beiden . Die Beleuchtung war allerdings zu schwach , um die Formen der schönen Frau scharf und deutlich hervortreten zu lassen . Und doch floß ein verführerischer Athem von dieser in der Thüröffnung etwas nach vorn gebeugt stehenden Gestalt zu Adam hin . » Sehr liebenswürdig , gnädige Frau ... « Lydia verschwand wieder . Der Herr Doctor hatte sich erhoben . Er fühlte sich sehr behaglich . Er stand einen Augenblick mitten im Zimmer still und dehnte und reckte sich . Ein kleiner Drang zum Gähnen befiel ihn . Aber er unterdrückte ihn tapfer . Das dünkte ihn denn doch zu undankbar . Mit großer Genugthuung sog er die Atmosphäre des elegant-gemüthlichen Cabinets ein . Diese von der matten Beleuchtung mehr durchdunkelte als erhellte Umgebung entsprach sehr intim seinen Bedürfnissen und Neigungen , gebar ihm eine eigenthümlich reizvolle Stimmung . Und das Begehren ward in ihm lebendig , dauernd unter solchen , in sich gesicherten Bedingungen zu leben . Und Lydia ? Adam sagte sich , daß er ihrer pikanten , vollen , reifen Frauenschönheit heute Abend zum Opfer gefallen war . Starken Eindrücken war er ja so zugänglich ... wenigstens konnte er sich für eine kurze Zeitspanne ganz von ihnen aufzehren lassen . Nun ! Er wollte den Genuß der Stunde auskosten . Wer weiß , was ihm noch bevorstand ! Oder sollte er selbst versuchen , mit starker Hand in die Speichen seines kleinen Privatschicksalsrades zu fallen ? Sollte er versuchen , mit schnellem , kühnem Griff das an sich zu reißen , was ihm da aus dem Dämmerungsschooße einer , wie es schien , nicht ungnädigen Zukunft blendend entgegengaukelte ? Adam war unschlüssig . Er konnte auch nicht anders , als unschlüssig sein . Noch zu amorph , noch zu unklar und verschwommen lag Alles vor ihm . Und gerade die Ungewißheit war es ja , die ihn reizte , die ihm eine pikante Berechtigung gab , Alles zu erwarten , Alles zu erhoffen . Nachher ... nachher , wenn er seinen Sieg oder seine Niederlage erlebt hatte , war er ja wieder in die kalte , schneidende Winterluft seiner radicalen Resignation , seiner brutalen Gleichgültigkeit zurückgestoßen . Doch auf die Dauer war ihm das Klima dieser Eiszone unerträglich . So hatte sich mit der Zeit bei Adam das Bedürfniß herausgebildet , sich allerlei Möglichkeiten zu verschaffen , die seinen Hoffnungen , seinen Erwartungen einen möglichst großen Spielraum gewährten , ... die bei einer günstigen Combination zu Thatsachen werden konnten , welche für sein Leben entscheidend waren ... entscheidend nach der zukunftsichernden , emporführenden , Alles versprechenden Seite hin . Vor der unmittelbaren Prüfung jener Möglichkeiten schrak Adam zurück . Er war nicht kleinlich , nicht feige . Aber nach dem süßen Morphiumgift eines gewissen , nicht besonders merkwürdigen , aber auch nicht gerade alltäglichen , im Uebrigen eigentlich sehr unschädlichen Epicureismus hatte auch schon sein Blut - und war das auffallend ? - heißes Verlangen tragen gelernt . Adam trank sein Glas leer und ging zu Lydias Schreibtisch hinüber . Er betrachtete einige Augenblicke sinnend das kleine , feine , entschieden distinguirte , jetzt nur zu undeutlich beleuchtete Möbel . Nein ! Das war Alles viel zu zierlich , das war Alles viel zu geschmackvoll arrangirt , zu feingeistig zusammengeordnet , um mehr , denn eine schöne Dekoration zu sein . Diese engen , flachen Schubkästen waren nur dazu bestimmt , schmale , dünne , discret parfümirte Briefchen , die wohl eine roth- oder blauseidene Schlinge einschnürt , aufzunehmen . Diese kleine , dünne , feuchtbraun glänzende Platte ertrug höchstens den reservirten Druck eines zärtlich-vorsichtigen Frauenarms , duldete wohl gerade nur die Gegenwart eines Briefblattes , auf welches eine schöne , ringblitzende Damenhand allerlei Koseworte , ein schillerndes Wortgetändel , krause Gedankenarabesken niedertropfen läßt ... oder die Gegenwart eines graciösen Goldschnittbändchens , in dem man blättert , um hier einen elegant geformten Satz , dort einen geschmeidigen Reim aufzupicken , oder eine perlende , schillernde Strophe , die leise eine Saite der Erinnerung anschlägt ... eine Saite , die nun verhalten aufklingt ... und in zarten Schwingungen Bilder um Bilder empordämmern läßt ... An diesem Tische muß eine schöne Frau wunderbar träumen und sinnen und plaudern können ... Plaudern mit den Gestalten ihrer Träume , ihrer Phantasie ' n ... Adam verspürte wirklich Appetit auf eine gute Cigarette . Er bemächtigte sich der Schachtel , die er leicht fand , und ging zum Sophatisch zurück . In demselben Augenblick , wo er den braungelben , krausgeflockten Tabak über der Lampe anzündete , trat Lydia wieder ins Zimmer . » Mit Ihrer Erlaubnis , gnädige Frau , habe ich also soeben ... soeben Feuer gefangen ... « » Bravo , Herr Doctor ! « Lydia lächelte , aber etwas gezwungen . Unmuth und Aerger lagen auf ihrem Gesicht . » Wie glücklich sind doch diese Menschen ! « ließ Frau Lange jetzt verlauten - » Sitzen die beiden , August und Emma , seelenvergnügt in der Küche zusammen und schwatzen sich tausend Dummheiten vor ... Alles Andere wird ganz gemüthlich vergessen - die Leutchen scheinen rechtschaffen verliebt ineinander zu sein ... Geschmacklos - finden Sie nicht auch , Herr Doctor ? Diese dumme Plebejerliebe ! ... « » Geschmacklos - warum , gnädige Frau ? Warum nennen Sie das Natürliche geschmacklos ? Und Sie finden doch auch , daß die Menschen glücklich sind ! Ja ! Ich glaube es beinahe auch : glücklicher sind sie , als Unsereiner ... Sie dürfen so viel ungenirter , so viel zwangloser , unmittelbarer , derber , ehrlicher sein ! Allerdings ... für uns ist unter Umständen ja gerade das Unnatürliche ... glücklicherweise das Natürliche ... das Pikante , das Reizende , Anreizende , Schaffende . Ich wenigstens liebe offene Thüren nicht besonders ... Es ist so langweilig , eins zwei drei sein Ziel zu erreichen ... « Lydia hatte sich Adam gegenüber auf einen Fauteuil niedergelassen und zündete sich jetzt eine Cigarette an . Es klopfte . » Herein