Überwindung und hatte in keinem Zustand ein gutes Gewissen . So erzählte Stanislaus seiner Schwester . Es war dunkler geworden , die Wirtin , ein alleinstehendes , altes Fräulein , hatte die Lampe auf den Tisch gestellt , und die » Schwester « verstohlen von der Seite betrachtet . Hätte sie ihren Mieter nicht als den solidesten möblierten Herrn gekannt , der jemals ihre gute Stube bewohnt hatte , - sie wäre mißtrauisch geworden . Olga hatte der Schilderung ihres Bruders mit großen Augen gehorcht . » Und sein Beruf ? « » Seine Stelle als Lektor gibt ihm wenig Befriedigung . « » Warum bleibt er dann dort ? « » Er war dem Verhungern nahe , als er endlich diese Stelle bekam . « » Und was ist er - eigentlich ? « » Er unterbrach sein Studium der Philosophie , als sein Vater starb und ihn arm zurückließ ; er begann dann zu schreiben ; aber trotzdem er sogar Beachtung fand , - als einer , der das Wort eng und tief faßte , - fristete er sich damit nur eine Zeitlang ; eines Tages konnte er nicht weiter , - erschöpft , mit überhetztem Gehirn , brach er zusammen . « Erregt ging Stanislaus in der Stube auf und ab . » Wer hilft einem verhungerten Schriftsteller ? Der Lohnarbeiter ist organisiert , hat Kranken- und Streikkassen , klebt Marken für Alter und Invalidität ; aber unsereins kann an Hungertyphus zugrunde gehn , wenn der Betrieb mal stockt . « » Ich möchte ihn kennen lernen « , sagte Olga . » Er geht jetzt nur selten unter neue Menschen . Wie er sagt , fühlt er sich momentan zu geschwächt , um sich an andern zu behaupten . « » Und er schreibt nicht mehr ? « » Soviel ich weiß , - kann er es nicht mehr . « » Kann er es nicht , da er es früher konnte ? « Sie sah den Bruder fragend an . - » Wie ist das zu verstehen ? Hat er keine Ideen , keine Stoffe mehr ? « » Im Gegenteil « ... Stanislaus schwieg , als suche er für das , was er berichten wollte , die eindringlichste Erklärung . Nachdenklich fuhr er dann fort : » Im Gegenteil ; eigentlich ist Hoffmann zum Schriftsteller berufen ; fast täglich kommt er mit neuen Plänen , und zahllose Stoffe drängen sich im Vorbezirk seiner Phantasie . « » Aber ? « » Aber - da ist irgendwo ein Hindernis . Denn diesem Gedränge steht - wie soll ich sagen - eine Art von unnachgiebiger Hemmung gegenüber , ein unbesiegliches Unvermögen , sich dem Stoff auch nur zu nähern . Er müßte , wenn er seiner Tintenscheu überhaupt Herr würde , unbedingt immer beginnen : Zögernd ergreife ich die Feder . « » Und was geschieht mit diesen zurückgedrängten Ideen ? Verpufft das alles in nichts ? « » Nicht ganz . Manchmal kommt es unter der Einwirkung von starkem Kaffee , Nikotin , Menschen- und Zigarrendampf und einer auf die Nerven tastenden Geselligkeit zur Entladung . Im Caféhaus turnen dann die Energien , und dem Expansionsdrang des geistigen Gewebes wird da genügt . - - Ein solcher Exzeß , vereinzelt , wäre noch nicht schlimm ; geschieht das aber regelmäßig , so treten bald alle Merkmale einer schlecht funktionierenden Phantasie auf , - die entweder leer ist , oder so überfüllt , daß sich ihr Inhalt verknäuelt . « » Du sagtest da vorhin etwas von Tintenscheu , - wie meinst du das ? « » Nun , zuzeiten laufen die Gedanken , - wenn man es unternimmt , sie bis zur Spitze der Feder zu treiben , - auseinander , wie eine Schar Gänse , in die ein Hund hineinspringt ... der Tintentegel wirkt dann so unheimlich , wie ein Instrument der schwarzen Magie ; ... ein Zustand , den jeder Schriftsteller kennt ; - nur darf er , wie gesagt , nicht chronisch werden , und der Bann dieser Magie muß sich rechtzeitig sprengen lassen . « Olga dachte , daß sie diese Angst vor der Tinte - was sie selbst betraf - recht gut begreifen könnte ; hatte sie doch immer ein Widerstreben dagegen , auch nur die Hauptgedanken eines Vortrags aufs Papier zu bringen . Ihr Mittel war das gesprochene Wort ; aber bei einem , der schreiben wollte und sollte , mußte das doch anders sein . » Vielleicht fehlt es deinem Freund vorübergehend an Stimmung « , meinte sie . Stanislaus lächelte . » Um sich selbst ganz zu besitzen , - also zur produktiven Arbeit , - braucht man nicht so sehr eine besondere , positive Stimmung . « » Was sonst ? « » Ein gewisses Maß von Freiheit ; und dies fehlt ihm . « » Du meinst Freiheit von - Bedrängnissen ? Seelischen , moralischen und vielleicht auch ökonomischen Bedrängnissen ? « Zögern sagte er : » Ja , - ein gewisses Maß von innerer Freiheit braucht man . « Und leise , dumpf , fügte er hinzu : » Vielleicht auch von sinnlichen Bedrängnissen . « Er schwieg , blickte nieder , und die Hand schob unruhig den Teelöffel am Tischtuch hin und her , daß er leise gegen die Tasse klirrte . Es läutete . Draußen wurde die Korridortür geöffnet , und gleich darauf klopfte es an die Tür von Stanislaus Zimmer . Einen breitkrämpigen Filzhut tief in die Stirn gedrückt , in eine Lodenpelerine gehüllt , so trat der , von dem die Rede gewesen , ein . Er war nur wenig über Mittelgröße und von gedrungenem Wuchs ; das Gesicht war bleich , länglich , bartlos , und große , dunkle , beinah kindliche Augen blickten sanft und traurig unter dem weißen Bogen der Stirn . Die Mundwinkel hingen ein wenig müde herunter , und die breite Unterlippe schien beim Sprechen manchmal zu zittern . Stanislaus hatte ihm von der Anwesenheit