anderemal , der letzte Grund ihrer scheinbar unerklärlichen Handlungsweise . Tschun fühlte an jenem Morgen dunkel , daß eine ganz einzige Gelegenheit unwiederbringlich versäumt worden war , und daß sich das irgendwie rächen müsse . Eine Ahnung sagte ihm , daß die letzten Worte der Hingerichteten sich erfüllen sollten , daß all das , wonach diese gestrebt hatten , schließlich wohl erreicht werden würde , aber nicht auf friedliche Weise , wie sie es gewollt , sondern mit Kämpfen und Schrecknissen , unter denen jene vielleicht mit zu leiden haben würden , die heute in träger Kurzsichtigkeit das Reformwerk preisgegeben hatten . Aber es waren dies Tage , die niemandem Muße ließen zum Grübeln über die Geschehnisse des Gestern , weil ja jedes Heute allzuviel Neues brachte . Dafür sorgte schon Tzü Hsi . Ihrem Rachedurst hatten das Blut der Hingerichteten und die Tränen so mancher anderen , die verbannt und entehrt worden , offenbar noch nicht genügt . Ihre Seele hungerte nach höherem Opfer . Und die greise » Pekinger Zeitung « , die schon das Kommen und Gehen so vieler Menschengenerationen berichtet , begann zu melden , daß der Kaiser Kwang Hsü schwer erkrankt sei . Alle Chinesen wußten , was das zu bedeuten habe . Und die Barbiere machten bekümmerte Gesichter , denn nach eines chinesischen Kaisers Tod darf sich ja während hundert Tagen kein Untertan den Vorderschädel rasieren lassen - da sah die Geschäftskonjunktur freilich düster aus ! » Der Himmelssohn lebt der Gnadenreichen viel zu lange , « flüsterte man in den Teehäusern . » Sie hatte ihn ja gerade wegen seiner Schwächlichkeit für die Thronfolge ausgesucht . « - » Sie hat schon einen neuen Kaiser in Aussicht genommen , ein kleines Kind ist es , dann führt sie die Regentschaft wieder auf viele Jahre . « Aber für den armen jungen Kaiser , den doch eigentlich niemand gekannt , weil er auch schon vor seiner Gefangennahme , strenger noch als von den purpurnen Mauern der verbotenen Stadt , durch tausend uralte Etikettevorschriften von der Welt abgeschlossen gewesen war und nur wie ein Phantom hatte regieren dürfen - für die Rettung dieses Kaisers regten sich jetzt manche Hände . Es ward bekannt , der Taotai von Schanghai habe an Tzü Hsi eine Adresse gesandt , die von Tausenden unterschrieben worden war , und in der die Hoffnung ausgedrückt wurde , daß der Kaiser sich erholen und dann wieder die Regierung übernehmen möge . Im Süden sprach man deutlicher ; ein mächtiger Vizekönig meldete , daß ernste Revolten zu befürchten seien , falls des Kaisers Krankheit sich etwa verschlimmern sollte . Ja sogar die Fremden rührten sich . Die chinesischen Lehrer der Dolmetscher erzählten , » eine Gesandtschaft habe im Tsungli-Yamen angedeutet , daß sie es peinlich empfinden würde , wenn der von ihrem Souverän erst kürzlich dekorierte Kaiser nun plötzlich verschwinden sollte . « - Tzü Hsis Antwort auf all das war ein Edikt , das die Absetzung des Taotai von Schanghai verkündete . Der mächtige Vizekönig des Südens dagegen war ein zu unabhängiger Satrap , als daß sie wagen mochte , sich in diesem Augenblick mit ihm zu messen . Da würde die Zeit vielleicht Rat schaffen . Einstweilen mußte sie sich begnügen , ihm einen allgemein ermahnenden Erlaß zu senden . - Am allerwenigsten konnte sie naturgemäß den Fremden anhaben - einstweilen wenigstens , denn auch darin konnte die Zeit ja Wandel bringen ! - Mit den Reformern war sie ja so leicht fertig geworden - vielleicht würde sich doch noch einmal der Augenblick finden , wo sie endgültig auch mit jenen abrechnen konnte , deren Anwesenheit und Lehren doch den Ursprung alles Uebels bildeten . Auffallend war , in wie übertriebener Darstellung der fremden Gesandtschaft sehr bescheidener Schritt zugunsten des Kaisers zur Kenntnis des großen Publikums kam . Absichtlich aufreizende Ausstreuungen mußten da gewirkt haben . Man führte sie zurück auf den zunehmenden Einfluß Kang yis , den schon die bloße Gegenwart der Ausländer in Peking eine mit ungeduldigem Haß ertragene Demütigung dünkte . - » Die Anmaßung der Fremden , ihre Einmischungen in unsere Angelegenheiten werden immer unerträglicher , « sagten Leute vom Schlage des alten Lin te i , » es geht sie doch gar nichts an , wie unsere Herrscher ihre Differenzen untereinander austragen . « Und die konservativen Gelehrtennaturen , denen überhaupt alles gut schien , was sich mit Beispielen aus der Vergangenheit belegen ließ , sagten : » Gegen ein Verschwinden Kwang Hsüs unter den obwaltenden Umständen würde nichts Erhebliches einzuwenden sein , denn es ließen sich dafür geschichtliche Präzedenzfälle anführen . « Immerhin erreichten die verschiedenen Fürsprecher doch so viel , daß eine Verschlimmerung im Befinden des Kaisers einstweilen ausblieb . Ja , er wurde sogar gezeigt . Am Tage , da im Mondtempel die alljährlichen weißen Opfer an Perlen , Seide und Stieren vom Himmelssohn selbst im Namen des ganzen Volkes dargebracht werden müssen , ward Kwang Hsü , bleich und schattenhaft , von seinem Inselgefängnis aus hingetragen . Ein ungeheures Aufgebot von Palastwächtern und Soldaten umgab die gelbe kaiserliche Sänfte . Für ein Ehrengeleit konnten sie gelten und waren doch lauter Kerkermeister . Und sogar einige der verhaßten Ausländer sollten den Kaiser zu sehen bekommen . Aus Angst , in ihren reaktionären Maßregeln vielleicht zu weit gegangen zu sein , entschloß sich nämlich die göttliche Mutter , die Frauen der fremden Gesandten in ihre gnadenreiche Gegenwart zu entbieten . Denn Tzü Hsis leidenschaftlicher Wesensart entsprach das bedächtige Schreiten auf goldener Mittelstraße nie so recht . Sie gehörte eher zu dem Typus jener Herrscher , die das Wippesystem bevorzugen und , gottähnlich , daran Gefallen finden , je nach Belieben erhöhen und erniedrigen zu können . Daß das Gefühl für richtiges Maß dabei bisweilen verloren ging , und Aufstiege und Stürze mitunter etwas plötzlich erfolgten , lag in der Natur des schwindelerregenden Spiels . Als sich in der Gesandtschaft die Nachricht verbreitete , daß die Taitai zur Audienz bei der Kaiserin geladen sei ,