das offne Fenster wiederzufinden suchten . Er raffte nun die Decke zusammen und schlug mehrmals durch die Luft , um die Störenfriede wieder hinauszujagen . Aber das unter diesem Jagen und Schlagen immer nur ängstlicher werdende Geziefer schien sich zu verdoppeln und summte nur dichter und lauter als vorher um ihn herum . An Schlaf war nicht mehr zu denken , und so trat er denn ans offne Fenster und sprang hinaus , um , draußen umhergehend , den Morgen abzuwarten . Er sah nach der Uhr . Halb zwei . Die dicht vor dem Salon gelegene Gartenanlage bestand aus einem Rondel mit Sonnenuhr , um das herum , in meist dreieckigen und von Buchsbaum eingefaßten Beeten , allerlei Sommerblumen blühten : Reseda und Rittersporn und Lilien und Levkojen . Man sah leicht , daß eine ordnende Hand hier neuerdings gefehlt hatte , trotzdem Krist zu seinen vielfachen Ämtern auch das eines Gärtners zählte ; die Zeit indes , die seit dem Tode der Gnädigen vergangen war , war andrerseits eine viel zu kurze noch , um schon zu vollständiger Verwilderung geführt zu haben . Alles hatte nur erst den Charakter eines wuchernden Blühens angenommen , und ein schwerer und doch zugleich auch erquicklicher Levkojenduft lag über den Beeten , den Schach in immer volleren Zügen einsog . Er umschritt das Rondel , einmal , zehnmal , und balancierte , während er einen Fuß vor den andern setzte , zwischen den nur handbreiten Stegen hin . Er wollte dabei seine Geschicklichkeit proben und die Zeit mit guter Manier hinter sich bringen . Aber diese Zeit wollte nicht schwinden , und als er wieder nach der Uhr sah , war erst eine Viertelstunde vergangen . Er gab nun die Blumen auf und schritt auf einen der beiden Laubengänge zu , die den großen Parkgarten flankierten und von der Höhe bis fast an den Fuß des Schloßhügels herniederstiegen . An mancher Stelle waren die Gänge noch obenhin überwachsen , an andern aber offen , und es unterhielt ihn eine Weile , den abwechselnd zwischen Dunkel und Licht liegenden Raum in Schritten auszumessen . Ein paarmal erweiterte sich der Gang zu Nischen und Tempelrundungen , in denen allerhand Sandsteinfiguren standen : Götter und Göttinnen , an denen er früher viele hundert Male vorübergegangen war , ohne sich auch nur im geringsten um sie zu kümmern oder ihrer Bedeutung nachzuforschen ; heut aber blieb er stehn und freute sich besonders aller derer , denen die Köpfe fehlten , weil sie die dunkelsten und unverständlichsten waren und sich am schwersten erraten ließen . Endlich war er den Laubengang hinunter , stieg ihn wieder hinauf und wieder hinunter und stand nun am Dorfausgang und hörte , daß es zwei schlug . Oder bedeuteten die beiden Schläge halb ? War es halb drei ? Nein , es war erst zwei . Er gab es auf , das Auf und Nieder seiner Promenade noch weiter fortzusetzen , und beschrieb lieber einen Halbkreis um den Fuß des Schloßhügels herum , bis er in Front des Schlosses selber war . Und nun sah er hinauf und sah die große Terrasse , die , von Orangeriekübeln und Zypressenpyramiden eingefaßt , bis dicht an den See hinunterführte . Nur ein schmal Stück Wiese lag noch dazwischen , und auf eben dieser Wiese stand eine uralte Eiche , deren Schatten Schach jetzt umschritt , einmal , vielemal , als würd er in ihrem Bann gehalten . Es war ersichtlich , daß ihn der Kreis , in dem er ging , an einen andern Kreis gemahnte , denn er murmelte vor sich hin » Könnt ich heraus ! « Das Wasser , das hier so verhältnismäßig nah an die Schloßterrasse herantrat , war ein bloßer toter Arm des Sees , nicht der See selbst . Auf diesen See hinauszufahren aber war in seinen Knabenjahren immer seine höchste Wonne gewesen . » Ist ein Boot da , so fahr ich . « Und er schritt auf den Schilfgürtel zu , der die tief einmündende Bucht von drei Seiten her einfaßte . Nirgends schien ein Zugang . Schließlich indes fand er einen überwachsenen Steg , an dessen Ende das große Sommerboot lag , das seine Mama viele Jahre lang benutzt hatte , wenn sie nach Karwe hinüberfuhr , um den Knesebecks einen Besuch zu machen . Auch Ruder und Stangen fanden sich , während der flache Boden des Boots , um einen trockenen Fuß zu haben , mit hochaufgeschüttetem Binsenstroh überdeckt war . Schach sprang hinein , löste die Kette vom Pflock und stieß ab . Irgendwelche Ruderkünste zu zeigen war ihm vorderhand noch unmöglich , denn das Wasser war so seicht und schmal , daß er bei jedem Schlage das Schilf getroffen haben würde . Bald aber verbreiterte sich ' s , und er konnte nun die Ruder einlegen . Eine tiefe Stille herrschte ; der Tag war noch nicht wach , und Schach hörte nichts als ein leises Wehen und Rauschen und den Ton des Wassers , das sich glucksend an dem Schilfgürtel brach . Endlich aber war er in dem großen und eigentlichen See , durch den der Rhin fließt , und die Stelle , wo der Strom ging , ließ sich an einem Gekräusel der sonst spiegelglatten Fläche deutlich erkennen . In diese Strömung bog er jetzt ein , gab dem Boote die rechte Richtung , legte sich und die Ruder ins Binsenstroh und fühlte sofort , wie das Treiben und ein leises Schaukeln begann . Immer blasser wurden die Sterne , der Himmel rötete sich im Osten , und er schlief ein . Als er erwachte , war das mit dem Strom gehende Boot schon weit über die Stelle hinaus , wo der tote Arm des Sees nach Wuthenow hin abbog . Er nahm also die Ruder wieder in die Hand und legte sich mit aller Kraft ein , um aus der Strömung heraus und an die verpaßte Stelle zurückzukommen , und freute sich der Anstrengung , die ' s ihn