gleichsam von Vornehmheit duftend , wie sie sich leicht und sicher bewegte , - wer diese beiden Gestalten verglich , mußte die Überlegenheit erkennen , welche alte Kultur dem edel Geborenen von Geburtswegen über den Menschen der großen Masse gibt . Die Umgebung paßte zu Komtesse Ida . Dieses Zimmer mit seiner diskreten Besonderheit schien ein Abdruck ihres Wesens zu sein . Da war nichts Prunkhaftes , Kokettes oder Flatterhaftes ; und doch war es das Zimmer eines jungen Mädchens . Dem Blumentische , den Wandbildern , den Photographien auf dem Schreibtische sah man den gewählten Geschmack und die wertende Liebe an , mit der die Besitzerin alles verschönte , was zu ihr in Beziehung stand . Allmählich wirkte auch auf Pauline der beruhigende , erwärmende Einfluß dieser Persönlichkeit . Die teilnahmsvolle Erkundigung der Komtesse nach ihren Schicksalen löste ihr die Zunge . Ida schien mit ihren Worten , die durchaus einfach und ohne jede Feierlichkeit waren , viel mehr zu sagen als andere Menschen , weil ihre ernsten , milden Blicke jedem Worte noch eine besondere Bedeutung gaben . Pauline war es zumute , als säße sie vor dem alten Geistlichen , der sie konfirmiert hatte . Dem hatte man auch alles sagen müssen , man hatte wollen mögen oder nicht . Sie hatten von der Kinderzeit gesprochen , von gemeinsamen Erlebnissen , von den anderen Gespielen . Ida hatte niemanden vergessen . Sie fragte eingehend nach den alten Spielgefährten aus dem Dorfe . Fast alle diese Mädchen hatten , wie es sich herausstellte , schon geheiratet , waren Mütter . Dann sprang die Unterhaltung wieder zurück auf Paulinens eigenste Lebensweise . Ida meinte , es sei doch solch ein Glück für Pauline , daß sie jetzt das kleine Kind ihrer Base zur Pflege da habe . Ein Glück , erklärte die Komtesse , um das sie Paulinen beneiden könne . Kleine Kinder zu pflegen , das müsse doch das schönste sein auf der Welt . Freilich , fügte sie mit dem Schatten eines melancholischen Zuges um die klugen hinzu , dazu käme ein Mädchen selten . Der anderen war das Herz schwer geworden , sobald Ida von dem Kinde zu sprechen begann . Sie kam sich auf einmal so schlecht vor . Die Komtesse ahnte ja nicht , wen sie vor sich hatte . Würde sie nicht aufspringen und sie aus dem Zimmer jagen , wenn sie erfuhr , was aus ihrer Freundin inzwischen geworden sei . Wenn diese reine , feine Persönlichkeit konnte doch kaum etwas ahnen von all diesen Dingen und wie es in der Welt da draußen zuging . Und das Geheimnis brannte dem Mädchen doch auf der Seele . War es denn nicht noch viel schlechter , vor jener , die so gut zu ihr war , eine solche Lüge aufrecht zu erhalten . Und schließlich war es doch das einfachste Ding von der Welt ! Der Junge war ihr Kind , war denn darin ein Anrecht ? Konnte denn das , was aus Liebe geschehen war , schlecht sein ? Etwas , das so glücklich machte , durfte nicht böse sein ! Und die Komtesse war eine Frau wie sie . Trotz aller Vornehmheit mußte sie das verstehen ! Sie hatte so liebe Augen und eine so freundliche Stimme . Daß sie böse werden oder gar zanken könne , war ganz unmöglich , sich vorzustellen . Aber es war so furchtbar schwer , den Anfang zu finden . Es klang so entsetzlich , ein solches Geständnis . Pauline dachte wie oft : jetzt wirst du ' s sagen ! sobald Ida einen Satz zu Ende gesprochen . Und sie verschob es doch wieder . So ging es eine ganze Weile fort , das Mädchen begriff immer deutlicher , daß sie fortgehen würde von hier , ohne ihr Herz erleichtert zu haben . Ida begann davon zu sprechen , daß sie es nicht zu begreifen vermöge , wie eine Mutter ihr Kind von sich lassen und einer Fremden zur Pflege übergeben könne . Sie fragte Pauline , was denn die Mutter dieses Kindes für eine Frau sei , daß sie so etwas übers Herz gebracht habe . Da fühlte Pauline , daß jetzt der Augenblick gekommen sei , zu sprechen . Mit kaum vernehmlicher Stimme kamen die paar Worte heraus , die der anderen alles sagten . Ida verlor für einen Augenblick die Fassung . Da merkte man auf einmal , was für leidenschaftlich jähes Frauengefühl unter dieser Decke von guter Erziehung und jahrelanger Gewöhnung verborgen lag . Sie war aufgesprungen von ihrem Sitze , stand da bis in die Lippen erblaßt , die Hand aufgestemmt auf die Tischkante mit den Knöcheln , atmete schwer und hastig , und die weiße Hand zitterte . Keines sprach ein Wort . Pauline saß vor Ida , gesenkten Hauptes und blickte in den Schoß . Ida betrachtete diese Gestalt mit eigenartig leuchtenden Augen . Einen Augenblick kam es wie ein herber , selbstgerechter Zug in ihr Gesicht . Ihre Nasenflügel flogen , die Lippen schürzten sich verächtlich . Jetzt war sie das hochfahrende Edelfräulein , das die verworfene Bauernmagd richten wollte . Aber das war schnell verschwunden . Tränen traten ihr auf einmal in die Augen , um die Mundwinkel zuckte es . Mitleid war es nun , was aus jedem Zuge sprach , Mitleid mit Pauline , Mitleid mit sich selbst , mit ihrem ganzen Geschlecht . Ida stand noch eine Weile schweigend mit wogendem Busen . Allmählich aber fand sie ihre Gemessenheit wieder . Sie setzte sich , legte ihre schlanke Hand auf Paulinens braunrote derbe . » Da hast du wohl rechte Freude an deinem Jungen , Pauline ? « Pauline konnte nichts sagen , sie nickte stumm . * * * Ein Brief von Gustav Büttner aus der Garnison ! war bei Pauline Katschner eingetroffen . Der Unteroffizier schrieb , daß er die Absicht habe , nicht weiter zu kapitulieren ; so sehr ihm seine Vorgesetzten auch zuredeten , bei der Truppe zu