- So tat sie das , wogegen alles Frühere nicht zählte . Sie vollzog den Betrug , der die Schande zu bemänteln hatte . Hermann mußte getäuscht werden . Das war so leicht und darum gar so schlecht ... Und geschah , und Maria duldete die Erniedrigung , die sie für unausdenkbar gehalten hatte , die ganze ! Nichts ward ihr geschenkt - nicht der Freudenausbruch , mit dem der hintergangene Mann die in tiefdunkler Nacht gestammelte Kunde aufnahm , nicht seine erhöhte Zärtlichkeit , nicht Wilhelms gutmütige Scherze , nicht Helmis treue Teilnahme , nicht Gräfin Agathens feierliche Segenswünsche . Maria spielte eine jammervolle Komödie , heuchelte Interesse an gleichgültigen Dingen , Freude an den harmlosen Vergnügungen , den Landpartien und Waldfesten , die Hermann und Wilhelm veranstalteten , um sie zu zerstreuen . Nicht immer , aber doch meistens ließ Hermann sich täuschen . All sein Glück ging von dem Bilde aus , das er sich von ihrem Glücke machte . Sie aber lebte in der Liebe zu ihrem Kinde , pflegte eifrig ihre Kunst , die sie nie schöner und hinreißender als jetzt ausgeübt hatte , und grübelte sich allmählich in eine eigentümliche Sophistik hinein . Die Sühne , nach der sie rief , lag gewiß in der Einsicht , daß es ihr verwehrt sei zu sühnen . Der verdammende Schicksalsschluß , der über sie gefällt war , lautete : Du liebst die Wahrheit , wandle in der Lüge . 12 Im Sommer kamen Graf Wolfsberg und seine Schwester mit ihrer Gesellschaftsdame , Fräulein Annette Nullinger , nach Dornach . Beinahe auf dem Fuße folgte ihnen , ohne eingeladen zu sein , ohne sich angesagt zu haben , die kleine Gräfin Felicitas Soltan . Sie kam , um zu fragen , ob Tessin , wie er vor seiner Abreise versprochen , an Gräfin Dolph geschrieben habe , wie es ihm gehe , und besonders - ob er sie grüßen lasse . Aber noch war kein Brief von ihm eingetroffen , und nur durch Zeitungstelegramme wußte man , daß er auf seinem Posten angelangt und festlich empfangen worden war . An einem schwülen Sonntagnachmittag hatten sich die Schloßbewohner in einem breiten offenen Zelte am Ufer des Teiches versammelt . Dichtes Buschwerk umgab ihn ringsum , und hinter diesem ragten das hellgrüne malerische Gezweig einzelner Tulpenbäume und aus weiterer Entfernung die dunkeln Gipfel eines Balsamtannenhaines in das gleichförmige , ruhig leuchtende Himmelsblau empor . Alle im Zelte Anwesenden , Fräulein Nullinger und Hermann junior ausgenommen , rauchten . Annette hatte nach und nach ihren Sessel bis zum Eingang vorgerückt ; dennoch schwebte tückischer Tabaksqualm ihr nach und machte sie hüsteln , was Gräfin Dolph unabweislich rügte . Sie saß in der Tiefe des Zeltes in einem ausgefütterten Strandsessel und hatte eine Haube auf , die ungemein an die häusliche Kopfbedeckung der französischen Könige im 15. Jahrhundert erinnerte . » Nulle « , sprach sie - » Ich heiße Nullinger « , berichtigte das Fräulein , ohne sich umzuwenden . » Nun denn , Nullinger , zwingen Sie sich doch nicht zu husten - aus purer Affektation . « Annette zuckte die Achseln und preßte die Flächen ihrer feuchten Hände aneinander ; ihre roten aufgeworfenen Lippen hatten das ihnen eigentümlich nervöse Beben . Fee nickte ihr bedauernd zu und seufzte : » Ach , welche Hitze ! Ist es immer so heiß bei Ihnen , Graf Dornach ? « Sie wiegte sich in ihrem Schaukelstuhle , hatte die Augen halb geschlossen und ließ wie todmüde die Arme an beiden Seiten ihres schlanken und zierlichen Körpers herabhängen . Graf Wolfsberg , den zu amüsieren sie sich vorgenommen , war heute ein undankbares Publikum . Er hatte nicht einmal bemerkt , daß sie sein Lieblingskleid angezogen , das weiße , gestickte , mit der rosafarbigen Bébéschleife . Bei Tische , als sie , nur um ihm Spaß zu machen , die heiligsten Geheimnisse ihres Herzens auskramte , von ihren unbezahlten Rechnungen gesprochen , von ihrem Glauben an die Zukunft des Spiritismus als Staatsreligion , von allerlei Skrupeln , die sie sich machte - intim , ganz intim ! - , hatte er kaum zugehört . Und nun saß er seit einer Stunde ernst und schweigsam neben ihr , und sie verzweifelte endlich daran , ihn seiner üblen Laune zu entreißen . Hermann und Maria kannten den Grund seiner Verstimmung . Er war , indes die anderen sich in der Kirche befanden , auf den Friedhof gegangen und hatte Wolfis Grab besucht . » Wozu ? warum tut er solche Sachen , die ihn viel zu sehr angreifen ? « hatte Dolph ihrer Nichte geklagt . Auch sie trachtete ihn zu zerstreuen und suchte dabei die wirksamste Unterstützung , die des kleinen Hermann ; sie war aber in diesem Augenblick nicht zu haben . Das Knäblein mühte sich gar eifrig , Steinchen , die es gesammelt und auf den Schoß seiner Mutter gelegt hatte , mit ihrer Hilfe ins Wasser zu werfen . Seine Antwort auf die Einladung der Großtante , zu ihr zu kommen , lautete entschieden verneinend , und die aufrichtigste Abneigung sprach aus dem raschen Blicke , den er der alten Frau von unten herauf zuwarf . Gräfin Dolph machte ihrem Unmut über die Vergeblichkeit der Liebesmüh , die sie seit langem an dieses schöne und entzückende Kind verschwendete , dadurch Luft , daß sie plötzlich von den Unannehmlichkeiten zu sprechen begann , die das Landleben für sie mit sich brächte . » Etwas Schreckliches zum Beispiel « , sagte sie , » ist die Kontrolle , unter der man mit seinen Kirchenbesuchen steht . Man kann sich keinen einzigen schenken , und ich sag euch , noch ein Hochamt wie das heutige , und ihr könnt mich gleich dabehalten in eurer Familiengruft . Und Sie , Nulle , das bitte ich mir aus , placieren Sie sich am nächsten Sonntag nicht wieder in das Oratorium uns gegenüber . Sie stören mich , Sie rauben mir das bißchen Andacht ,