endgiltig in einer letzten Cénaclesitzung zu befinden sei , die man im Freien , draußen an den Ufern der Mulde , abhalten wollte . Im Übrigen waren alle Vier vollkommen betrunken , als dieser Beschluß gefaßt wurde , Stilpe aber immerhin noch mehr als die anderen . Er wollte durchaus ein Corps » Bertha « gründen und rief beharrlich mit lallender Stimme : Bertha seis Panier ! Der Abiturientenball war vorüber , der Abiturientenkommers war vorüber . Nun kam am letzten Tage ihres Aufenthaltes in der Gymnasialstadt die Schlußsitzung des Cénacles . Bedeckt mit großen schwarzen weichen Filzhüten ( aber Stilpes Hut war der breiteste ) wanderten sie zu einem an der Mulde gelegenen Dorfe . Jeder trug einen dicken Spazierstock , jeder trug ein rotes Klemmerband . Jeder lächelte souverän , wenn Bürgerin und Bürgersmann mauloffen stehen blieb . Aber Stilpe lächelte am souveränsten , denn er trug in der linken Hand die Schildkröte . Als sie dem Polizisten begegneten , der sie einmal abends beinahe arretiert hätte , lüftete Stilpe mit großem Schwunge seinen Hut und fragte ihn : - Sagen Sie , Bürger Nationalgardist , ist das der Weg ins Bois de Boulogne ? - Quatsch ! antwortete der Polizeidiener , worauf Stilpe den Kopf schüttelte und bemerkte : - Dieser Funktionär spricht ein ungewöhnliches Französisch . Er scheint das hiesige Gymnasium frequentiert zu haben . - Der Frühling scheint mir noch nicht ganz fertig zu sein , sagte Stöffel , als sie außerhalb der Stadt waren . - Es ist der richtige Mulus-Frühling , erwiderte Wippert . - Der Religionslehrer an der höheren Bildungsanstalt dieser Stadt würde sagen : Mit ein wenig mehr Eifer hätte der Schüler sein Ziel vollkommener erreichen können ! fügte Wippert hinzu . Stilpe aber sang , indem er Fechthiebe phantastischer Natur in die Luft schlug : Der Frühling ist ein Mädchen , Das Bertha Linke heißt , Oh weh , daß aus dem Städtchen Schaunard , der Knabe , reist , Ein Knabe sonder Makel , Der Knabe Schaunard , Der treu dem Cénacle Und Fräulein Bertha war . Oheh ! Oheh ! Das Leben ist ein Kuhschwof , Und Scheiden thut nicht weh . Sofort schwangen die Drei gleichfalls ihre Stöcke und sangen mit Überzeugung : Oheh ! Oheh ! Das Leben ist ein Kuhschwof , Und Scheiden thut nicht weh . Stilpe aber sang weiter ( es hatte den Anschein einer sorgsamen Vorbereitung ) : Der Tacitus Ist kein Genuß , Wenn man ihn präparieren muß , Dagegen lieb ich sehr Den Vater Homer , Denn ich lese , denn ich lese , Denn ich les ihn nimmermehr ! Stürmischer Kehrgesang der drei , sechsmal wiederholt . Und wieder Stilpe : Und die Mathematik Hatt ich lange schon dick , Fast wärs ihr gelungen , und sie brach mirs Genick . Da sangen die Drei nicht mit , denn in diesem Punkte fühlten sie sich Stilpen überlegen . Aber das hielt ihn keineswegs ab , weiter zu singen : Wer weiß mir zu raten , Wo finde ich , wo , In Schobern und Schwaden Das trockenste Stroh ? Liebwerte Kameraden , Ach , sagt es mir : Wo ? Als wenn er auf Antwort wartete , schwieg er einen Augenblick , dann gellte er in höchster Fistel : Im Ci-cero ! Und alle Kehlen stimmten krähend bei : Im Ci-cero ! Im Ci-cero ! Stilpe aber , in der Melodie des Postillons von Lonjumeau : Hoho ! Hoho ! Das steifste Stroh Verzapft Herr Konsul Cicero ! Unter diesen und ähnlichen anmutigen Gesängen erreichten sie das Dorf an der Mulde , das das Cénacle für würdig gefunden hatte , zum Schauplatz seiner letzten Sitzung zu ernennen . Nun , es ging hoch her , und vorzüglich in Versen . Eigentlich hatte man vorgehabt , hier , mit freier Benutzung des Hambacher Festes als Vorbild , sämtliche Schulbücher zu verbrennen , aber Stilpe hatte sich rechtzeitig des Deklamators in Leipzig erinnert , wo man diese nichtswürdigen Schwarten gewinnbringender anlegen könnte , und so unterblieb dieser Teil des ursprünglichen Programmes . Dafür wurde die Schildkröte des Cénacles , » in ihrer Eigenschaft als Symbol einer in Unfreiheit befangenen Vereinigung und um ihrer nachgerade störend wirkenden Ähnlichkeit mit jenem pp. Pädagogen willen « , in die Mulde geworfen , wozu man sang : Lebewohl ! Lebewohl , Niederträchtiges Symbol ! Schwimm vorbei ! Schwimm vorbei , Schauderhaftes Conterfei ! Dann aber hub Stilpe seine große Schlußrede an , die mit den beifallumtosten Worten endete : Le cénacle est mort ! Vive le cénacle ! Und man schwur sich , in Leipzig » keinesfalls den atavistischen Farbenblödsinn jener kläglichen Jünglinge mitzumachen , die einer bunten Mütze bedürfen , um sich als Studenten und freie Bürger einer Universität zu fühlen , sondern sofort ein neues , das eigentliche Cénacle zu gründen als die erste künstlerische Studentenverbindung mit neuen Bräuchen und neuen Zielen ! « Eine unendliche Debatte knüpfte sich an diesen Schwur . Stilpe entwickelte das größte Programm : 1 ) Jeder muß ein Mädchen haben ( aber richtig haben , nicht etwa blos in dieser knabenhaft blümeranten Manier ! ) . 2 ) Jede Ähnlichkeit mit bestehenden Verbindungen muß vermieden werden . Keine Mützen ! Sondern graue Cylinderhüte ! 3 ) Man geht nur auf Säbel los ! Die Schläger sind pur enfantillage . ( Das Wort war ihm aus der Vorrede zur deutschen Übersetzung der Vie de Bohème geläufig . ) 4 ) Man muß eine Zeitschrift gründen . 5 ) Man muß sich einen Barbemuche zu verschaffen suchen , d.h. einen ehrgeizigen Esel , der für » bessere Bowlen « sorgt . Dieses Programm wurde im Allgemeinen angenommen , eine sehr genaue Beratung und Ausarbeitung jedoch vorbehalten . Als man sich dann zum Heimgehen anschicken mußte , weil das Dorf eine » geradezu mittelalterliche « Polizeistunde hatte , war Stilpe so betrunken , daß die Drei ihn schleppen mußten . Unaufhörlich stellte er den Antrag , für Cénacle künftig Berthacle