ihres Ruhmes . Sobald Regula großjährig erklärt worden war , eröffnete ihre Mutter eine lebhafte Korrespondenz mit der Freiin von Waffenau , in der viel von dem Grafen Ronald die Rede war . Er selbst ließ sich nicht blicken . Nebst den geselligen Verpflichtungen und den frommen Übungen , die sie sich auferlegt hatte , nahm die Abwickelung der Erbschaftsangelegenheit und die Auflösung des Heißensteinschen Geschäftes die Witwe in Anspruch . Sie entfaltete eine staunenswerte Tätigkeit , sie wollte vom kleinsten Detail selbst Kenntnis nehmen , sie ließ sich täglich durch Wenzel Bericht erstatten , verhandelte mit Mansuet , beriet sich mit Schimmelreiter , den sie zu ihrem Sekretär ernannt hatte . Aber seltsam , all die Interessen die sie mit so großem Eifer betrieb , füllten ihre Seele nicht aus . Ein rätselhaftes Etwas , ein Gedanke , nie ausgesprochen , immer zurückgewiesen , immer wiederkehrend , ein quälender Mahner und Bedränger , hielt sie in seinem Banne . Mitten im Gespräche überkam es sie plötzlich , faßte sie mit unsichtbaren Händen , und in ihrer Kehle erstarb der Laut , auf ihrer Zunge das Wort . Ihr glanzloses Auge irrte unstet und ohne Blick umher ; in peinvolles Sinnen versunken , schien sie der Gegenwart und allem , was sie umgab , entrückt . Einmal geschah es , daß Nannette in einer Anwandlung dieser Art sich rasch erhob , geschäftig zu ihrem Schranke eilte , ihn öffnete und unbeweglich vor ihm stehenblieb . Ihre Hände sanken herab ... » Mutter ! « rief Regula , nicht eben liebevoll , » was ist Ihnen , was suchen Sie ? « Nannette wandte sich ihr zu , wie traumverloren , mit dem Gesichte einer Nachtwandlerin : » Den Brief « , flüsterte sie , » um ihn zu verbrennen . Aber - er ist schon verbrannt . « » Welchen Brief , Mutter ? « Nannette legte den Finger auf ihren Mund , sah ängstlich um sich und sprach : » Schweigen ! Schweigen ! « Kurze Zeit darauf fand Regula die bleiche Frau im Halbdunkel in der Mitte des Zimmers stehen ; regungslos wie eine Wachsfigur stierte sie vor sich nieder , und ihre aufrechte Haltung bildete einen unheimlichen Gegensatz zu dem Ausdruck tödlicher Erschöpfung in ihrem Angesichte . Regula näherte sich ihr und fragte mit leisem Grauen : » Mutter , woran denken Sie ? « Die Angerufene erschrak , ein Schauer rieselte durch ihren Körper ; als sie das Auge erhob und ihre Tochter erkannte , beugte sie sich ganz nahe zu ihr und sagte ihr ins Ohr : » An den letzten Blick des Sterbenden . « » Beruhigen Sie sich , beruhigen Sie sich , Sie sind aufgeregt « , ermahnte Regula , führte Nannette zum Sofa und nötigte sie , sich zu setzen . » Ich bin nicht aufgeregt , liebes Kind « , erwiderte die Kranke in kaltem Tone und verzog die Lippen zu einem schwachen Lächeln . » Ich überlege nur , wie schade es ist , daß ich mich damals gegen die Reise Mansuets aussprach und daß ich jenen Aufruf nicht veröffentlichen ließ . Es wäre dadurch nichts verdorben worden , es wäre trotzdem alles gekommen , wie es kam , und - wie edel hätten wir gehandelt ! « » Es kann uns auch jetzt niemand einen Vorwurf machen « , meinte Regula . Nannette schwieg eine Weile , dann sagte sie : » Und der Dank des Sterbenden , mein Kind , - wäre er dann nicht gerechtfertigt gewesen ? « » Scheinbar , Mutter « , sprach Regula . Sie begriff diese seltsame Reue nicht . Frau Heißenstein legte ihre Hand auf die Hand ihrer Tochter . » Scheinbar ... Unterschätze nie den Wert des Scheines . Schein ist alles , was sich nicht greifen , nicht mit Ziffern berechnen , nicht mit der Waage wägen läßt . Ehre , Ansehen vor der Welt - guter Name - wo läge da zwischen Schein und Wesen die Grenze ? - Scheine achtungswert - du bist es ! « fügte sie mit etwas erhobener Stimme hinzu , und Regula wußte ihr nichts zu antworten als : » Sie sind so eigen , Mutter ! « Es wurde immer schlimmer mit Nannette . Der Arzt erzählte jedem , der es hören wollte , im Vertrauen , sie werde schwerlich den Herbst überleben . Regula diese traurige Mitteilung zu machen fehlte ihm teils der Mut , teils die Gelegenheit . Sie wich ihm ängstlich aus , sie fragte ihn höchstens im Vorbeieilen : » Es geht besser , nicht wahr ? « und schlüpfte hinweg , ohne seine Antwort abzuwarten . Ihr lag vor allem daran , sich so lange als möglich über das bevorstehende Unglück zu täuschen , mußte es kommen , so wollte sie davon überrascht werden . Sie war sparsam mit ihren Gefühlen , sie fürchtete - natürlich unbewußt - , eine vor der Zeit geweinte Träne könne auf Kosten der Anstandszähre vergossen worden sein , die im entscheidenden Augenblicke nicht fehlen durfte . Die Zeit kam , in der Nannette das Zimmer nicht mehr verließ , es ging rasch mit ihr zu Ende . Sie hatte sich in ihren letzten Lebenstagen ganz an Bozena geschlossen , die kaum mehr von ihrer Seite weichen durfte . Wurde ein Besuch vorgelassen , so war es der Kranken angenehm , die Dienerin vorstellen und sagen zu können : » Es ist unsere brave Bozena , sie hat die Enkelin meines Mannes zurückgebracht . Sie wissen , das Kind seiner unglücklichen Tochter . « Ein Jahr nach dem Tode Heißensteins kämpfte seine Witwe ihren letzten Kampf . Der Arzt erklärte eines Abends , er werde die Nacht im Hause zubringen . Regula schlich still und verstört umher , immer nur bemüht , sich zu fassen . Sooft sie an das Bett ihrer Mutter trat , winkte diese sie hinweg : » Denn « , flüsterte die Kranke Bozena zu , » es