einem in hergebrachter Weise , nach der Väter Sitte , in nützlicher Tätigkeit durchlebten Tage . Es ist so still um mich her , im Hause wie vor dem Fenster , und die weite dunkle Welt ringsum hat ein so gutes Gewissen , und nur mir ist unruhig zumute , als wäre es mit meinem Gewissen nicht so ganz in der Ordnung . Ich bin aufgeregt , nervös , nenne es , wie Du willst , nur laß mich mit Dir plaudern ; schlafen kann ich nicht . Du hast ja früher , als Dein Major noch nicht Dein Major war , oft genug meinen närrischen Kopf an Deiner Brust gehalten und Dir nächtlicherweile kuriose Dinge erzählen lassen ; - warte nur , morgen im Sonnenschein , wenn Dir diese Bekenntnisse einer blutenden Seele zu Händen kommen und Du betroffen , kopfschüttelnd , mitleidig , verstört Dich hindurchwindest und Deinen klaren Verstand an jedem Ausrufungszeichen und Fragezeichen hängen lassen mußt , will ich schon meine Genugtuung haben und über Dich lachen - auch wie in vergangenen schönen Tagen ! Augenblicklich kann ich nicht lachen , und eine tolle Ballmusik , ein klingelnder , schwirrender , dummer Walzer käme mir gerade recht , und daß die Nachtigallen - wir sind ja gottlob über den Johannistag hinaus - bereits still geworden sind im Garten , ist mein Glück . Ich glaube , dieser Vogel brächte mich in dieser Nacht um , wenn er plötzlich und ganz gegen die Naturgeschichte wieder anfinge , unter meinem Fenster zu singen . Ist es denn wahr , daß ich von Rechts wegen ein so böses Gewissen haben sollte ? Was habe ich getan ? Was habe ich nicht getan ? Bin ich nur krank ? Sind es nur meine Nerven , welche das Kopfkissen , das allen guten und gesunden Kindern so sanft ist , mir verleiden ? Ich komme nicht dahinter , wie sehr ich mich quäle und abmühe , das Rätsel zu lösen und zu Bett gehen zu können . Kind , ich bin verdrießlich und unzufrieden mit mir . Nicht deshalb , weil ich seit dem Frühling nicht an Dich schrieb ; denn ich weiß , daß Du solches Schweigen nach Verabredung als ein Zeichen meines Wohlergehens zu nehmen hast . Auch nicht deshalb , weil die Zeit der goldenen Freiheit vorüberging , weil die Herrschaft nunmehr wieder am Faden zieht und der Hänfling aus der blauen Luft herniedermuß , um aus gnädiger Hand mit Mohnsamen gefüttert zu werden und im vergoldeten Käfig Betrachtungen über das Gelbwerden der Blätter anzustellen . O nein , ich kann ja meinen Frühling und Sommer jetzt in Wasserfarben aufs Papier bringen und habe dem Onkel Bumsdorf mein Ehrenwort gegeben , ihm die neue Brennerei samt dem restaurierten Kuhstall und ihn - den Oheim - zwischen beiden in Öl zu liefern . Da habe ich schon meine Rettungsmittel vor dem nessun maggior dolore - doch Dich , Bevorzugte , hat man nicht bereits in zartester Jugend mit der Nase in die italienische Grammatik gestoßen , und so weißt Du auch nicht , daß es nach Dante Alighieri keinen größern Schmerz gibt , als sich im Unglück glücklicherer Zeiten zu erinnern . Sollte letzteres wahr sein und die italienische Grammatik also mittelbar die Schuld meiner augenblicklichen Stimmung tragen ? O Kind , unter der Voraussetzung , daß Dein Major , der Major aller Majore , nicht durch das schmalste Hinterpförtchen oder Seitentürchen in den geheiligten Bezirk meiner Jungfernconfessions eingelassen werde , will ich mit Dir darüber schwatzen . Keinen Blick darf er aber drauf tun ; versprich es mir und riegele ihn ein in der Kinderstube ! Nun sehe ich Dich schon , wie Du stehst , mit dem Federwedel Deinen Nippestisch in Ordnung hältst und wie der Briefträger Dir meinen Brief bringt . Ich höre den kleinen Freudenschrei , welchen Du ausstößest - ach Gott , lege den Flederwisch nicht zur Seite , stäube mich auch ein wenig ab mit Deiner linden Hand ; ich habe es sehr nötig , und Du verstehst es ! Ach Gott , wäre ich doch auch solch eine Schäferin aus Meißen oder wenigstens so vernünftig , verständig und gut wie Du ! In beiderlei Art wäre mir geholfen , und auf beiderlei Art ließe sich das Leben mit Genuß tragen . Übrigens hast Du das Gutsein auch leichter gehabt als andere Leute . Das Schicksal hat Dich auf weichen Händen getragen und Dich in weiche Hände gelegt . Grüße mir Deinen Major , doch lasse ihn nur noch ein Weilchen hinter Schloß und Riegel bei den Kleinen : später wird er um so mehr den Liebenswürdigen spielen ! Ja , sie haben Dir Wiegenlieder gesungen Dein ganzes schönes Leben durch : ich aber bin unter dem Lärm einer Quadrille geboren ; die Klarinette ist mein Instrument , und dabei fällt mir eine Bitte ein : wenn Du mich überlebst , so leid es nicht , daß man mich mit Pauken und Trompeten zu Grabe bringe : ich habe genug davon gehabt , ehe ich die ersten weißen Atlasschuhe durchschleifte . Gott segne Dein gutes Gemüt , Emma , und lasse Dich das Deinige in Ruhe genießen : ich weiß , Du tust mir zu jeder Stunde auf , wenn ich an Dein Fensterlädchen klopfe . Sieh , hier sitze ich zu Deinen Füßen , wie Bettina auf ihrer Schawell in der Frau Rat Stube , und geduldig wirst Du Sinn und Unsinn durcheinander anhören müssen . Bist Du etwa nicht meine Frau Rat , und zwar meine junge ? Und daß Du meine junge Frau Rat bist , das soll nicht bloß Deinem Major zugute kommen , sondern andern Leuten auch . Ich habe freilich auch noch eine alte Frau Rat , und in deren Stube hab ich gleichfalls ein Schawellche , hinter den sieben Bergen , in der Katzenmühle - aber wie kann ich der Frau Klaudine sagen , was ich doch sagen muß ? Das leiseste Wort würde unter ihren