und pochenden Schläfen und horchte in das Gesumme und Gezirpe all der fliegenden und laufenden Tiere hinein und war so zufrieden , daß kein boshaftes oder neugieriges Menschenauge sie bis hierher verfolgen konnte . Die Zweige boten ja ein dichtes , schützendes Dach , und wenn der Wind durch die Blätter lief , so klang es oft wie eine Melodie , die sie als ganz kleines Kind da oben auf dem Balkon singen gehört hatte . - Ob der Jude da begraben liegt , dem das Haus und der Balkon einst gehört hatte , und ob er gesungen , als sie noch da draußen im Grase lag , ob er die Melodie von dem Wind und den klingenden rauschenden Blättern gelernt haben mag , oder ob das nur so forttönt aus einer verwehten Zeit herüber - ? Zum Anfang , als sie da hineinkroch , fragte sie sich , ob sie nicht etwas Übles tue , die Furcht , welche sie und alle Kinder einst vor dem Judengarten hatten , wirkte bis zu dem Tage nach und war stärker als das Behagen ; aber allmählich gewöhnte sie sich an die wilde erfrischende Schönheit des einsamen Stückchens Erde , und sie konnte sich nicht satt sehen an den fremdartigen Blumen , die hie und da noch höher waren als das lange Federgras . Und erst droben in den schwarzen , wirr verschlungenen Ästen , die sich wie ein dunkles Netz von unten ansahen , weil alle Blätter dem Licht zudrängten und kaum einen Sonnenstrahl durchließen , welch ein Leben war da oben ! - Die Vögel kannten sie alle und pfiffen ihre schönsten Lieder beinahe an den Ohren des Mädchens . Manchmal schwangen sie sich auch herab und hüpften neugierig um das schlummernde Kind und pickten wie nach Kirschen sachte nach den vollen Lippen des Kleinen . Das waren geheiligte Stunden , in denen sie dasitzen und träumen konnte , sie hatte da auf dem Judengrab ihre Kindheit gefunden , denn ganz im Kern ihres Wesens war das lange , ernste , allzeit auf die Arbeit bedachte Mädchen ein Kind geblieben . Sie hatte nicht so viel Zeit gehabt , so wie die anderen zu spielen und das Stücklein Kindheit auszuleben ; die Aufsicht und die Pflege der Kleineren hatte sie in Atem gehalten , ihr Spiel bestand in lärmenden Narreteien und war berechnet für die schreienden Jüngeren , die dann , anstatt zu weinen , schreiend lachten . Mit gleichalten Nachbarkindern kam sie meist nur im Flug zusammen , da hatte sie nicht Zeit , mitzutun bei jenem köstlichen , atemlosen Ringelreihetanz , dem Verstecken und Fangen . Später schloß sie sich an die Lene , aber spielen mochte die nicht , sie schlief nur oder ließ sich kämmen und putzen von der Hanne oder Märchen erzählen , die niemand so gut wußte wie die Hanne . Jetzt aber spielte das große Mädchen zuweilen da für sich selbst ganz allein in dem abgeplankten Garten . Die Märchen , die im verstümmelten Gewände auf weiten Umwegen in die Hütten der Armen kommen , die pochten einst mit weichen Fingern an ihr kleines Herz und schlichen sich lachend und weinend ein . Jetzt waren sie wieder da und breiteten ihre geheimnisvollen Schleier über den verwilderten Garten , schauten sie an mit großen , vertrauten , liebevollen Kinderaugen , und alles , was um sie lebte und webte , wurde plötzlich ihr Spielgenosse . Die großen Heuschrecken , die über die höchsten Halme schnellten und an ihr vorbeihüpften , konnten ja vielleicht verwunschene Pferde sein , und die großen Käfer mit breiten Hörnern und festem Rückenschild , waren die etwa nicht gepanzerte Ritter ? - Die Libellen , die um einen engen grünlichen Wassertümpel schwebten , waren sie nicht schillernde Damen und die Laubfrösche lärmende Bauern ? - Das war ein verzauberter Garten , und sie saß nur da und wartete , bis sie das Wort aussprechen dürfe , das allen wieder die wahre Gestalt gibt . Und wenn sie das Wort ausspricht , dann wachsen mit einmal die Bäume beinahe in den Himmel , und die Wege werden breit , und leuchtende Blumen schießen aus dem hohen Gras , und hinten öffnet sich die Mauer bis hinauf zu dem Korbbalkon , der aber aus purem Gold und glänzenden Edelsteinen ist . Durch das große offene Mauertor geht sie hinein , durch silberne und goldene Zimmer , und überall stehen die Ritter , die Damen , die Bauern und viel andere Leute , und alle warten auf den kleinen Prinzen , den seine Pflegemutter , die Hanne , aus der Blauen Gans herüberbringt in die verzauberte Burg . Oben auf dem goldenen Balkon da steht dem Prinzen sein Vater , dem alles gehört und der ganz mit Samt und Seide hergeputzt ist und voll Freude nach dem Kinde und derjenigen ausschaut , die sein Kind auf den Armen trägt . - Mit leuchtenden Augen und erhobenem Kopf geht das junge Mädchen durch den kleinen Garten dahin , sie hält den Knaben vor sich , als ob sie ihn jetzt und jetzt in zugreifende Hände legen wollte , und als sie knapp vor der Mauer steht und in einer Ritze ein graues Vöglein zu singen und zu schmettern anhebt , da macht sie einen Knicks . - Das ist der Torwart , der mit seinem Horn die Ankunft des Prinzen ankündigt . - Jetzt kann sie aber nimmer weiter , sie steht da vor der festen Mauer . - Alles ist wie im Märchen , nichts fehlt als das Zauberwort , welches die Tore öffnet und alle Dinge verwandelt . - Die Hanne sinnt und sinnt , sie hat es doch einmal gewußt , als sie noch ein Kind war - alle erwachsenen Menschen vergessen es - , sie kann es nimmer finden . Aber der kleine Bub auf ihren Armen , der weiß es , denn er lächelt und greift mit beiden Händchen nach dem grauen Vöglein in der Mauerritze . - Die