brauche ich dir wohl nicht erst lange zu erklären ! Es will doch jeder vernünftige Mensch im faktischen Besitze seiner rechtmäßigen Seele sein , ohne ihr gestatten zu müssen , mit freundlichem Lächeln wie die Frauen und Töchter des Abendlandes auf den Eisenbahnen herumzufahren . Beliebt es dir , von dieser vorsichtigen Behandlung der Bewohnerin deines Körpers eine Ausnahme zu machen , so habe ich , wie bereits gesagt , nichts dagegen einzuwenden , zumal du uns mitgeteilt hast , daß sie bisher stets schon nach kurzer Zeit und pünktlich wieder zurückgekehrt ist , obwohl für eine leichtsinnige Seele auch das schon vollständig genügt , verschiedene Allotria und sonstige Dinge zu treiben , die ihr eigentlich verboten sind . Aber bedenklich , höchst bedenklich wird die Sache , wenn sie auf einmal anfängt , gleich zwei volle Tage wegzubleiben ! Das ist doch unbedingt gegen den inzwischen leblosen Körper eine Rücksichtslosigkeit , die er sich unmöglich gefallen lassen kann , zumal es ihm in seiner Pflichttreue und Ordnungsliebe niemals eingefallen ist , auch einmal ohne sie spazieren zu gehen und sie einsam und ohne Subsistenzmittel zu Hause sitzen zu lassen ! Daß du dir auch das gefallen lassen willst , nun , ich kann es ja nicht ändern , sondern nur sagen , daß ich an deiner Stelle sehr energische Maßregeln ergreifen und ihr den Standpunkt so klar machen würde , wie es einer solchen , gern aufsichtslos herumstreifenden Seele gegenüber nur immer möglich ist . Das Schlimmste aber , ja das Allerschlimmste , was dabei zum Vorschein kommt , ist die Täuschung , in welcher du dich in Beziehung auf deinen von ihr so leichtfertig verlassenen Leib befindest ! Du scheinst nämlich zu glauben , daß ihm diese ihre Flatterhaftigkeit nichts schaden könne ; ja , du stellst sogar die Behauptung auf , daß du gar nicht scheintot gewesen seiest . O , Münedschi , auf deine Seele ist selbst dann kein Verlaß , wenn sie sich daheim in deinem Körper befindet , denn sonst würdest du ganz gewiß anders sprechen ! Ich sehe ein , daß ich dir zu Hilfe kommen muß , indem ich dir der Wahrheit nach berichte , wann , wo und wie wir dich gefunden und dann ausgegraben haben . Höre mich also an ! « Es folgte nun ein sehr lebendiger und stellenweise sehr drastischer Bericht über die Begebenheit , von dem Augenblicke , an welchem wir die Geier bemerkt hatten , bis zum gegenwärtigen . Nun erst erfuhr der Blinde in ausführlicher Weise , daß und warum seine Gefährten ihn wirklich verlassen hatten ; er sah ein , daß er wirklich begraben gewesen war , und nun stellte sich die Angst nachträglich bei ihm ein . Er holte den bis jetzt versäumten Ausdruck des Dankes in einer Weise nach , welche selbst den in dieser Beziehung sehr anspruchsvollen Halef befriedigte . Zu der Angst und dem Gefühle der Dankespflicht gesellte sich dann die schwere Sorge wegen seiner Hilflosigkeit . Was sollte nun aus ihm werden ? Seine Bekannten hatten ihn begraben , und er befand sich blind und ohne alle Mittel zum Weiterkommen unter fremden Leuten ! Da verstand es sich dann ganz von selbst , daß wir ihn unsers gern verliehenen Beistandes versicherten . Wir wollten ja auch nach Mekka , hatten also gleichen Weg mit ihm und brachten gar kein Opfer , wenn wir eines unserer Kamele für ihn bestimmten . Er war , als er dieses hörte , natürlich hoch erfreut und erklärte sich für kräftig genug , gleich mit uns aufzubrechen . Ich glaubte , Grund zu haben , dieser seiner vermeintlichen Kraft kein allzu großes Vertrauen schenken zu dürfen . Er hatte , seit wir von dem Grabe weggegangen waren und hier auf dem Teppiche saßen , gequalmt wie - um mich eines landläufigen Ausdruckes zu bedienen - wie ein Stadtsoldat und den Tschibuk achtmal ausgeraucht ; ich mußte ihn zu den stärksten Rauchern zählen , die ich kennen gelernt hatte . Wahrscheinlich war sein ganzer Körper vom Gifte des Tabakes durchzogen und sein Magen vollständig verdorben worden . Daher die Behauptung , daß er selbst jetzt , nach so langem Fasten , keinen Hunger habe . Ich erklärte , daß wir den Weiterritt nicht eher antreten würden , als bis er tüchtig gegessen habe , und hielt auch Wort , obwohl es fast des Zwanges bedurfte , die reichliche Portion zu verzehren , welche Hanneh ihm aus unsern Vorratstaschen brachte . Ohne ein Augenarzt zu sein , konnte ich mich der Meinung nicht erwehren , daß auch seine Blindheit in enger Beziehung zu diesem starken Rauchen stehe , und daß ich da recht hatte , bewies mir dann die spätere Zeit . Uebrigens war es mir gar nicht unlieb , diesen Mann hier unterwegs getroffen zu haben . Obgleich blind , kannte er Mekka doch jedenfalls besser als wir und konnte uns also , wenn nicht durch die That , so doch durch seinen Rat wohl nützlich werden . Ferner war er an sich eine interessante Persönlichkeit . Und drittens besaß er für mich den Reiz des Geheimnisvollen . Ich hegte die Vermutung , daß er das nicht sei , als was er gelten wollte , und hatte meine Gründe dazu . Daß er ein Gelehrter , und zwar kein gewöhnlicher , war , hatte er bewiesen . Er kannte sogar die Bibel , ein höchst seltener Fall . Auch in der Theologie der alten Perser war er bewandert ! Das mußte mehr als bloß meine Aufmerksamkeit erregen . Sodann hatte er erzählt , daß er als reicher Mann nach Mekka gekommen sei . Das wollte nicht mit den geringen Einnahmen eines morgenländischen Gelehrten stimmen . Auch seine Ausdrucksweise war mir aufgefallen . Sie war nicht die umschreibende , bilderreiche eines geborenen Orientalen , sondern eher diejenige eines Europäers , der sich allerdings schon seit langer Zeit im Morgenlande befunden hat . Er drückte sich bestimmt und ohne Anwendung von Tropen aus . Auch auf seine