natürlich , daß dieses Schreckliche einmal kommen mußte . Hatte sie es nicht erwartet ? Wenn er die Wahrheit weiß , so kann er nicht hier bleiben , das hält ein Kind nicht aus , fühlte sie , und ihr Atem stockte vor Angst . » Ich werd ' s wohl besser wissen als deine Kameraden , « machte sie , » hör nur auf mich . « » Schwör , Mamme ! « flüsterte der Bub mit verstecktem Kopfe . » Ja , ja , ich schwör ' s ! « Hermannli fuhr in die Höhe , sein Gesicht veränderte sich . » Mamme , Mamme , jetzt hast du geschworen ! « rief er in sonderbarem Ton , anklagend , drohend , zweifelnd . Josefine versuchte zu lachen . » Warum nit gar schwören ! Eure Rede sei ja ja , nein nein , weißt es nit ? hast ' s ja gelernt ! « » Nein , nein , nein , Mamme ! « schrie leidenschaftlich der Junge , » es hilft dir nit , du hast geschworen ! « Er begann hin- und herzuspringen wie besessen , plötzlich rannte er aus der Tür . » Ich sag ' s dem Ebstein ! dem Ebstein ! « In Hut und Cape blieb Josefine sitzen , stumpf und ratlos . Ein Netz um sie , über ihrem Kopf , um ihre Glieder ... Kein Schritt frei ... Die Zukunft schwarz ... Und die Kinder ? Da erscholl Röslis Vogelstimmchen vor der Tür : » Mamme , Mamme ! « Und nun war das Vögelchen drinnen , hüpfte um die traurige Mutter hin und her und sah nichts von ihrer Trauer . » Mamme ! Mamme ! ich sage dir öppis ! Ich sage dir ein schönes Geheimnis ! Meine süße Mamme , es ist so schön ! es ist im Keller ! du mußt in den Keller mit abi ! Es ist zwischen den Kartoffeln und Kohlen ! O ! ich habe es entdeckt , aber es ist ein Geheimnis ! du darfst es keinem Menschen auf der ganzen Welt sagen , auf der ganzen Welt , Mamme ! « » Ich bin müde , « sagte Josefine und lehnte sich in den Stuhl zurück . » Ich bin weit gegangen und müde , mein Rösli , ein andermal ! « Das ungestüme Kind kletterte auf der Mutter Schoß und nahm ihr den Hut ab . Es schmiegte sich an ihre Backen . » O nein , Mamme , gleich , gleich : das Geheimnis ist so schön ! du mußt es sehen ! Du mußt aber schwören , daß du es keinem Menschen sagst ! Schwör ! nun ? schwör ! So ! man nimmt zwei Finger , sagt Laure Anaise ! « Röslis wilde , braune Locken tanzten . Sie hatte ihr Schürzchen von einer Schulter herabgerissen und schlug heftig und nervös mit dem freien Zipfel um sich , während sie sich auf der Fußspitze drehte . » So machen wir ' s in der Turnstunde , Mamme ! gleich komm ! gleich komm ! ich turne immer mit den schwersten Hanteln ! Ich kann sie so hoch aufheben ! « Während Josefine aufstand , sprang die Kleine auf einen Stuhl und reckte die Ärmchen gerade gegen die Decke , dann sprang sie der Mutter jauchzend auf den Nacken . » Das Geheimnis ! das Geheimnis ! ist - weiß ! ist - schön ! ist - weiß ! ist - weiß ! « sang sie über die Treppenstufen und schüttelte ihr Haar . Dann kehrte sie um und holte ein Schächtelchen Streichhölzer . » Das Geheimnis ist im Dunkeln , Mamme ; darum ist es gerade ein Geheimnis , « flüsterte sie mit großen Augen . » Dir allein , Mamme ! dir allein . « Mit ihren eigensinnigen kleinen Händen drehte sie den Schlüssel im Vorhängeschloß und zündete die Hölzchen an , glücklich , die Mutter einmal zu haben , ganz nah , ganz fest , und ihr etwas zu zeigen , etwas Merkwürdiges , etwas ... » Hier ! hier ist es ! hier ! « Triumphierend leuchtete sie mit dem blauen Flämmchen in eine Ecke hinein , zwischen die Kartoffeln , die lange , weiße Keime getrieben hatten , mit denen sie nach Licht und Erde zu tasten schienen . » Eine Blume ! ein schönes Geheimnis ! sieh ! « Die Mutter hielt ihr Mädchen an der Hand ; ihr ernstes Gesicht hatte die ängstliche Spannung verloren . » Ja , Rösli , ja , mein Liebling . « Eine merkwürdige Ergriffenheit überkam Josefine vor dieser Blume in dem schwarzen , schmutzigen Keller , vor dieser zarten Hyazinthe , deren vergessene , weggeworfene Zwiebel hier in der häßlichen Dunkelheit einen Schoß getrieben , einen Blütenschaft getrieben hatte . Bei dem unsicheren , immer schnell verlöschenden Streichholzlicht beugte sich Josefine mit ihrem Kinde an der Hand über das duftende Wunder des Lebens . » Weiß , Mama , ganz weiß ! « flüsterte die Kleine feierlich . » Siehst du es jetzt ? ist es nicht ein schönes Geheimnis ? « So schön , so einfach , so selbstverständlich erhob sich aus dem dunklen Eck die weiße Pflanze . Ganz fest und aufrecht stand sie auf den vielen nackten , weißen Wurzeln wie auf ihren eigenen Füßen . Weiß die Wurzeln , weiß die Zwiebel ; die Blätte nicht grün , die Glocken nicht rot oder blau , alles wächsern bleich und doch nicht krank oder verkümmert . Reizend gebogene Blätter mit feinen , wasserklaren Längsadern , weiße durchscheinende Glocken , so zart , so klar , daß der weiße Klöppel durch die Wandung schien . Ein Märchengebilde , keine Wirklichkeit , ein Idealbild ihrer selbst , eine Blume des Traumes , eine Hyazinthe der Phantasie ... Mutter und Kind hielten sich fest umschlungen . In Josefine klang eine neue unfaßbar schöne Melodie . Der Fremde und die Blume und das Kind