und einige betriebsame Sozialdemokraten , die im Stillen mit ihrer Heilslehre den Kirchenleuten zwar Konkurrenz machen , aber praktisch und öffentlich noch keinen Ersatz zu bieten vermögen für die Bettelsuppen aus der Klosterküche und für die schönen Gottesdienste und abendlichen Erbauungsstunden in der prächtigen Klosterkirche . So bleibt vorerst die Mehrheit der wirklich Bedürftigen , der alten Männer und Weiber insonderheit , dem Krummstabe treu und dem Polizeispieß unterthan , während die Jungen , welche als Kleinhandwerker und Fabrikarbeiter ihren knappen Unterhalt verdienen , innerlich voll revolutionärer Mucken sind und auf die Verheißungen der sozialdemokratischen Zeichendeuter bauen . * * * » Aber , lieber Schlichting , was ist denn das für eine gefährliche Stilübung ? In wessen Auftrag machst Du das ? Zu wessen Nutz und Frommen ? « » Lies weiter , wenn ' s Dich interessiert ; leg ' s weg , wenn ' s Dich langweilt . « » Du foppst mich , nicht wahr ? Du machst Dir einen Ulk mit der geschätzten Umgegend ? « » Ein Narr kann mehr fragen , als zehn Weise beantworten . « » Meine Gutmütigkeit ist grenzenlos . Ich lese weiter . « * * * Der vierstöckige neue Mietsbau im unteren Isarsträßchen brachte wieder andere , ganz modern stilisierte Bevölkerungselemente in diese wenig bewegte Kleinwelt . Das Haus gehört einem unter verdächtigen Umständen pensionierten Steuerbeamten , der mit seiner ehemaligen Köchin in zweiter Ehe lebt , sich Herr Finanzrat titulieren läßt und dabei Wuchergeschäfte treibt . Er bewohnt den zweiten Stock . Im ersten Stock haust eine der Maitressen eines Grafen aus der Maximilianstraße mit ihrer Tochter . Man nennt sie die » Wappenhure « . Im Erdgeschosse treibt ein deklassierter Baron sein Wesen mit zwei erwachsenen Mädchen , die er für seine Töchter ausgibt . Von der Beschäftigung dieser sonderbaren Familie weiß die Nachbarschaft allerlei Merkwürdiges zu erzählen : der Baron wasche Handschuhe , stopfe Vögel aus , schnitzle Heiligenfiguren , mehr des Unterhalts als der Unterhaltung wegen , - und seine Töchter , eine Blondine und eine Brünette , die oft wochenlang auswärts kampierten , seien nur zum Scheine in einem feineren Kunstblumengeschäft als Blüten- und Stielmacherinnen angestellt , ihr eigentlicher Erwerb fließe aus unsittlicher Nebenhantierung - kurz , aus der Prostitution besserer Sorte . * * * » Schlichting , woher hast Du das ? Die Blondine - die Brünette , ja , wie ist mir denn ? Verdammter Fabulist , was sind das für Anspielungen ? « » Geht Dir ein Licht auf ? Gieb Acht , daß es kein Irrlicht ! « » Saugst Du das aus den Fingern , oder stehst Du mit der Geheimpolizei im Bunde ? « » Keins von beiden . Nimm die Geschichte für den Anfang einer impressionistischen Novelle . Ich hab ' so etwas wie Herzweh , und da hab ' ich mich aufs Dichten besonnen . Aber ich mache keine Liebeslieder . Die Dudelei freut mich nicht . Ich muß nach authentischen Dokumenten in derber Prosa arbeiten . Das strengt den Kopf mehr an und macht das Herz leichter . Wenigstens hoff ' ich das letztere . « » Du bist ein unglaublicher Mensch . Woher hast Du denn diese Details ? Du bist doch kein Urmünchner wie ich , dem so etwas zufliegt ... « » Und ist mir doch zugeflogen . Zum Teil vor einer Stunde erst . Ganz frisch - und doch schon überprüft . Ich verrate meine Quelle nicht . Bitte , lies weiter , wenn ' s Dich interessiert . « * * * Im dritten Stock hat sich die Verlobte eines Rittmeisters mit ihren drei Kindern , einem Knaben und zwei Mädchen , häuslich eingerichtet . Der Offizier läßt sich nur selten blicken . Doch schickt er desto öfter Körbe mit Wein , gebratenem Geflügel und Naschwerk an seine » ewige Braut « - Sendungen , von denen der dienstthuende Packträger einmal dem lüstern forschenden Baron im Erdgeschosse gestand , daß sie eigentlich nicht aus der Vorratskammer des Offiziers stammten , sondern diesem selbst erst von einer seiner dankbarsten Verehrerinnen , der militärfrommen Frau eines bekannten Weinrestaurateurs , spendiert zu worden pflegen . Die Töchter des Barons wollten den Rittmeister bei einer zufälligen Begegnung im Hallsflur wieder erkannt haben als den Schwerenöter Fra Diavolo , der ihnen auf dem letzten Maskenball im Kolosseum selbst gar leidenschaftlich nachgestiegen . Im vierten Stock haben sich die beiden eigenartigsten Persönlichkeiten eingemietet : erstens ein einarmiger und einäugiger Zeitungsschreiber , der Herausgeber des sogenannten Witzblattes » Die Kloake « , oder » Das Vaterland der schönen Seelen « , wie es nach einem anrüchig-doppelsinnigen Gratulationsgedicht der ersten Neujahrs-Nummer vom Volkshumor benannt wurde . Den linken Arm will er auf den französischen Schlachtfeldern verloren haben , das rechte Auge wurde ihm bei einer Rauferei zur Nachfeier der Fahnenweihe eines ländlichen Veteranen-Vereins aus dem Kopfe geklopft . Er geht meist nur in der Nacht aus , und die Hausleute , welche dem herkulisch gebauten Einarm-Einaug auf der schwach beleuchteten Treppe begegnen , drücken sich scheu zur Seite . » Preßbandit « nennen sie ihn . Aber heimlich , weil sie ihn fürchten . Die Frechheit seiner Feder ist beispiellos . Er schont nicht das Kind im Mutterleibe . Wo er hingreift , bleibt ein Schmutzfleck . Seine Tinte ist stinkige Jauche . Zweitens : der Akt-Photograph Attenkofer , Meister des freien deutschen Hochstifts , Inhaber zweier silberner Medaillen für Kunst und Wissenschaft , Ehrenmitglied des Tierschutzvereins sowie der Gesellschaft zur Verbesserung der Hunderassen , ein Mann mit einem drolligen Löwenkopf , von Gestalt ein Riese Goliath , nach der Tracht , die Sommer und Winter die gleiche , einer der getreuesten Jünger des Stuttgarter Wollenapostels - und dazu eine sanfte Kindesseele , keusch wie , Gletschereis . Seit er neben dem Preßbanditen wohnt , ist die Harmonie seines Gemütes zerstört . So viel Bosheit und Niedertracht bei einem Menschen , der die Feder führt und sich Journalist nennt , hätte er nie für möglich gehalten