der leichtlich noch ein drittes in sich schloß , gebührte . Hieß das aber , - um nur den Anlaß aufzuführen , der sozusagen dem Fasse den Boden ausschlug , - hieß das aber den faktischen Besitzern beider Werben die schuldige Ehre antun , wenn die Tochter mit den beiden Enkeln herbeieilt , den letzten Segen der verlöschenden Mutter zu empfangen , der Herr Eidam jedoch bleibt seelenruhig zu Hause , als ginge ihm die Sache keinen Pfifferling an , entschuldigt sich nicht einmal wie in früheren Zeiten mit Manövern und Paraden , erscheint auch nicht beim feierlichen Begängnis und schenkt sich sogar , so gut wie sein Herr Vater Exzellenz , die schriftliche Kondolenz , an welcher doch selber die gräflichen Nachbarn auf Bielitz es nicht fehlen lassen ! Nun aber war die Frau mit dem guten Herzen tot . Es fehlten hier ihre sänftigenden Tränen , dort die heimlich nachhelfende Hand . Hier wie dort steigerte wechselseitig Ursache die Wirkung , Wirkung die Ursache der Abneigung bis zur Erbitterung , bis zur Verwilderung und schließlich bis zum Bruch . Als der junge Herr schuldenhalber den Dienst quittieren mußte , lachte er über die Zumutung , auf dem Gute , dessen Erbherr er nominell noch war , abhängig von seinem widerwärtigen Schwiegervater und unter dessen Augen ein knappes Bauernleben zu beginnen . Bei Nacht und Nebel war er seinen Gläubigern und unleidlichen Familienbanden entwichen ; es ging die Rede , daß durch Vermittlung seines Vaters ihm in russischen Diensten eine förderliche Stellung erwirkt worden sei . Die Ehe wurde gerichtlich geschieden . Seine Gattin hatte diesem Schritte , zu welchem ihr Vater seit Jahren gedrängt , bis zum Äußersten widerstanden . Nicht , daß der Zauber , der ihr junges Herz berückt , auf die Dauer sich gegen Gleichgültigkeit und Zügellosigkeit behauptet hätte : Brigitte Mehlborn war keine Romanheldin . Nicht , als ob sie sich über die Gründe getäuscht hätte , welche nach bürgerlichem und selbst nach christlichem Recht eine Scheidung gestatteten : Brigitte Mehlborn hatte ein scharfes Auge , Ungehöriges an Menschen und Zuständen zu sehen und zu sichten . Aber Brigitte Mehlborn gehörte zu den spröden Naturen , welche den einmal erwählten Standpunkt behaupten gegen Freund und Feind . Eben weil sie nicht mehr liebte , wurde es ihr leichter , Lieblosigkeit zu ertragen als sich über sie zu beschweren ; eben weil sie ihre Klageberechtigung kannte , scheute sie deren demütigendes Eingeständnis ; und so geschah es , daß , während der schuldige Gatte nach einer vollgültigen Befreiung , die er nicht beanspruchen durfte , drängte , die schuldlose Gattin in eine solche erst dann willigte , als es galt , ihr mütterliches Alleinrecht gegen jedweden Anspruch zu wahren . Nicht dem Vater , der kein Verlangen danach trug , dem Vater des Vaters , der Verlangen danach trug , entzog sie durch eine gerichtliche Scheidung die Obervormundschaft über die Kinder , die nur auf diese Weise ihr ausschließliches Eigentum werden konnten . Aus dem gleichen Grunde entzog sie diese Bevormundung aber auch ihrem eigenen Vater , über dessen Sphäre sie sich erhoben hatte nicht erst durch ihre Ehe , sondern durch einen eingeborenen Bildungstrieb , den späterhin ein stark herausgeforderter Widerstandssinn nur stachelte . Vater und Tochter hatten jetzt die nämlichen Feinde ; sie konnten aber nicht mehr die nämlichen Freunde haben . Johann Mehlborn war , in jachem Rücklauf der spät entwickelten Magnatenschrulle , über deren Ursprung hinweg zum alten zähen Bauerntrotz zurückgekehrt . Er würde , hätte er die Macht dazu besessen , aus republikanischer Tugend niemals einen Königsthron gestürzt , und kommunistische Weltverbesserer , die zurzeit auch im deutschen Vaterlande einen stillen Anhang fanden , würde er , mochten sie Professoren oder Schneider heißen , ohne Gnade zu Galgen und Rad verurteilt haben . Aber alles , was Edelmann hieß , das haßte Johann Mehlborn trotz einem Robespierre . Ehre und Macht der Gesellschaft gipfelten für ihn , wie einst für die Helden des Bundschuhs , wenn auch aus anderen Gründen , in dem Stande , der die Scholle bebaut und sein Geld in Eisentöpfen vergräbt . Er aß nicht mehr mit der linken Hand , sondern aus der Faust , wie sein Vater , der Großknecht , es getan , trug Schmierstiefeln und im Winter einen Schafspelz , bediente sich » französischer « Redensarten nur , wenn ihm im ehrlichen Werbener Deutsch keine volkstümlich genug klingenden einfielen , und würde sich des » Amtmanns « mit Freuden entäußert haben , wenn ihm die Regierung das schöne Geld , das er ihm gekostet , zurückerstattete . Hätte er es durchzusetzen vermocht , würde seine Brigitte den Namen Hartenstein oder mindestens das schnöde Adelszeichen vor ihm abgelegt und als ländliche Wirtin auf ihrem Erbhofe gewaltet haben ; ihre Kinder würden als Bauernenkel erzogen worden sein , und das leichte Patrizierblut würde sich zu dauerhaftem Arbeiterblut verdichtet haben . Aber er vermochte es nicht durchzusetzen . Seine Brigitte war die Erbin seines harten Kopfes ; sie beharrte bei Namen und Titel und übersiedelte als Wirtschafterin auf ihres Vaters Hof so wenig , wie sie als Dame des Hauses in den Palast ihres Schwiegervaters übersiedelt war , sondern zog in die den Familiengütern benachbarte Universitätsstadt der Provinz . Wie Vater Mehlborn keine tragfähige Krume seines Ackers unbebaut ließ , so hätte sie jede geistige Faser in ihren Kindern entwickeln mögen , und hier fand sie ausgiebige Bildungsmittel für sie . Für ihre eigene Person aber fand sie hier einen Boden , in welchem sich leichter Wurzel schlagen ließ als in dem kalten , schweren des Nordens ; fand die Ansprüche an das äußere Leben so bescheiden , wie sie sie finden mußte , wenn sie auch nach außen hin sich Geltung verschaffen wollte . Da sie Erziehungsgelder von ihrem Schwiegervater nicht annahm , ihr erbitterter Vater aber jegliche Unterstützung verweigerte , sah sie sich auf ihr mütterliches Erbteil beschränkt und trug kein Bedenken , das Kapital anzugreifen , weil die Zinsen für ihre Zwecke