Leben vergiftet werden ? « erwiderte sie . » Nein , lieber trag ' ich ' s für mich allein , als daß ich auch ihn leiden sehen sollte . Er ist fröhlichen Gemütes und hängt an ihr mit seiner ganzen Seele - sonst ist er wohl manchmal heftig und aufbrausend , nur ihr hat er noch kein böses Wort gesagt - laß ihn hoffen , solange er ' s vermag - ich verrat ' s ihm nicht . « Sie stützte den Kopf in beide Hände und starrte vor sich hin . Ihm fiel das Märchen seiner Mutter ein . » Frau Sorge , Frau Sorge , « murmelte er vor sich hin . » Was sagst du da ? « fragte sie und sah ihn mit großen , trostverlangenden Augen an . » Ach nichts , « erwiderte er mit einem traurigen Lächeln , » ich wollte , ich könnte dir helfen . « » Wer könnte das wohl ? « » Und doch kann ich ' s vielleicht , « sagte er , » es hat dir nur einer gefehlt , mit dem du dich aussprichst . Du bist gar nicht so übel dran , wie du denkst - zwar dich hat die Frau Sorge auch gesegnet ... « » Was heißt das ? « fragte sie . Und darauf erzählte er ihr den Anfang jenes Märchens , so gut er ' s im Gedächtnis behalten hatte . » Und wie erlöst man sich von diesem Segen ? « fragte sie dann . » Ich weiß es nicht , « erwiderte er , » die Mutter hat mir das Ende des Märchens niemals erzählen wollen . Ich glaube auch nicht , daß es eine Erlösung gibt . Solche Menschen wie wir , die müssen gutwillig auf das Glück verzichten , und wenn es ihnen noch so nahe ist , sie sehen es nicht - es kommt ihnen immer was Trübes dazwischen . Das einzige , was sie können , ist , über das Glück der andern zu wachen und zu sorgen , daß es ihnen so gut wie möglich gehe . « » Ich möchte aber auch ein bißchen glücklich sein , « sagte sie , die Augen treuherzig zu ihm aufschlagend . » Ich wünschte , ich wäre so glücklich wie du , « erwiderte er . » Hätt ' ich nur nicht immer Angst , « klagte sie . » Die Angst - mit der mußt du dich schon befreunden - die hab ' ich mein Lebtag gehabt , und wenn ich nicht wußte , warum , so hab ' ich mir rasch ' nen Grund zurechtgemacht . Es ist auch gar nicht so schlimm damit - wenn man die Angst nicht hätt ' , man würd ' ja nicht wissen , warum man lebt . - Aber denk ' nur einmal nach , wie zufrieden du sein kannst : Du siehst lauter fröhliche Gesichter um dich , die Mutter fühlt sich glücklich , trotz allem Leiden - das tut sie doch ? « » Ja , Gott sei Dank , « sagte sie , » sie ahnt gar nicht , wie schlimm es mit ihr steht . « » Na , siehst du ! - Und der Vater ahnt es ebensowenig ; keine Sorge drückt sie , sie lieben sich und lieben dich auch , kein böses Wort fällt zwischen euch - und wenn die Mutter einmal die Augen zumacht , so wird sie ' s vielleicht im Lächeln tun und wird sagen können : ich bin doch immer recht glücklich gewesen ! - Sag mal - kannst du mehr verlangen ? « » Aber sie soll nicht sterben ! « rief Elsbeth . » Warum nicht ? « fragte er , » ist der Tod denn so schlimm ? « » Für sie nicht - aber für mich . « » Auf einen selber kann es da nie ankommen , « erwiderte er , die Lippen hart zusammenpressend , » man muß eben sehen wie man mit sich fertig wird . - - Der Tod ist nur dann schlimm , wenn man sein Lebtag auf das Glück gewartet hat , und es ist nicht gekommen . Da muß einem zumute sein , wie wenn man hungrig von einem reichbesetzten Tische aufsteht , und das möcht ' ich jedem Menschen ersparen , den ich liebhabe . - Sieh mal , ich hab ' auch eine Mutter - die hat auch mal glücklich sein wollen und möcht ' es jetzt noch gar zu gerne - ich bin der einzige , der ihr die Sorge vom Halse schaffen könnte , und ich bin nicht imstande dazu . Was meinst du , wie mir da zumute sein muß ? Ich seh ' , wie sie alt wird in Gram und Not ... ich kann die Runzeln zählen auf ihrer Stirn und ihren Backen ... ihr Mund fällt ein , und ihr Kinn wird lang ... sie spricht schon lange kein lautes Wort mehr , stiller wird sie von Tag zu Tag ... und so still wird sie eines Tages wegsterben ... und ich werd ' dastehen und werd ' sagen : du bist schuld daran , du hast ihr nicht einen einzigen Tag des Glückes bereiten können . « » Armer Mensch du , « flüsterte sie , » kann ich dir gar nicht helfen ? « » Niemand kann mir helfen - solange der Vater - « er hielt inne , erschrocken über den Lauf seiner eigenen Gedanken . Beide schwiegen . - Lange saßen sie regungslos da , die zwanzigjährigen Häupter sorgenvoll in die Hände gestützt . Der Mondenglanz lag silbern auf ihren Haaren , die der weiche Heidewind leis tändelnd bewegte . Dann fuhr ein Wolkenschatten über sie hin . Sie erbebten beide . Ihnen war zumute , als breitete jene traurige Fee , die sie » Frau Sorge « nannten , den düsteren Fittich über sie . » Ich will nach Hause ,