wirst du wieder von den Wiener Studenten hören ... « » Gut , meinetwegen « , sagte Sender gleichmütig . » Aber was geht das uns beide an ? « » Mich geht die Revolution an ! denn sie war der Stolz und die Freude meines Lebens , und sie ist mein Unglück geworden . Höre - ich selbst war unter jenen Wiener Studenten , welche , wie du meinst , keck mit dem Kaiser waren . Und wegen dieser Keckheit haben sie mich anfangs zum Tode verurteilt und dann aus Gnade für Lebenszeit als Gemeinen ins Fuhrwesen gesteckt ... « » Für Lebenszeit ? ! « rief Sender erschreckt . » Das ist eine furchtbare Strafe ! Da sind Sie wahrscheinlich - verzeihen Sie - sehr keck gewesen . Haben Sie dem Kaiser vielleicht - verzeihen Sie - noch einmal die Fenster eingeschlagen ? ! « » Bewahre ! ... Niemals ! « » Unserem Bezirksvorsteher ist das dreimal geschehen ! Oder haben Sie ihm am Ende gar - aber das wird sich ja niemand trauen - haben Sie ihm die Zunge gezeigt ? ! « » Behüte ! Mit unserer Ehrfurcht vor dem Kaiser hat die Sache nichts zu tun gehabt . Vielleicht wird sich einst noch zeigen , daß wir die Kaisertreuen gewesen sind , nicht unsere Verfolger ! Aber das kannst du nicht verstehen ! « » Nein « , sagte Sender . » Aber Ihre Strafe verstehe ich , - die ist sehr hart . Und warum haben Sie gerade Furbes werden müssen ? Da dienen ja nur die rohesten Leute ! ... « » Eben um die Strafe zu verschärfen ! « » Und warum dürfen Sie kein Buch lesen ? « » Damit ich mit der Zeit ein Tier werde , dumm und stumpf , damit ich gehorche wie eine Maschine ! « Der Mann schlug verzweiflungsvoll die Hände vors Antlitz . » Sie armer Mensch ! « sagte Sender , und die Tränen traten ihm in die Augen . » Sie sind wirklich weit mehr zu bedauern als ich . Denn ich weiß noch nicht , was in den deutschen Büchern steht und möchte es nur gerne wissen , Sie aber haben es schon erlernt und müssen es vergessen . Ich kann mir denken - das muß ein großer Schmerz sein ! Und dann - jetzt sind Sie ein Furbes , und sonst wären Sie gewiß ein Doktor geworden - nicht wahr ? « Der Soldat nickte . » Und hätten Leute kuriert . « » Nein - Doktor der Philosophie - ich wollte Professor werden - Lehrer an einer Hochschule - « » Lehrer « , rief Sender , und seine Augen leuchteten . » O wenn Sie - « Er hielt inne , er wagte es doch nicht zu sagen . Der Soldat nickte freundlich . » Ich will dich gerne das Lesen lehren « , sagte er . » Ob dein Zweck vernünftig ist , weiß ich freilich nicht und kann es nicht entscheiden , aber das bißchen Wissen wird dir keinesfalls schaden . « Sender faltete die Hände . » Ich danke Ihnen « , stammelte er , und die Tränen rannen ihm über die Wangen . Der Andere schüttelte den Kopf . » Nein , mein armer Junge « , sagte er , » vielleicht habe ich dir zu danken . Nun habe ich wieder einen Menschen , mit dem ich sprechen kann , der mich weder quält noch verhöhnt . Und dann - wie oft bin ich da unten auf der Brücke stehen geblieben und habe in die Wellen hinabgesehen , lange - zu lange ... Es ist gut , wenn man ein Ziel vor Augen hat und sich sagen kann : Es gibt einen Menschen , der dich erwartet , dem du nützen kannst . « Sender nickte ernst . Er hatte kaum recht verstanden , was der Soldat meinte , aber er wußte : Das ist ein guter Mensch , und es ist ihm weh ums Herz ... Darum wagte er nicht zu sprechen , auch der Soldat schwieg . Endlich faßte sich Sender ein Herz und fragte : » Entschuldigen Sie zur Güte - werden Sie mich hier unterrichten ? « » Wo sonst ? « war die Antwort . » Es liegt uns beiden daran , nicht gesehen zu werden . Ich habe jeden dritten Tag keinen Dienst , da will ich hierherkommen ! « » Gott lohn ' es Ihnen « , sagte Sender . » Brauche ich eine Fibel , wie sie des Doktors Sohn hat ? « » Gut wär ' s ! « » Im Laden bei Jossef Grün sind sie zu kaufen , dreißig Kreuzer kostet das Buch . Aber ich trau ' mich nicht hin . Man wird mich fragen , wozu ich sie brauche . « » Nun « , meinte der Soldat , » dann muß es ohne Fibel gehen . Die Buchstaben kann ich dich aus meinem Buche hier lehren , dem einzigen , welches ich besitze . « Er zog es aus dem Stiefel hervor ; ein kleines , abgegriffenes Bändchen mit zerrissenem Deckel . » Ist das ein Gebetbuch ? « fragte Sender . » Nein , aber mir hat es mehr Trost gewährt , als wenn es ein Gebetbuch wäre . « Der Jude nahm es mit ehrfurchtsvollem Staunen in die Hand und suchte nach dem Titel . Er fand ihn natürlich da , wo bei hebräischen Büchern , in denen der Druck von rechts nach links läuft , das Ende zu stehen pflegt . » Verkehrt gedruckt ! « murmelte er erstaunt . Aber noch verblüffter ward er , als er im Büchlein blätterte . » Das ist ja eine Verschwendung « , sagte er , » ein Leichtsinn . Warum sind die Zeilen so kurz , und rechts und links ist doch so viel Raum . « » Es sind Verse « , belehrte ihn der andere .