und wollte sie hinaustragen . Sie wehrte sich wie von Sinnen , die Damen eilten jammernd herbei , Salomon Hecht suchte aus dem Kaminfeuer erst mit entblößtem Arm , dann mit der Schaufel die Kostbarkeiten herauszuholen , viele wandten sich feig und finster nach der Tür , der Diener sah mit eigentümlichem Lächeln in den von schwüler Luft erfüllten Raum , und auf einmal blieben alle regungslos stehen . Der jetzt hereintrat , ohne daß der Türsteher versucht hätte , ihn abzuhalten , war ein Greis von mehr als neunzig Jahren . Er hatte etwas wie eine seltsame Ruine ; etwas gleichsam Unvergängliches war in seinem Gesicht , ein Schimmer von wandelloser Milde und Güte . An Gliedern riesenhaft , in den Augen jenes Funkeln , das man zuweilen bei alten Männern sieht , die die Jugend müde hinwanken sehen und selber niemals müde zu werden scheinen , so kam er herein und Agathon lächelte wie ein Kind , das an den Wendepunkt eines Märchens gelangt ist , wo die wohlbekannte gute Fee kommt , um die Verwicklung zu lösen . Jedermann auf den Dörfern kannte den Gedalja Löwengard aus Roth . Der Alte ging ohne weiteres auf seinen Sohn zu , stutzte aber , als er dessen Gesicht sah , ließ die halbausgestreckte Hand wieder sinken , nahm ruhig Platz und schaute grüblerisch lächelnd vor sich hin . Der Baron , der sich der armseligen Erscheinung seines Vaters schämte , trat mit verlegener Miene zu seinen Gästen , die sich wie eine Phalanx vor ihm aufgepflanzt hatten . Jeanette ließ sich vor dem Greis auf die Knie nieder , streichelte seine Hände und fragte : » Großvater , was ist geschehen ? Warum kommst du so spät noch zu uns ? « Mit einer scheuen und entsetzten Geste wandte sie sich nun zu den andern und sagte : » Er weint . « Der alte Gedalja packte schnell ihre Hand und lispelte ihr zu : » Sag ' s ihnen nicht . Sie wollen nicht sein gestört . Mein Sohn hat vergessen , daß ich nicht habe zu kaufen einen Frack . Hat vergessen , daß ich bin arm . Heut abend ist abgebrannt ganz Roth . Der Herr hat mich wollen gedenken lassen , daß es mir gegangen is zu gut im Leben . Mei Haus , mei Hof , mei bisla Vieh , alles is hin . « Die Gesellschaft schickte sich zum Aufbruch an . Baron Löwengard verfluchte sich und seine Tochter und vermochte kaum einen oberflächlichen Anteil an dem Unglück seines Vaters zu nehmen , dem er ein Zimmer zum Schlafen anweisen ließ . Dann forderte er Jeanette auf , ihm zu folgen . Agathon hörte ihn mit heiserer Stimme schreien ... Der Diener suchte ein vertrauliches Gespräch mit Agathon anzuknüpfen ; seine Worte klangen widerlich zurück von den Wänden des verödeten Saales . Agathon schlich beschämt in seine Kammer , warf sich angekleidet aufs Lager und fiel sofort in schweren Schlaf . Am Morgen hörte er vom Hausgesinde , daß Jeanette verschwunden sei . Er fühlte sich darüber glücklich , ohne zu wissen warum . Die Luft war kühl und gleichsam gereinigt , als er zur Schule ging . Die Welt schien neu . Am Morgen hat alles nur ein Auge nach dem Licht hin ; alles hat Zweck , Bedeutung , Form und Rundung , alles ist mit Frieden gesättigt , die Dächer glänzen , die Sonne taucht langsam auf mit kupferigem Glanz , der Rauch erhebt sich kerzengerade , jeder Schornstein ist ein Bild des Emporstrebens . Die Mägde haben weiße Schürzen , die Bäckerbuben pfeifen , über die große Brücke rollt der Schnellzug , aus dem rätselhafte , übernächtige Gesichter in die überschwemmte Ebene schauen ; die Schranke am Dambacher Weg ist geschlossen , ganze Reihen von Ochsen stehen da und warten gutmütig . Und zwischen den Häusern verschwindet der Zug , rasselnd , polternd , pustend , und Agathon hört , wie er mit schrillem Pfiff am Bahnhof hält , und seine Sehnsucht eilt hin und steigt ein , um in ihr geheimnisvolles Vaterland zu fahren . Er geht gerade am Haus des Abraham Porkes vorbei , der Millionen besitzt und als edler Menschenfreund bekannt ist ; über eine halbe Million hat er für das Waisenhaus vermacht . Es gibt viele Dinge , die Agathon bewundert , und er liebt die Menschen . Die Wandlung , die er seit kurzem durchgemacht , kommt ihm merkwürdig vor . Er weiß , daß es neu ist , was er fühlt , aber er will sich nicht durchforschen . Es ist , als ob man in seinem Herzen etwas baue , und er will warten bis es fertig ist . Er denkt an jenes Bild der Stationen , wo der nackte Jüngling mit einer Zange dem Heiland die Dornen von der Dornenkrone nimmt . Und während er daran denkt , erschrickt er , bleibt stehen und lauscht . Aber es pfeifen nur die Bäckerjungen in ihrem monotonen Diskant . In der Schule hörte er nichts von dem , was gelehrt wurde , hatte nicht memoriert , eine wichtige Lektion nicht geschrieben und kam in den Strafbogen . Er begriff nicht , warum er all das Tote in sich aufnehmen solle , da es doch auf jedem Schritt des Lebens genug gab . Er begriff die Verachtung , in der die meisten Lehrer bei den Schülern stehen ; sie galt nicht der Person , sondern dem Amt . Es galt der Handwerkerart , die feierlichen Dinge der Geschichte mit dem Gedächtnis feilschend herabzuwürdigen , erlauchte Namen so zu nennen , als ob es gälte , ein Adreßbuch durchzulesen . Alt diesem Morgen begann Agathon zu sehen , wie wenn ein Brett von den Augen seiner Seele genommen wäre und dies erregte ihn so , daß seine Wangen ab und zu erbleichten . Nur ein Lehrer war es , an dem er mit abgöttischer Verehrung hing , an den er mit keinem Hauch von Kritik