diese Nachricht nicht sonderlich beunruhigt zu sein . Entweder sie war wie gewöhnlich mit ihren Gedanken wieder weit ab , oder sie glaubte , dass Lena bei Strehsens essen würde , wie dies schon öfter vorgekommen war . Ohne von der Arbeit aufzublicken , sagte sie gleichmütig nichts als : » Bist Du zum Abend zurück ? « Und als Lena jetzt selbst etwas von Strehsens murmelte und meinte , es könne Mitternacht werden und sie möge nur ja nicht auf sie warten , schwieg Lotte ganz . Sie würde auch geschwiegen haben , wenn sie die Wahrheit gekannt hätte . Ihr eigenes Gewissen war so schwer belastet , dass sie sich innerlich gar nicht berechtigt fühlte , Lena Vorhaltungen zu machen . Lena , der man im Grunde keinen besonderen Hang zur Pünktlichkeit nachrühmen konnte , war heute auf die Minute zur Stelle . Gleich nach ihr kam Bornstein , ein paar prachtvolle Maréchal-Niel-Rosen in der Hand . Das war eine Wiedersehensfreude ! Selbst Lena , die nicht das geringste Talent für Zärtlichkeiten hatte , wurde ganz warm . Wenn sie sich nicht gerade mitten im Getümmel der Friedrichstrasse begegnet wären , hätte Bornstein heut aus Lenas übermütiger Freude heraus vielleicht seinen ersten Kuss bekommen . Sie bestiegen ein schon halb besetztes Coupé zweiter Klasse und fuhren nach kurzer Debatte bis nach Potsdam hinaus . Lena war anfangs mehr für Wannsee gewesen , das ihre Kolleginnen ihr stets in den blühendsten Farben geschildert hatten , aber Bornsteins feierliche Versicherung , dass man um diese Jahreszeit in Potsdam jedenfalls besser essen und trinken würde , hatte schliesslich den Ausschlag gegeben . Es war ein völlig sommerwarmer Tag , dieser erste März . Ein reiner wolkenloser Himmel blaute über den kahlen Feldern , den Kiefernwaldungen und langgestreckten Ortschaften , durch die sie dahin fuhren . Lena war in den fünf Monaten , in denen sie in Berlin war , noch nicht über Charlottenburg hinausgekommen , und auch das hatte sie nur von der Berliner Seite aus besucht . So machte ihr schon die Eisenbahnfahrt einen Riesenspass . Die Sport-Etablissements auf dem Kurfürstendamm , Charlottenburg von einer Seite , von der sie es noch gar nicht kannte , das auf dem Amt so viel besprochene Halensee , der Grunewald mit seinen prächtigen Seen , die heut im Sonnenschein , umstanden von ihrem immergrünen Kiefernkranz , einen fast hochsommerlichen Eindruck machten , alles entzückte sie . Grosse Pläne schmiedete sie während der Fahrt für den Sommer . Jede Woche mindestens einen Ausflug in den Grunewald und die Potsdamer Gegend , und Sonntags ! Ach , Sonntags erst ! Sonntags würde sie dann frei sein , ganz frei , vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht . Bornstein hatte seine streitbare Miene aufgesetzt . Mit dem Grunewald solle sie ihn nur gefälligst in Ruhe lassen . Das sei alles nichts gegen Dahlow . Sie würde ja sehen , wenn sie sich endlich entschlösse . Lena sah ihren Begleiter einen Augenblick lang halb nachdenklich , halb schelmisch von der Seite an . Dann sagte sie zögernder als es sonst ihre sicher zugreifende Art war : » Ueber Dahlow möchte ich bei Tisch was mit Ihnen bereden , Herr Bornstein - « Bornstein zwinkerte vergnügt zu ihr hinüber , und sagte nichts weiter , als » hm , hm « . Bei sich dachte er : » Na , hoffentlich wird die kleine Krabbe endlich ' mal Vernunft annehmen ! « Auf dem Bahnhof in Potsdam liessen sie sich einen kleinen Imbiss geben , dann wurden in einem Fiaker die Stadt und die königlichen Gärten , so weit sie für Fuhrwerk zugänglich waren , durchfahren . Sanssouci , auf das Lena sehr gespannt war , wollte Bornstein ihr absolut nicht zeigen , damit wollten sie warten , bis es wirklich Frühjahr war und der Flieder blühte . Lena verzog den Mund , aber sie fügte sich . Bornstein war ein zu liebenswürdiger Kavalier und meinte es zu gut mit ihr , als dass sie einer solchen Kleinigkeit wegen hätte ihren Kopf aufsetzen sollen . Bei ihrer Vorliebe für grosse Wasserflächen , die ihr auch den Wunsch , Wannsee aufzusuchen , so besonders rege gemacht hatte , wurde sie bei dem Ausblick , der sich ihr auf der Glienicker Brücke bot , für das versagte Sanssouci vollauf entschädigt . Nein , wie das schön war ! Und wie viel man von diesem herrlichen Punkt aus übersah ! Da lag ja auch Babelsberg , wo der alte Kaiser Wilhelm gewohnt hatte . Tief grün leuchtete die breite Rasenfläche bis zur Schlossrampe hinauf . Lena erinnerte sich des alten Kaisers noch ganz gut von einem Kaisermanöver in der Nähe von Gross-Klockow her . Der Vater hatte sie und Lotte auf einem alten Jagdwagen des Barons mit in das Manövergelände genommen , und ein glücklicher Zufall hatte sie ganz nahe zu der Stelle gebracht , wo der alte Kaiser mit seinem Stabe hielt . Sie erzählte Bornstein die kleine Episode ; dabei gingen ihre strahlenden Augen lebhaft über das schöne Landschaftsbild hin und her , das von der Sonne goldhell beschienen vor ihnen lag . Bornstein musste ihr alles erklären . Schloss Glienicke - Babelsberg gegenüber - das früher Prinz Karl , der Bruder des Kaisers , bewohnt hatte . In schräger Richtung davon , auf dem anderen Havelufer , Sakrow . Vor ihnen , wenn sie den Weg am Ufer links hinunter verfolgten , die kaiserliche Matrosenstation ; drüben , wiederum weiter nach links , von der Havel aus landeinwärts , die Türme des Pfingstberges . Lena hätte am liebsten all diese Punkte noch heute besucht , aber Bornstein trieb zu Tisch . Als er sie daran erinnerte , dass es Essenszeit sei , verspürte auch sie starken Appetit . So schlenderten sie Arm in Arm zu dem offenen Wagen zurück , der diesseits der Glienicker Brücke nächst der Haltestelle der Pferdebahn auf sie wartete . Sie beschlossen , irgendwo im Freien zu speisen und lobten diesen Märztag