meiner bemächtigte , als Mrs. Reed mein wildes Flehen um Verzeihung verlachte und mich zum zweitenmal in das düstere , gespenstische Zimmer sperrte . Ich war zu Ende . Schweigend betrachtete Miß Temple mich einige Minuten ; dann sagte sie : » Ich habe von Mr. Lloyd gehört ; ich werde an ihn schreiben ; wenn seine Antwort mit deinen Angaben übereinstimmt , so sollst du öffentlich von jeder Anklage freigesprochen werden . Für mich , Jane , stehst du schon jetzt unschuldig da . « Sie küßte mich und behielt mich noch an ihrer Seite . Mir gewährte das Betrachten ihres Angesichts , ihres Kleides , ihrer wenigen prunklosen Schmuckgegenstände , ihrer weißen Stirn , ihrer dicken , glänzenden Locken und strahlenden schwarzen Augen ein kindliches Vergnügen . Zu Helen Burns gewandt , fuhr sie fort : » Wie geht es dir heute Abend , Helen ? Hast du während des ganzen Tages viel gehustet ? « » Nicht ganz so viel wie sonst , glaube ich . « » Und der Schmerz in deiner Brust ? « » Er ist nicht mehr so heftig . « Miß Temple erhob sich , nahm ihre Hand und prüfte den Puls . Dann kehrte sie auf ihren Sitz zurück ; ich hörte , wie sie leise seufzte . In Nachdenken versunken , verharrte sie einige Minuten ; dann erwachte sie gleichsam und sagte fröhlich : » Aber heute Abend seid ihr beide meine Gäste ; ich muß euch als solche bewirten . « Sie zog die Glocke . » Barbara , « sprach sie zu dem Mädchen , welches hierauf eintrat , » ich habe noch keinen Thee getrunken , bringe das Theebrett und bringe auch Tassen für diese beiden jungen Damen . « Bald wurde das Theebrett gebracht . Wie hübsch erschienen der glänzende Theetopf und die Porzellantassen meinen Augen , als sie auf dem kleinen Tisch neben dem Kamin standen ! Wie köstlich war das Aroma des heißen Getränks . Und nun erst der Duft der gerösteten Weißbrotschnitten ! Zu meinem Bedauern – denn der Hunger begann jetzt , sich bei mir fühlbar zu machen – sah ich nur eine kleine Portion davon auf dem Teller ; auch Miß Temple schien diese Entdeckung zu machen , » Barbara , « sagte sie , » könntest du mir nicht noch etwas Brot und Butter bringen ? Es ist nicht genug für drei . « Barbara ging hinaus . – Gleich darauf kam sie zurück . » Madame , Mrs. Harden sagt , sie habe die gewöhnliche Portion heraufgeschickt . « Ich muß bemerken , daß Mrs. Harden die Haushälterin war , eine Frau nach Mr. Brocklehursts Herzen , die aus gleichen Teilen Fischbein und Eisen zusammengesetzt war . » Schon gut , schon gut ! « entgegnete Miß Temple ; » dann muß es wohl für uns genug sein , Barbara . « Als das Mädchen fort war , fügte sie lächelnd hinzu : » Glücklicherweise liegt es in meiner Macht , dem Mangel dieses eine Mal noch abzuhelfen , « Nachdem sie Helen und mich aufgefordert hatte , uns an den Tisch zu setzen , und jeder von uns eine Tasse heißen Thee ' s und eine Scheibe köstlichen gerösteten Weißbrots gegeben hatte , erhob sie sich , öffnete eine Schieblade , nahm aus derselben ein in Papier gewickeltes Paket und enthüllte vor unseren Augen einen großen , prächtigen Krümelkuchen , » Ich hatte die Absicht , jeder von euch ein Stück hiervon mit auf den Weg zu geben , « sagte sie , » da man uns aber so wenig Toast bewilligt hat , sollt ihr es jetzt schon haben , « und sie begann mit großmütiger Hand , den Kuchen in Scheiben zu schneiden . Wir schmausten an diesem Abend wie von Nektar und Ambrosia ; und es war nicht die kleinste Freude dieses Festes , daß unsere Wirtin uns mit freundlich zufriedenem Lächeln zusah , wie wir unseren regen Appetit an den köstlichen Leckerbissen , welche sie uns vorsetzte , stillten . Als der Thee getrunken und der Tisch abgeräumt war , rief sie uns wieder an den Kamin ; wir setzten uns an jede Seite von ihr , und jetzt folgte ein Gespräch zwischen Helen und ihr , welchem lauschen zu dürfen allerdings eine Begünstigung war . Miß Temple hatte stets etwas von Seelenfrieden in ihrem Äußeren , von Hoheit in ihrer Miene , von geläutertem Anstand in ihrer Sprache , welches jede Abweichung in das Feurige , Erregte , Ungestüme ausschloß – ein Etwas , welches die Freude jener heiligte , welche ihr zuhörten , welche sie anblickten , und allen ein Gefühl der Ehrfurcht einflößte . In diesem Augenblick war es auch meine Empfindung : – was aber Helen Burns anbetraf , so überraschte sie mich aufs höchste . Das erfrischende Mahl , das wärmende Feuer , die Gegenwart ihrer geliebten Lehrerin oder vielleicht mehr als alles dieses etwas in ihrem eigenen seltenen Gemüt , hatte alle Kräfte und Gaben in ihr geweckt . Sie erwachten , sie entflammten ; zuerst glühten sie in den strahlenden Farben ihrer Wangen , welche ich bis zu dieser Stunde niemals anders als bleich und blutleer gekannt hatte ; dann strahlten sie in dem feuchten Glanz ihrer Augen , welche plötzlich eine Schönheit bekommen hatten , die noch eigentümlicher war , als jene Miß Temples – eine Schönheit , die weder in der schönen Farbe noch in den langen Wimpern oder den herrlich gezeichneten Augenbrauen lag , – sondern in dem Ausdruck , in der Bewegung , in dem Glanz . Jetzt trug sie das Herz auf der Zunge und die Sprache floß – aus welcher Quelle weiß ich nicht – denn hat ein vierzehnjähriges Mädchen ein Herz , das groß genug , stark und kräftig genug ist , um den brausenden Quell der reinen , vollen , feurigen Beredsamkeit fassen zu können ? Dies war die Eigenart von Helens Gesprächsweise an diesem mir unvergeßlichem Abende ;