allmählich über die wunderliche Gräfin in Schwang geriet . Die gespenstische Gestalt wuchs , als die leibhaftige Gestalt , da wo sie bisher wenigstens gemutmaßt worden war - das heißt während ihrer Flurbesichtigung in der verhüllten goldenen Kutsche - plötzlich verschwand . Von der Zeit ab sah sie unser Volk im spanischen Habit , Tag wie Nacht , die Schätze ihrer Klause mit Drachenaugen hüten und mit feurigen Waffen verteidigen . Unermeßliche Schätze , je höher die Ziffer gegriffen , desto einleuchtender für das hungernde , lungernde Gesindel , das nur nach Hellern und Kreuzern zu rechnen verstand und niemals einen Heller oder Kreuzer aus der Hand der zähen Alten besehen hatte . Ob die Gräfin von diesem fabelhaften Nimbus um ihre Person jemals Kunde erhalten hat , weiß ich nicht . Ohne Zweifel aber würde er ihr , anstatt widerwärtig , willkommen erschienen sein als sicherstellende Schicht gegen eine beschwerliche oder bedrohliche Welt . Sie hat mit richtigem Blick den östlichen Erkerbau des Schlosses zu ihrer Schlaf- und Schatzkammer ausersehen , weil er , von außen unzugänglich , auch von innen die größtmögliche Sicherheit bot . Handwerker , aus weiter Ferne verschrieben , hatten in die tiefsten Nischen feuerfeste Schränke mit kunstvollen Schlössern eingefügt . Nur durch eine maskierte Schranktür stand der » Goldturm « mit dem Zimmer der alten , vertrauten Kammerfrau und durch dieses mit dem Korridor in Verbindung , auf welchem die beiden abwechselnd Wache haltenden Heiducken die Befehlsvermittler zwischen Turm und Wirtschaft wurden , während die Gebieterin hinter Schloß und Riegel ihr Kredit und Debet buchte oder Dokumente und Barschaften in den geheimen Eisenschränken barg . Sie kränkelte ; die Arbeitskraft minderte und die Arbeitslast mehrte sich . Bald war kein Fortkommen mehr von der gewichtigen Stätte ; denn wenn auch nicht in dem Wundermaße des Volksglaubens , die wohldurchdachten Anlagen trugen nach dem Frieden hundertfältigen Gewinn . Sie hatte während des Krieges den größten Teil ihrer Juwelen in England veräußern lassen , da dieses Opfer einstigen Schimmers bei ihrer Lebensweise am wenigsten in die Augen sprang . Der Erlös davon , meine Freunde , das war der Grundstock ihrer vermeintlichen Wunderschätze ! Ein bescheidener Sparpfennig , der aber zu einem Heckpfennig wurde in einer Zeit , wo der Bodenwert auf ein Minimum herabgedrückt war , wo Gemeinden und einzelne um einen Spottpreis das Besitztum verschleuderten , für dessen Bestellung Menschenhände und Saatkörner mangelten . Binnen eines Jahrzehntes hatte sich das Areal der Reckenburg verdoppelt , binnen eines zweiten vervierfacht . Konnte das Kapital auch nur ratenweise abgetragen werden , schon eine regelmäßige Verzinsung galt in jener goldarmen Zeit als eine vielgesuchte Gunst . Und wie auch in anderer Weise das allgemeine Elend dem Gedeihen des einzelnen in die Hand arbeitete , das zeigt unter anderem die Hungersnot der siebenziger Jahre , wo der Scheffel Roggen auf zwanzig Taler stieg . Kalkuliert , wie da die strotzenden Speicher der Reckenburg - in Staat und Volk die Wirtschaftsmaxime einer schwer beweglichen Zeit - sich leeren und die entleerten Geldtruhen sich strotzend füllen mußten . Wo Tauben nisten , flattern Tauben zu ! » Die ersten hunderttausend Taler kosten Schweiß . Wem aber die nächsten neunmalhunderttausend Schweiß kosten , ist ein Tropf ! « Als die Millionärin der Reckenburg in ihrem letzten Stadium , mit funkelnden Augen , mir dieses Geständnis ablegte , da war sie in Wahrheit die verknöcherte Mumie , deren Herz nur noch in der Wacht über ihre Schätze schlug . Zu der Zeit aber , als sie diese Schätze mühsam erarbeitete , und selber zu der noch , als sie mich zuerst in die Geheimnisse ihres Goldturms einweihte , da war sie die herz- und geistlose Mumie nicht , denn damals schaffte , darbte , sammelte sie für einen Zweck ; richtiger : sie schaffte , darbte , sammelte für eine Person . Und das ist der Grund , aus welchem ich vor Euren Augen , meine Freunde , zwischen den beiden letzten Reckenburgerinnen - längst nicht so genau , wie mich verlangt - die Bilanz gezogen habe . Ihr solltet wissen , was die Frau tat , die Eure Heimat urbar machte ; was die Frau war , welche in keinem Menschenherzen , außer dem meinen , eine Spur und in der zähen Vorstellung des Volkes das Bild eines goldgierigen Dämons hinterlassen hat . Ihr solltet diese Frau in einem guten Lichte sehen , und in welchem besseren hätte ich sie glücklich liebenden Menschen zeigen können , als in dem der unwandelbaren Treue gegen den treulosen Mann , in jenem heimlichen Feuer , welches der Sporn ihres Treibens und Wühlens geworden war . Sie hatte alle früheren Verbindungen harsch abgebrochen und nur mit einem alten Freunde , der am Hofe von Sachsen eine vertrauliche Stellung einnahm , eine Korrespondenz unterhalten , um von dem Schicksale des Unsteten jederzeit in Kenntnis zu sein . Sie wußte daher , daß er schwelgte und schweifte , während sie sich keine Raststunde gönnte , im Eifer das wieder aufzurichten , was er zerstört hatte . Sie wußte , daß er ein verschuldeter Ärmling geblieben , während sie zum zweitenmal die reiche Reckenburgerin geworden war . Hätte er aber , wenn auch nur als Begehrender , sich dem Hause genaht , dessen Ansehen sie so peinlich bewahrte , sie würde , nach dem Triumph dieser Genugtuung , ihn mit Entzücken als Herrn willkommen geheißen , würde ihm noch einmal die Schlüssel ihrer Schatzkammer überantwortet und ihr Werk von vorn begonnen haben , um ihm , auch nach ihrem Abscheiden , eine fürstliche Herrschaft zu sichern . Viele Jahre lang hatte die Hoffnung seiner Heimkehr sie bei ihrer einsamen Arbeit getragen , und sie war eine runzlige Matrone geworden , ehe sich dieselbe erfüllte . Endlich wußte sie ihn im Vaterlande - und die nächste Kunde , die sie über ihn erhielt , war die seiner Vermählung mit einer Ebenbürtigen ! An der Grenze des Alters folgte er , so schien es , einer Wallung wahrhaftigen Gefühls ,