der Onkel ist eigentlich , ohne es selbst zu wissen , einer von den ganz schrecklich Modernen ! « Hanz-Buckau hatte das mit der sich selbst verspottenden Zärtlichkeit gesagt , die immer durch seine Stimme klingt , wenn er vom Onkel spricht . Es ist , als solle man nicht wissen , wie lieb er ihn hat . Es war spät geworden und also sprechend hatten mich die beiden bis auf den Treppenabsatz begleitet vor des Onkels Wohnungstür . Eine schmale Treppe führt von da noch hinauf zum Boden , und von hoch oben fiel ein goldener Nachmittags-Sonnenstrahl gerade auf den Onkel , der die Hand auf das Geländer gestützt hatte , die durchsichtige , feine Hand , die emsig die Feder geführt hat ein Lebenlang . Ich hatte mich schon verabschiedet , aber tausend feinste Erinnerungsfäden zogen mich zu ihm hin und ich kehrte noch einmal zurück und beugte mich über die lieben Greisenhände . Eine Träne fiel auf sie - - der Onkel ist einer der allerletzten aus meiner Kinderzeit . » Mein gutes Kind , « sagte der Onkel , und in seiner Stimme lag das ganze Mitleid derer , die schon über dem Leben stehen , für diejenigen , die sich noch mitten drin befinden . Vielleicht ahnte der Onkel , wie unsäglich verlassen ich mir in dem Augenblick vorkam , denn es klang auch wie eine Ermahnung in den Worten , ruhig zu sein , alles Exzessive zu bezwingen und wo es nicht vermieden werden kann , es doch still im Innern zu verbergen . Wie eine klassische Gestalt von olympischer Ruhe erschien mir der Onkel , wie ein alter Maharattah-Häuptling , der mir einst in Indien seinen golddurchwirkten Shawl zeigte und mir sagte : » Der schützt vor Sonne und Kälte , vor Wind und Staub , und sein führnehmster Dienst wird einstmals sein , mich im Sterben zu umhüllen , und so meine letzte Todesnot zu verbergen . « Der Onkel besitzt sicher solchen golddurchwirkten Maharattah-Shawl . Man sieht von ihm nur , was man sehen soll - und das ist alles harmonisch verklärt , » lichte Höh « , wie Hanz-Buckau sagt . Und ich bezwang die Tränen , die mir schon brennend in den Augen standen , deutete auf die Treppe , die die drei Stockwerke hinab in zunehmende Dunkelheit führte und sagte : » Leb wohl , Onkel , jetzt steig ich wie Rautendelein hinunter in den finsteren Schicksalsbrunnen . « Hanz-Buckau antwortete : » Ja , in den müssen wir schliesslich alle mal hinab , und das Leben ist ein beständiges Abschiednehmen . « Langsam schritt ich die vielen Stufen hinunter . Noch einmal schaute ich hinauf . Nebeneinander standen die Beiden oben , von der Sonne beschienen - der weisshaarige Mann , der in der Einsamkeit des Alters milde lächelte , und der arme Verwachsene , dem äusserliches Gebrechen , Entsagung heischend , Schicksal geworden ist . Sie beugten sich über das Geländer und winkten mir nach . 31 Berlin , Mai 1900 . Lieber Freund ! Im Bädeker von Italien und der Schweiz gibt es Hotelnamen , neben denen in Klammern steht » wird viel von Deutschen besucht . « Der erfahrene Reisende vermeidet solche Hotels . Von dem Buckingham , in dem wir hier wohnen , könnte man sagen , » wird von Diplomaten , Fürstlichkeiten und Amerikanern besucht . « Das Hotel ist hier le dernier cri des Eleganten und gleichzeitig Bequemen ; nur ein paar kleine deutsche Unbequemlichkeiten sind bei der Einrichtung noch mit untergelaufen ; es fehlt an grossen Kleiderschränken , dafür hat man in den Wohnzimmern wacklige Louis XVI. Etageren , auf denen zerbrechliche Nippes stehen . Das soll wahrscheinlich gemütlich aussehen . Aber im ganzen will es alles möglichst amerikanisch sein . » Sie spielen hier ja Waldorf-Astoria , « sagte ich zum Direktor Specht , als wir ankamen . Der fasste das als höchstes Kompliment auf , murmelte etwas von » Pionier der Kultur in Berlin « und ist seitdem voll herablassender Aufmerksamkeiten gegen mich , beinah als wäre ich ein Botschafter . Denn nichts auf der Welt geht Herrn Direktor Specht über einen Botschafter : aber auch für Diplomaten weniger erhabenen Ranges ist in seinem Herzen ein warmes Plätzchen ; sie erscheinen ihm als Träger vieler Möglichkeiten , mit denen man sich rechtzeitig gut stellen muss . Im ersten Speisesaal , dem der Privilegierten , sind mehrere Tische reserviert , an denen immer Diplomaten sitzen . Wenn Herr Direktor Specht diese Herren an ihre Plätze geleitet , hat er etwas so Feierliches und so einen Frieden auf Erden-Ausdruck , als vollzöge er eine heilige Handlung . Neulich stürzte er einem unserer zukunftsreichsten jungen Diplomaten schmunzelnd und händereibend in der Halle entgegen . » Herr Graf , ich gratuliere zu der Ernennung nach X. « » Was , lieber Specht , « antwortet der andere und klopft ihn auf die Schulter , » das wissen Sie schon ? ist ja eben erst raus . « Und Specht verschämt und wonneglänzend : » Herr Graf werden verstehen - habe doch auch so meine Attachen - man gehört allmählich ja selbst so ' n bisschen zur Diplomatie . « Aber auch sonst weiss Specht die schicklichen Rücksichten zu nehmen . So hat er neulich , wegen einer kurzen Hoftrauer , die übliche Tafelmusik acht Tage lang ausfallen lassen . Eine reisende Millionärin aus Denver , Mrs. Bluffer , gab während dieser Zeit ein Diner im Buckingham . Ich hörte die Dame den feierlich aussehenden Oberkellner erregt fragen , als schmälere man ihr ein mit guten Dollars erworbenes Recht : » Kellner , warum spielt die Bande nicht ? « » Es ist wegen der Hoftrauer , Madame . In diesem Hotel wohnen so viel Prinzen und hohe Herrschaften , dass wir natürlich deren Gefühle schonen müssen . « Diese Antwort machte auf Miss Bluffer einen tiefen Eindruck und sie sprach zur Mutter : » Oh , mamma darling , ist das nicht