Pah ! pah ! das muß sich das Mamsellchen nicht so zu Herzen nehmen , nur lustig , das ist die Hauptsache ! Sie hat mir eben jetzt auch fast ein Loch in den Kopf gerannt ; aber nur nicht einschüchtern lassen ! Na ? immer noch auf demselben Fleck ? Wir müssen hinauf , sie hat ' s befohlen . « Heidi ging nun die Treppe hinauf , aber langsam und leise und gar nicht wie sonst seine Art war . Das tat dem Sebastian leid zu sehen ; er ging hinter dem Heidi her und sprach ermutigende Worte zu ihm : » Nur nicht abgeben ! Nur nicht traurig werden ! Nur immer tapfer darauf zu ! Wir haben ja ein ganz vernünftiges Mamsellchen , hat noch gar nie geweint , seit es bei uns ist ; sonst weinen sie ja zwölfmal im Tag in dem Alter , das kennt man . Die Kätzchen sind auch lustig droben , die springen auf dem ganzen Estrich herum und tun wie närrisch . Nachher gehen wir mal zusammen hinauf und schauen ihnen zu , wenn die Dame drinnen weg ist , ja ? « Heidi nickte ein wenig mit dem Kopf , aber so freudlos , daß es dem Sebastian recht zu Herzen ging und er ganz teilnehmend dem Heidi nachschaute , wie es nach seinem Zimmer hinschlich . Am Abendessen heute sagte Fräulein Rottenmeier kein Wort , aber fortwährend warf sie sonderbar wachsame Blicke zu Heidi hinüber , so als erwartete sie , es könnte plötzlich etwas Unerhörtes unternehmen ; aber Heidi saß mäuschenstill am Tisch und rührte sich nicht , es aß nicht und trank nicht ; nur sein Brötchen hatte es schnell in die Tasche gesteckt . Am folgenden Morgen , als der Herr Kandidat die Treppe heraufkam , winkte ihn Fräulein Rottenmeier geheimnisvoll ins Eßzimmer herein , und hier teilte sie ihm in großer Aufregung ihre Besorgnis mit , die Luftveränderung , die neue Lebensart und die ungewohnten Eindrücke hätten das Kind um den Verstand gebracht , und sie erzählte ihm von Heidis Fluchtversuch und wiederholte ihm von seinen sonderbaren Reden , was sie noch wußte . Aber der Herr Kandidat besänftigte und beruhigte Fräulein Rottenmeier , indem er sie versicherte , daß er die Wahrnehmung gemacht habe , die Adelheid sei zwar einerseits allerdings eher exzentrisch , aber anderseits doch wieder bei richtigem Verstand , so daß sich nach und nach bei einer allseitig erwogenen Behandlung das nötige Gleichgewicht einstellen könne , was er im Auge habe ; er finde den Umstand wichtiger , daß er durchaus nicht über das Abc hinauskomme mit ihr , indem sie die Buchstaben nicht zu fassen imstande sei . Fräulein Rottenmeier fühlte sich beruhigter und entließ den Herrn Kandidaten zu seiner Arbeit . Am späteren Nachmittag stieg ihr die Erinnerung an Heidis Aufzug bei seiner vorgehabten Abreise auf , und sie beschloß , die Gewandung des Kindes durch verschiedene Kleidungsstücke der Klara in den nötigen Stand zu setzen , bevor Herr Sesemann erscheinen würde . Sie teilte ihre Gedanken darüber an Klara mit , und da diese mit allem einverstanden war und dem Heidi eine Menge Kleider und Tücher und Hüte schenken wollte , verfügte sich die Dame in Heidis Zimmer , um seinen Kleiderschrank zu besehen und zu untersuchen , was da von dem Vorhandenen bleiben und was entfernt werden solle . Aber in wenig Minuten kam sie wieder zurück mit Gebärden des Abscheus . » Was muß ich entdecken , Adelheid ! « rief sie aus . » Es ist nie dagewesen ! In deinem Kleiderschrank , einem Schrank für Kleider , Adelheid , im Fuß dieses Schrankes , was finde ich ? Einen Haufen kleiner Brote ! Brot , sage ich , Klara , im Kleiderschrank ! Und einen solchen Haufen aufspeichern ! « - » Tinette « , rief sie jetzt ins Eßzimmer hinaus , » schaffen Sie mir das alte Brot fort aus dem Schrank der Adelheid und den zerdrückten Strohhut auf dem Tisch ! « » Nein ! Nein ! « schrie Heidi auf ; » ich muß den Hut haben , und die Brötchen sind für die Großmutter « , und Heidi wollte der Tinette nachstürzen , aber es wurde von Fräulein Rottenmeier festgehalten . » Du bleibst hier und der Kram wird hingebracht , wo er hingehört « , sagte sie bestimmt und hielt das Kind zurück . Aber nun warf sich Heidi an Klaras Sessel nieder und fing ganz verzweiflungsvoll zu weinen an , immer lauter und schmerzlicher , und schluchzte ein Mal ums andere in seinem Jammer auf : » Nun hat die Großmutter keine Brötchen mehr . Sie waren für die Großmutter , nun sind sie alle fort und die Großmutter bekommt keine ! « und Heidi weinte auf , als wollte ihm das Herz zerspringen . Fräulein Rottenmeier lief hinaus . Klara wurde es angst und bange bei dem Jammer . » Heidi , Heidi , weine nur nicht so « , sagte sie bittend , » hör mich nur ! Jammere nur nicht so , sieh , ich verspreche dir , ich gebe dir gerade so viel Brötchen für die Großmutter , oder noch mehr , wenn du einmal heimgehst , und dann sind diese frisch und weich , und die deinen wären ja ganz hart geworden und waren es schon . Komm , Heidi , weine nur nicht mehr so ! « Heidi konnte noch lange nicht aus seinem Schluchzen herauskommen ; aber es verstand Klaras Trost und hielt sich daran , sonst hätte es gar nicht mehr zu weinen aufhören können . Es mußte auch noch mehrere Male seiner Hoffnung gewiß werden und Klara , durch die letzten Anfälle von Schluchzen unterbrochen , fragen : » Gibst du mir so viele , viele , wie ich hatte , für die Großmutter ? « Und Klara versicherte immer wieder : » Gewiß , ganz gewiß , noch mehr , sei nur wieder froh ! «