Und dann rief er übermütig : » Damals , der erste Kuß hat Dich verführt ! « Sie konnte nicht scherzen und nichts sagen ; ihr Gesicht war sehr bleich , aus ihren dunklen Augen brach ein Glanz von unermeßlichem Glück , jeder Kuß schien ihr zu lau , jedes Wort zu armselig , um ihm zu sagen , wie sie ihn liebe . Die Wonne dieses Augenblicks überstieg die Fassungskraft eines Menschenherzens . Ein blödes Lächeln , von einem unartikulirten Laut begleitet , war Severinas einzige Aeußerung . Das Kind , welches in den Graben hinabrollte , weckte wenigstens Joachim aus seinem Rausch . Er setzte sich wieder mit dem Kindchen auf dem Schoß und zog Severina neben sich . » Das ist eine schöne Geschichte , « sagte er lustig , » wenn das Frau Pastorin wüßte . Du große Verführerin , Du hast Schuld ! « Severina lächelte traumbefangen . » Im Grunde , « fuhr er ernsthafter fort , » sollte ich Dich sehr um Verzeihung bitten ; ich bin ein armer und zurzeit noch aussichtsloser Teufel . Auf solche Küsse , wie wir eben gewechselt , sollte eine Verlobung folgen ; ich müßte meinen Frack anziehen und zum Pastor gehen , Deine Hand zu erbitten , und das kann ich noch nicht . « » O , « rief Severina mit heißem Ausdruck , » sprich nicht davon , denke nicht an die Welt und was in ihr Sitte ist ; ich liebe Dich , ich glaube an Dich , ich warte ! Wenn Du mich nur liebst , füllt das heimliche Glück mir die ganze Welt mit Sonnenschein ! « » Schwärmerin , « sagte er gerührt , » so viel Liebe verdiene ich gar nicht . « Sie saßen und plauderten und lachten , wie nur Verliebte können ; Joachim bewunderte alle Reize , die Severina vor anderen voraus hatte , und selbst ihr Gesicht mit den tatarischen Zügen erschien ihm von einer wilden und trunkenen Schönheit . Endlich aber stieg die Sonne über die Weizenkoppel und glühte zu der kleinen Gruppe am Waldsaum hinüber . » Ich muß weiter , « rief Joachim , » das hat eine schöne Zeitversäumnis gegeben ! « Sie nahmen Abschied , als gälte es eine Trennung auf Wochen ; dann ging er mit seinen hastigsten Schritten an der Koppel entlang , den Weg fortsetzend , den er dahergekommen , aber er schaute sich noch mehreremale um , der Lieben einen Gruß zu winken . Und dann schob Severina ihren Kinderwagen in den Wald zurück ; sie ging wie im Traum und erschrak , als sie sich zuletzt im Dorfe befand . Das Bewußtsein , daß Sammlung nötig sei , überkam sie peinlich ; sie sah sich fremd um , ihr war wie einer Verirrten zu Mut . Aber da stand schon der Pastor in der Gitterpforte vor seinem Hause und schaute nach ihr aus ; man hatte auf sie gewartet . Er rauchte zwar seine lange Pfeife , aber er hatte seinen schwarzen Gehrock an und ein reines weißes Halstuch um , das bedeutete Außergewöhnliches . Severina atmete auf . Jedes Ereignis war willkommen - nur heute nicht der alltägliche Trott des Tagewerkes . » Mein Kind , « sagte der Pfarrer , » Graf Taiß ist mit drei anderen Herren gekommen , es gibt ein Diner auf dem Schlosse , Fanny hat nach Dir geschickt ; aber erst sollst Du der Mutter noch etwas helfen und Dich gleich auch umkleiden . « Der ängstliche Tonfall in seiner Stimme verriet Severina , daß die Pastorin schon in Ungeduld vergehe ; da gab es Schelte , viel Schelte , und das als erstes nach der seligen Stunde ? In Severina wallte es warm auf . Segen und Teilnahme konnte sie von niemand erbitten , aber ein gutes , ein liebevolles Wort mußte sie hören ; sie legte ihr Haupt an ihres Pflegevaters Schulter und ihren Arm um seinen Nacken . » Papachen , « sagte sie schmeichelnd , » nicht wahr , Du hast mich ein wenig lieb und möchtest , daß ich noch ' mal im Leben glücklich würde ? « » Natürlich , natürlich ; aber wie kommst Du auf die Frage , mein Kind ? Und was hast Du für rote Backen ? Aengstigst Dich wohl schon vor Mama ? Na , Du weißt , sie meint es nicht so , und mit mir schilt sie auch ' mal , « sagte der alte Herr gutmütig . » Siehst Du , schließlich haben wir ' s ja bei der Schelte besser als Magnus bei der Güte . « Severina lächelte glücklich . Ja , der alte Mann hatte sie väterlich lieb . Er würde sich freuen - dann , dann , wenn alle Welt erst wissen durfte ... » Severina ! « rief eine heftige Stimme . » Komme schon , « rief sie zurück , » ich will erst den Kleinen ins Schloß bringen ! « Die Magd , die in der Pfarrküche gewartet hatte , kam aber schon um die Hausecke und nahm den Kinderwagen . Severina ging hinein . In der Vorderstube saß die Pastorin , mit einer Brille bewaffnet , und nähte mit der ihr eigenen rasenden Eile an einem schwarzen Kleid . » Wo bleibst Du ? Natürlich , unter dem Vorwand , das Kind spazieren zu fahren , wird gefaulenzt . Faulheit ist der Beginn aller Laster , das haben wir bei Deiner Mutter gesehen . Hier , der neue Stoß muß noch in das Kleid vor Mittag , ich ging ja schon zum Skandal damit . « Severina nahm ihr Nähgeschirr und nähte darauf los ; der Kleidersaum , an dem sie nun beide arbeiteten , schwebte in ellipsenförmiger Rundung zwischen ihnen , das dazu gehörige Gewand bauschte sich erdwärts zwischen ihren Füßen zusammen . Aber da hatte die Pastorin ein Handtuch hingebreitet , damit es nicht Schaden nähme . » Was ziehst Du an ? «