tiefempfundene Worte - tiefempfundene , weil ihn im eigenen Hause schwerste Schicksalsschläge getroffen hatten - , und als er nun vortrat und den Segen sprach und nach dem Singen des letzten Verses der Ton der Orgel nur noch leise nachzitterte , senkte sich der Sarg mit all den Kränzen , die ganz zuletzt noch auf ihn gehäuft worden waren , in die Gruft hernieder . Eine tiefe Stille trat ein , und die fremden Gäste steckten eben die Köpfe zum Schlußgebet in den Hut , als man hinter einem der Pfeiler ein heftiges und beinah krampfhaftes Schluchzen hörte . Die Gräfin sah empört nach der Stelle hin , von der es kam ; aber der deckunggebende Pfeiler ließ glücklicherweise nicht erkennen , wer die Anmaßung gehabt hatte , ergriffener sein zu wollen als sie . Stine , die die Fahrt nach Klein-Haldern schon mit dem Vormittagszuge gemacht und sich , um die Zwischenzeit hinzubringen , eine Stunde lang und länger am Außenrande des Groß-Halderner Parkes und dann wieder auf dem angrenzenden Wiesengrunde , wo sie dem Vieh , das hier weidete , zusah , verweilt hatte , war unter den letzten , die die Kirche verließen . Sie hielt sich abseits , ging noch eine Weile zwischen den Gräbern auf und ab und trat dann langsam ihren Rückweg nach dem Klein-Halderner Bahnhof hin an . Alles war still , es klangen keine Glocken mehr , und sie hörte nichts als die Lerchen , die mit ihrem Tirili aus der ringsumher in Garben stehenden Mahd in die Luft emporstiegen . Eine stieg höher als die andere , und sie sah ihr nach , bis sie hoch oben im Blau verschwunden war . » In den Himmel ... Ach , wer ihr folgen könnte ... Leben ; leben müssen ... « Und im Übermaß schmerzlicher Erregung und einer Ohnmacht nahe , setzte sie sich auf einen Stein am Weg und barg ihre Stirn in der Hand . Als sie sich nach einer Weile wieder erhob und ihren Weg inmitten der Fahrstraße fortsetzen wollte , hörte sie , daß in ihrem Rücken , von Groß-Haldern her , ein Wagen in raschem Trabe herankam . Und sich umwendend , sah sie , daß es dieselben Personen waren , die während der Trauerfeier mit in dem herrschaftlichen Kirchenstuhle gesessen hatten . In dem letzten Wagen aber saß Waldemars Oheim , den Sommerüberzieher zurückgeschlagen , so daß man das große blaue Ordensland , das des schwedischen Seraphinenordens , in aller Deutlichkeit erkennen konnte . Stine wollte nicht gesehen sein und trat mit halber Wendung zur Seite , der alte Graf aber hatte sie schon von fernher erkannt , und einer flüchtig in ihm aufsteigenden Verlegenheit rasch Herr werdend , erhob er sich im Wagen und lud sie durch eine freundlich-verbindliche Handbewegung zum Einsteigen ein . Über Stines Züge ging ein Leuchten , das der schönste Dank für des alten Grafen , bei Gelegenheiten wie diese , nie versagende Ritterlichkeit war , aber zugleich schüttelte sie den Kopf und ging unter gelegentlichem Verweilen und sich dadurch absichtlich verspätend auf Klein-Haldern zu , von dessen Kirschallee aus sie bald danach die weiße Dampfwolke des auf die Hauptstadt zueilenden Zuges sah . Eine Stunde später , soviel wußte sie , kam ein zweiter Zug , und bis dahin allein zu sein war ihr keinenfalls unwillkommen , ja recht eigentlich das , wonach sie sich sehnte . Dazu ward ihr nun freilich mehr Gelegenheit , als ihr lieb war . Die Zeit wollte nicht enden , und sie sah unausgesetzt den langen Schienenweg hinauf , immer nach der einen Seite hin , von der der Zug kommen mußte . Vergebens , er schien ausbleiben zu wollen . Und doch war sie todmüde von Erregung und Anstrengung und fror , und ihre Füße trugen sie kaum noch . Endlich aber sah sie , daß die Signale gezogen wurden , und bald danach auch , daß die großen Feueraugen immer näher und näher kamen . Und nun Halt . Eine Coupétür wurde geöffnet , und rasch einsteigend , drückte sie sich , Wärme halber , in eine der Ecken und zog ihre Mantille fester um ihre Schultern . Aber es half zu nichts , und ein Fieber schüttelte sie , während der Zug nach Berlin weiterdampfte . » Stine , Kind , wie siehst du denn aus ! Dir sitzt ja der Dod um die Nase . « So waren die Worte , womit die schon lange am ersten Treppengeländer wartende Witwe Pittelkow ihr Stinechen empfing und nicht zuließ , daß sie noch höher hinauf in ihre Polzinsche Wohnung stiege . » Komm , Kind , und leg dich man gleich hier aufs Bett . Na , ich sage ... War ' s denn so doll ? Oder haben sie dich geschubst ? Oder haben sie dich wegjagen wollen ? Oder er vielleicht ? Na , dann erlebt er was , dann jag ich ihn zum Deibel . Olga , Baby , wo bist du denn ? Uff , sag ich , un mache Feuer . Un wenn ' s kocht , rufst du mir . Hörst du ... Jott , Stine , du bibberst ja man so . Was haben se dir denn gedan ? « Und dabei knöpfte sie der Schwester das Kleid auf und schob ihr Kissen unter und deckte sie mit zwei Deckbetten zu . Nach einer halben Stunde hatte sich Stine soweit erholt , daß sie sprechen konnte . » Na , nu wird es ja wieder « , sagte Pauline . » Wenn die Mühle erst wieder geht , is auch wieder Wind da . Kind , dir war ja die Puste reine weg , un ich dachte schon , nu stirbt die auch noch . « Stine nahm ihrer Schwester Hand , klopfte und streichelte sie und sagte : » Ich wollte , es wäre so . « » Ach , rede doch nich so , Stine . Du wirst ja schon wieder werden .