und sie schämte sich für die Schwester . Sie mochte Lenore nicht mehr anschauen , sie faßte einen Widerwillen gegen sie und konnte sich kaum entschließen , ihr den Gruß zurückzugeben . Der Verirrten Vorhaltungen zu machen , dazu fehlte ihr das Wort , sie war des Wortes nur in geringem Grade mächtig , sie mußte alles in sich hineinwürgen , Unrecht und Schmerz . So härmte sie sich um Lenores willen und wurde zugleich immer erregter und wilder , als locke sie etwas am Tun der Schwester , und sie konnte häufig keinen Schlaf finden . Ihre Unruhe war so groß , daß sie nicht lange mehr am Stickrahmen sitzen blieb und überhaupt keine Arbeit mehr richtig zu Ende brachte . Es trieb sie hinaus , und war sie draußen , so trieb es sie wieder heim . Das Herz klopfte ihr , wenn sie allein im Zimmer war , und war der Vater oder der Bruder oder Lenore da , so hielt sie deren Gegenwart nicht aus und flüchtete in ihre Kammer . Wenn es heiß war , schloß sie die Fenster , wenn es kalt war , lehnte sie sich hinaus . Wenn es still war , wurde ihr bange , wenn es laut war , sehnte sie sich nach Ruhe . Sie hatte kein Gebet , es war alles so dumpf in ihr , sie spürte die Verkettungen der Stunde als etwas Grausames , sie wünschte Jahre überschlagen zu können , wie man viele Seiten eines quälenden Buches überschlägt , und wußte sie keinen Ausweg mehr , so eilte sie in die Frauenkirche und warf sich vor den Altar hin und blieb regungslos , das Gesicht verhüllt , bis die Seele wieder stiller war . Es drängte sie zu Lenore hin , sie konnte sich nicht dagegen wehren , nicht bloß , weil sie wachsam sein und Unheil verhüten wollte ; es war etwas Schauriges , eine grauenvolle Neugier , und bisweilen folgte sie der Schwester heimlich und sah einmal von ferne , daß sie mit einem Manne ging , der auf sie gewartet hatte . Da vermochte sie sich nicht mehr von der Stelle zu rühren , und Lenore gewahrte sie . Am andern Tag aber kam Lenore von selbst zu ihr und sprach mit anmutiger Offenheit über ihre Beziehung zu Eberhard von Auffenberg . Was sie von seinem Schicksal wußte , darüber schwieg sie ; sie deutete nur an , daß er sehr unglücklich sei . Sie erzählte , wie sie ihn im vorigen Winter beim Eisfest auf dem Dutzendteich kennen gelernt ; wie er an ihr hänge , wie zart und rücksichtsvoll er sich stets gegen sie betragen habe , wie gern sie ihm Freundschaft erweise und wie sehr er ihrer Freundschaft bedürftig sei . Darauf schwieg Gertrud lange , endlich sagte sie mit jener tiefen Stimme , die klang , als ob sie aus Fülle geborsten wäre : » Entweder müßt ihr heiraten , oder ihr dürft euch nicht mehr sehen . Was du tust , ist ein Verbrechen . « » Ein Verbrechen ? « erwiderte Lenore erstaunt ; » wieso denn ? « » Frag nur dein Gewissen , « war die mit gesenkten Augen gegebene Antwort . » Mein Gewissen ist aber ganz ruhig . « » Dann hast du eben keins , « sagte Gertrud hart . » Du lügst und läßt dich belügen . Du bist in der Schlechtigkeit drinnen , da ist keine Rettung . Wie die unreinen Blicke von dem Mann und seine häßlichen Gedanken und die von den andern an dir sind ! Du bist ja über und über befleckt . Du weißt es ja nicht , ich aber weiß es . « Sie stand auf , wobei sie den Stuhl geräuschvoll mit den Kniekehlen zurückstieß und schaute Lenore mit ihren unheimlichen , schwarzen Augen an . » Sprich mir nie wieder davon , « flüsterte sie mit zitternden Lippen , » nie wieder . « Damit ging sie hinaus . Da empfand Lenore etwas wie Abscheu vor der Schwester . Von einer geheimnisvollen Ahnung bewegt , spürte sie in Gertrud die ihr vom Schicksal bestimmte Widersacherin . 15 Als der Herbst anfing , kalt zu werden , kam Daniel wieder häufig zu Jordans hinauf . Obwohl er nun zu Hause selbst einen warmen Ofen hatte , erinnerte er sich gern des gemütlichen Winkels vom vorigen Jahr . Er besaß eine Anhänglichkeit für Dinge und Räume , die größer war als die für Menschen . Den Inspektor traf er nur selten , der war jetzt immer unterwegs , da er ohne feste Stellung für verschiedene Gesellschaften tätig war ; Benno kam nach den Bureaustunden bloß heim , um sich in seinem Zimmer zu rasieren und für den Abend so elegant wie möglich zu machen . Mit Gertrud wollte er nicht allein sein , deshalb stellte er sich gewöhnlich erst nach sechs Uhr ein , wenn Lenore schon zu Hause war . Da er wußte , daß Lenore seit einiger Zeit eifrig Französisch und Englisch lernte und diese Abendstunden ihr unentbehrlich waren , bat er sie , sich nicht stören zu lassen . Er behauptete , er finde es am angenehmsten , ruhig sitzen zu können und nicht sprechen zu müssen . Nach einer Stunde oder nach zweien ging er mit einem undeutlich gemurmelten Gruß wieder fort . Bisweilen hatte er ein Buch mit und las . Erhob er den Blick , so sah er die über das Schreibheft gebeugte Gestalt Lenores , ihre vom Lampenlicht goldig durchleuchteten Haare , die über dem Scheitel und an den Schläfen noch in feinen Fäden blitzten , und den entschlossen verpreßten Mund mit den lieblich hinabgebogenen Ecken . Dann sah er Gertrud , die jetzt die Haare nicht mehr lose trug , sondern in einem dichten Knoten über dem Nacken , auch kein grünes Kleid mehr , sondern ein braunes , welches vorne eine Reihe großer , glänzend schwarzer Knöpfe hatte . Manchmal flog ein Wort von Lenore