Besinnung verloren : er lag schon seit gestern so da . Man hatte Mühe , ihn wieder so weit zu kräftigen , um mit ihm die Reise nach Halle antreten zu können . Wie ein Lauffeuer verbreitete sich diese Kunde durch die Stadt , und wir Kinder redeten noch lange von der grauenvollen Tat Mechaus mit leiser Stimme und furchtsamen Augen . Original Nummer drei gehörte dem weiblichen Geschlechte an ; sie hieß schlechtweg Fräulein von Thadten . Eine einäugige große Person war sie mit glattem Madonnenscheitel , schlampigem dunklenWollkleid , einem bräunlichen dreizipfligen Umschlagetuch und einer Gitarre am verblichenen grünen Seidenband , die sie à la Troubadour handhabte . Die Ärmste trug über dem rechten Auge eine schwarze Lederbinde , und wenn diese sich verschob , sah man , daß das Auge ausgelaufen war . Jeden Monat mindestens einmal erschien sie in meinem elterlichen Hause ; das einleitende Geklimper ihrer Gitarre lockte uns Kinder natürlich schnell in den Flur , und wir waren auch kaum die Treppe hinuntergestürzt , da sang sie schon ohrenzerreißend : » Fordre niemand mein Schicksal zu hören , zim zim zim zim zerim , Dem das Leben noch wonnevoll winkt , zim zim zim zerim – – « 139 Sie hatte auch allen Grund , über ihr Schicksal zu schweigen , das arme Geschöpf . Tatsächlich war ihr von dem Leben weiter nichts geblieben als die Ehr ' und das alternde Haupt . Wirklich , sie war eine kreuzbrave Person trotz ihres Umhervagabundierens , und sie hätte , falls sie doch ihr Schicksal beschreiben gewollt , mit den Anfangsstrophen von Tiedges » Urania « beginnen können : » Mir auch war ein Leben aufgegangen , Welches reichbekränzte Tage bot . « – Röschen von Thadten hatte in einer wappengeschmückten Wiege gelegen und ihre erste Jugend war eine wohlbehütete gewesen . Dann aber hatte sie , der sorgfältigsten Erziehung ein Schnippchen schlagend , das Verlangen gepackt , Künstlerin zu werden . Von der Familie abgewiesen , war sie einfach desertiert mit einer Wandertruppe unterster Ordnung . Der alte Herr von Thadten , ihr Vater , ließ sie laufen , und doch war es sein einzigster Sprößling ! Die fassungslose Gattin rang sich die Hände wund um Erbarmen für ihr Töchterlein ; er blieb bei seinem : » Lieber gar kein Kind als solches ! « Röschen ließ nichts wieder von sich hören ; die Mutter starb vor Gram , der Alte aber lebte noch jahrelang weiter , verlassen , hart , menschenscheu . Als er die Augen schloß in hohen Jahren , war kein Vermögen mehr da , er hatte es verschenkt bei Lebzeiten ; nur ein paar Möbel und ein paar hundert Taler , die sich in seinem Schreibtisch fanden , blieben der verschollenen Tochter als Erbe . In den Zeitungen erschien ein Aufruf seitens der Gerichte an sie . Niemand glaubte an ihr Wiederkommen , aber siehe da , eines Tages stand auf dem Rathause vor dem erstaunten Bürgermeister unser Röschen , genau in dem Aufputz wie eben beschrieben , und erhob die Erbschaft . Sie erzählte , wie sie ihr Auge verloren habe bei Gelegenheit einer Feuersbrunst in irgend einer kleinen Stadt , wo die Gesellschaft ihre Bühne in einer leeren Scheuer etabliert hatte . Ein brennender , stürzender Balken habe sie getroffen , darauf sei sie untauglich geworden für die dramatische 140 Kunst und müsse nun leider auf diese Weise ihr Brot erwerben , das heißt , hausieren gehen und singen . Weshalb sie denn nicht bei Lebzeiten des Vaters gekommen sei , um seine Verzeihung zu erbitten ? Dazu fühle sie sich zu stolz , hatte sie gesagt , denn sie habe nie etwas Unehrenhaftes getan . Schließlich bat sie die hohe Obrigkeit um das Armenrecht in der Stadt , das man ihr weder bestreiten wollte , noch konnte , denn der alte Herr war in aller Stille manches Stadtarmen Wohltäter gewesen , und so mietete sich Fräukein Rosa von Thadten ein Stübchen in irgend einer winkligen Gasse und unternahm jeden Tag , den Gott werden ließ , ihre Konzerttouren . Nie sah man sie mit jemand reden , sie war zu stolz dazu . Sie steckte ihre Kupferpfennige mit einer wahrhaft großartigen Gebärde in die Tasche , schlug den Zipfel ihres Umschlagtuches über die Schultern , machte eine Verbeugung , wo sie niemand eines Blickes würdigte , und ging ins nächste Haus . Trotz des fehlenden Auges war sie , anfänglich noch , kein übles Frauenzimmer , und manch einer mag gedacht haben , mit der armen Bettelsängerin einen Scherz wagen zu dürfen ; aber dem Dreisten ward heimgeleuchtet . Dazumal sang noch die