andres Mittel eingefallen sei , um die lästigen Störungen abzuwenden . Inständig flehte er uns an , Ihnen nichts von seinem Fehltritt zu erzählen , er wolle es nie wieder tun . Ich hab mirs aber überlegt und bin zu dem Schluß gelangt , daß es besser ist , wenn Sie alles wissen . Es ist vielleicht noch Zeit , um das böse Laster mit Erfolg zu bekämpfen . Man kann ihm ja nicht ins Herz schauen , doch ich glaube noch immer an die Unverdorbenheit seines Gemüts , wenngleich ich überzeugt bin , daß uns nur die äußerste Wachsamkeit und unerbittliche Maßnahmen vor gröberen Enttäuschungen bewahren können . « Daumer sah vollkommen vernichtet aus . » Und das von einem Menschen , auf dessen heiliges Wahrheitsgefühl ich Eide geschworen hätte « , murmelte er . » Wenn Sie es nicht wären , der mir das erzählt , ich würde lachen . Noch vor einer Stunde hätte ich jeden für einen Schurken erachtet , der mir gesagt hätte , Caspar sei einer Lüge fähig . « » Auch mir ist es nah gegangen « , versetzte Herr von Tucher . » Aber wir müssen Geduld haben . Sehen Sie zu , halten Sie die Augen offen , warten Sie auf den nächsten gegründeten Anlaß , dann greifen Sie ein , und zwar mit wuchtiger Hand . « Eine Lüge ; nein , zwei Lügen auf einmal ! Der arme Daumer er wußte sich keinen Rat . Er ging hin und überlegte . Herr von Tucher nimmt den ganzen Vorgang zu schwer , sagte er sich ; Herr von Tucher ist eine sehr gerechte Natur , aber ohne Zweifel ein Mann mit vielen Vorurteilen , die ihn dazu verführen , eine Lüge mit allen verfemenden Zeichen der Übeltat auszustatten ; Herr von Tucher kennt das tägliche Leben nicht , das unsereinen unterscheiden lehrt zwischen dem , was schlecht ist und was der Andrang gebieterischer Umstände auch dem Redlichsten entpreßt . Aber was geht mich Herr von Tucher an , hier handelt es sich um Caspar . Ich glaubte einst , von ihm fordern zu dürfen , was keiner sonst von keinem fordern darf . War es eine Verblendung , eine Anmaßung von mir ? Wir wollen sehen ; ich muß jetzt herausbekommen , ob er schon zu den Gewöhnlichen gehört oder ob sein Wille noch einer unhörbar rufenden Stimme zu gehorchen fähig ist . Hat sich sein Ohr jedem Geisterhauch und -schall schon verschlossen , dann ist seine Lüge eine Lüge wie jede andre , kann ich aber noch übersinnliche Kräfte des Verstehens in ihm wecken , dann will ich die Philister verachten , die immer gleich mit dem Bakel erscheinen . Es bedurfte einer schlaflosen Nacht , um dem sonderbaren Plan Daumers , der eine Art Gottesurteil in sich schließen sollte , auf die Beine zu helfen . Die Weigerung Caspars , sein Tagebuch zu zeigen , gab den Anstoß . Ich will ihn bewegen , mir aus eignem Trieb das Heft zu bringen , kalkulierte Daumer ich will etwas wie eine metaphysische Kommunikation zwischen mir und ihm herstellen ; ich werde ihn , ohne ein Wort zu sprechen , mit meinem geistigen Verlangen zu erfüllen trachten und werde eine Stunde festsetzen , innerhalb deren das nur Gewünschte zu geschehen hat . Kann er folgen , so ist alles gut ; wenn nicht , dann ade , Wunderglaube , dann hat dieser beredsame Materialist recht gehabt , mir die Seele wegzudisputieren . Am Morgen , so gegen neun Uhr , kam Anna zu ihrem Bruder und sagte , Caspar gefalle ihr heute ganz und gar nicht ; er sei schon um fünf aufgestanden und es sei eine Unruhe in ihm , die sie noch nie wahrgenommen ; beim Frühstück habe er fortwährend ängstlich um sich herumgeschaut und keinen Bissen gegessen . Daumer lächelte . Sollte er jetzt schon spüren , was ich mit ihm vorhabe ? dachte er , und seine Stimmung wurde mild und zuversichtlich . Ein schicklicher Vorwand , die Frauen aus dem Haus zu schaffen , fand sich ungezwungen ; Frau Daumer mußte ohnehin auf den Markt , Anna wurde überredet , einige Besuche zu machen . Um elf Uhr machte sich Caspar an seine Schularbeiten , Daumer ging ins Nebenzimmer , ließ aber die Tür offen . Er setzte sich , das Gesicht gegen Caspars Platz gerichtet , ein wenig hinter der Schwelle auf ein Stühlchen , und es gelang ihm alsbald , mit erstaunlicher Energie all seine Gedanken auf das eine Ziel zu richten , auf dem einen Punkt zu sammeln . Im Haus war es sehr still , kein Laut störte das wunderliche Beginnen . Bleich und gespannt saß er also und beobachtete , daß Caspar häufig aufstand und zum Fenster trat . Einmal öffnete er das Fenster , das andre Mal schloß er es wieder . Dann begab er sich zur Tür und schien zu überlegen , ob er hinausgehen solle . Sein Auge war ohne Stetigkeit und sein Mund eigentümlich gramvoll verzogen . Aha , es rumort in ihm , frohlockte Daumer , und immer , wenn Caspar sich dem Schränkchen näherte , in dem das blaue Heft wahrscheinlich lag , bekam der unglückliche Magier vor Erwartung Herzklopfen . Wie weit war Caspar davon entfernt , auch nur zu ahnen , was in Daumer vorging ! zu ahnen , daß in dieser Stunde sein Geschick und Wesen vor ein Tribunal gestellt wurde ! Es war ihm ungeheuer bang heute . Es war ihm so bang , daß er ein paarmal die ganz bestimmte Vorstellung hatte , es würde ihm etwas Schlimmes zustoßen . Ja , er hatte das unabweisbare Gefühl , daß einer unterwegs sei , der ihm etwas zuleide tun werde . Erstickend lag die Luft im Raum , die Wolken am Himmel blieben lauernd stehen ; wenn durch die Baumkronen vor dem Fenster eine Schwalbe strich , sah es aus , als ob eine schwarze Hand pfeilschnell auf und nieder