der Städte wurde durch einberufene deutsche Schulmänner reichlich erweitert und in den meisten Kantonen an eine große Zwillingsschule verteilt , welche aus einem Gymnasium und einer Realschule bestand . Bei der letzteren brachte mich die Mutter nach mehreren Beratungen und feierlichen Gängen unter , und die Leistungen meiner bescheidenen Armenschule , aus welcher ich halb wehmütig und halb fröhlich schied , erwiesen sich bei der Aufnahmeprüfung so genügend , daß ich neben den Zöglingen der guten alten Stadtschulen vollkommen bestand . Denn diese wohlhabenden Bürgerkinder waren nun ebenfalls auf die neuen Einrichtungen angewiesen . So fand ich mich plötzlich in eine ganz andere Umgebung versetzt . Statt wie früher der bestgekleidete und vornehmste meiner Mitschüler zu sein , war ich in meinen grünen Jäckchen , welche ich aufs äußerste ausnutzen mußte , nun einer der unansehnlichsten und bescheidensten , und das nicht nur in Betracht der Kleidung , sondern auch des Benehmens . Die Mehrzahl der Knaben gehörte dem altherkömmlichen Bürgerstande an ; einige waren vornehme feine Herrenkinder , und einige hinwieder stammten von reichen Dorfmagnaten ; alle aber hatten ein sicheres Auftreten und Gebaren , entschiedene Manieren und einen fixen Jargon im Sprechen und Spielen , vor welchem ich blöde und unsicher dastand . Wenn sie sich stritten , so schlugen sie sich gleich mit raschen Bewegungen ins Gesicht , daß es klatschte , und mehr Mühe als das neue Lernen machte mir das Zurechtfinden in diese neue Umgangsweise , wenn ich nicht zuviel Unbilden erleiden wollte . Ich erkannte nun erst , wie mild und gutmütig die Gesellschaft der armen Kinder gewesen war , und schlüpfte noch oft zu ihnen , die mich mit wehmütigem Neide von meinen jetzigen Verhältnissen erzählen hörten . In der Tat brachte jeder Tag neue Veränderungen in meine bisherige Lebensweise . Seit alter Zeit war die Jugend der Städte in den Waffen geübt worden , vom zehnten Jahre an bis beinahe zum wirklichen Militärdienste des Jünglingsalters ; nur war es mehr eine Sache der Lust und des freien Willens gewesen , und wer seine Kinder nicht wollte teilnehmen lassen , war nicht gezwungen . Nun aber wurden die Waffenübungen für die sämtliche schulpflichtige Jugend gesetzlich geboten , so daß jede Kantonsschule zugleich ein soldatisches Korps bildete . Mit den kriegerischen Übungen war das Turnen verwandt , zu welchem wir ebenfalls angehalten wurden , so daß einen Abend exerziert und den andern gesprungen , geklettert und geschwommen wurde . Ich war bisher aufgewachsen wie ein Gras , mich biegend und schmiegend , wie jedes Lüftchen der Lebensregungen und der Laune es wollte ; niemand hatte mir gesagt , mich grad zu halten , kein Mann mich an See und Fluß geführt und da hineingeworfen , nur in der Aufregung hatte ich ein und andern Sprung getan , den ich mit Vorsatz nicht zu wiederholen vermochte . Mein Temperament aber hatte mich nicht dazu getrieben , wie etwa die Söhne anderer Witwen , da ich keinen Wert darauf legte und viel zu beschaulich war . Meine jetzigen Schulgenossen hingegen bis auf den kleinsten herab schwammen alle wie die Fische im See herum , sprangen und kletterten , und hauptsächlich wohl nur ihr Spott nötigte mich , mir einige Haltung und Gewandtheit zu erwerben , da sonst mein Eifer bald erkaltet wäre . Aber noch viel tiefer sollten die Veränderungen in mein Leben einschneiden . Ich trieb mich in einer Genossenschaft herum , welche sämtlich mit einem mehr oder minder genugsamen Taschengelde versehen war , teils aus häuslicher Wohlhabenheit , teils auch nur infolge herkömmlichen Brauches und sorgloser Prahlerei der Eltern . An Gelegenheit , Ausgaben zu machen , fehlte es noch weniger , da nicht nur bei den gewöhnlichen Übungen und Spielen auf den entlegenen Plätzen Obst und Backwerk zu kaufen üblich war , sondern auch bei größeren Turnfahrten und militärischen Ausflügen mit klingendem Spiel es für männlich galt , sich in den entfernten Dörfern hinter Brot und Wein zu setzen Dazu kamen noch die Ausgaben für allerhand Spielereien , welche in der Schule abwechselnd Mode wurden unter dem Vorwande nützlicher Beschäftigung , ferner der lehrreiche Besuch aller fremden Sehenswürdigkeiten , von welch allem sich regelmäßig entfernt halten zu müssen einen unerträglichen Anstrich von Dürftigkeit und Verlassenheit verlieh . Meine Mutter bestritt mit gewissenhaftem Sinne alle die ungewohnten Ausgaben für Lehrmittel , Instrumente und Material und gab mir hierin sogar für eine gewisse Verschwendung Raum . Mit den feinen Zirkeln des Vaters durchstach ich das schönste Papier in der Klasse ; jede Gelegenheit nahm ich wahr , ein neues Heft zu errichten , und meine Bücher waren immer dauerhaft gebunden . Allein in allem andern , das nur entfernt unnötig schien , beharrte sie eigensinnig auf dem Grundsatze , daß kein Pfennig unnütz dürfe ausgegeben werden und daß ich dies frühzeitig lernen müsse . Nur für die Hauptausflüge und Unternehmungen , von denen wegzubleiben ein zu großer Schmerz für mich gewesen wäre , gab sie mir ein kärgliches Geld , welches jedesmal schon in der Mitte des frohen Tages aufgezehrt war . Dabei hielt sie mich in weiblicher Unkenntnis der Welt nicht etwa in der Abgeschiedenheit zurück , wie es sich zu ihrer strengen Sparsamkeit geschickt hätte , sondern ließ mich meine ganze Zeit in der Gemeinschaft der anderen zubringen , mich nur unter lauter wohlgezogenen Knaben und unter der Aufsicht des großen , angesehenen Lehrerpersonales wähnend , während gerade dadurch das Mitmachen und Vergleichen unvermeidlich wurde und ich in tausend Verlegenheiten und schiefe Stellungen geriet . In der Einfachheit und Unschuld ihres Gemütes und ihres Lebenslaufes hatte sie keine Ahnung von dem unheilvollen Giftkraute , welches falsche Scham genannt wird und in den frühesten Tagen des Lebens um so mehr zu wuchern beginnt , als es von der Dummheit der alten Menschen eher gehätschelt und gepflegt als ausgereutet wird . Unter tausend Jugendfreunden und Mitgliedern von Pestalozzi-Stiftungen gibt es vielleicht keine zwölf , welche aus ihren eigenen Erinnerungen sich noch auf das Abc des kindlichen Gemütes besinnen und wissen , wie sich daraus die