, oder eines jener verblichenen Portraits von Esther ' s Freunden , die nach der Testaments-Vorschrift an ihren Plätzen verbleiben mußten . Verließ sie diese Zimmer , so begegnete ihr auf der Treppe bald die schleichende Katze , bald das altersgraue Windspiel , bald der schwerfällige Mops des verstorbenen Fräuleins , oder es kam ihr gar Mamsell Marianne entgegen , die , in das obere Stockwerk des Seitenflügels verwiesen , aus demselben nur herunterstieg , um hier und da mit mißvergnügten Blicken die beginnende neue Einrichtung und das erneute Leben im Hause zu betrachten und krittelnd zu mustern . Angelika konnte sich eines Schreckens nicht erwehren , wenn Mamsell Marianne , die es abgelehnt hatte , in die Dienste der neuen Haushaltung zu treten , plötzlich wie aus der Erde gewachsen vor ihr stand . Dieses Wesen , das nicht Herr , nicht Diener war , das kein Mitlebender sein wollte und das man doch nicht verbannen konnte , verleidete der Baronin das Haus nur noch in höherem Grade , während die neue Dienerschaft eine wirkliche Furcht vor Mamsell Marianne empfand und von dem Glauben nicht abzubringen war , daß es überhaupt in dem Hause nicht richtig sei , und daß Fräulein Esther allnächtlich , ja , selbst bis zum hellen Tage , in demselben umgehe . Der Eine wollte es gesehen haben , wie das Fräulein noch im Morgengrauen auf dem Lehnstuhle am Kamine gesessen und ihre Hunde und Katzen um sich gehabt habe ; ein Anderer wollte ihr begegnet sein , wie sie mühsam athmend um Mitternacht nach der Stube von Mamsell Marianne hinaufgestiegen war , und daß es ihre Bilder wie mit unsichtbaren Händen an den Mauern festgehalten , als man sie habe abnehmen wollen , um sie nur zu säubern , das ließen sämmtliche Arbeiter und Dienstboten sich nicht ausreden . Angelika schämte und schalt sich , wenn sie solchen Gerüchten Gehör gab . Aber sie selbst konnte ihr Auge nicht von den verschiedenen Bildern der Tante abwenden , und je öfter sie auf denselben verweilte , um so lebendiger erschienen sie ihr . Es war ihr , als ob das Bild ihr mit seinen großen , schwarzen Augen folgte ; es ließ ihr selbst im Schlafe keine Ruhe . Sie konnte sich des Gedankens nicht erwehren , daß die Tante noch in ihrem Hause weile und daß sie mehr Herrschaft in demselben besitze , als Angelika und ihr Gemahl . Indeß diese unheimlichen Empfindungen begannen theilweise zu weichen , je weiter die Erneuerung der Einrichtung gedieh , und Angelika und der Baron beeilten sich , sie zu vollenden . Diese Beschäftigung war den Eheleuten heilsam . Die kleinen gemeinsamen Sorgen und Mühen für ihren Haushalt führten sie auf die natürlichste Weise zusammen . Der Baron konnte dabei die angenehme Erfahrung machen , daß es seiner Frau an Umsicht und Gewandtheit nicht gebreche . Der sichere Besitz , die berechtigte Liebe zeigten sich ihm bald als etwas sehr Bequemes , und die Jugend und Schönheit seiner Frau erfreuten ihn doppelt , da man sie nach ihrem Eintritte in die Gesellschaft und in die große Welt auch in dieser auszeichnete und bewunderte . Sein Herz , sein Verstand , sein Ehrgeiz und seine Eitelkeit fanden sich in gleichem Maße durch seine Frau befriedigt ; er gefiel sich darin , sich der Wahl zu rühmen , die er getroffen hatte , und sich ein Verdienst aus den Eigenschaften seiner Erwählten zu machen . Dazu kam er hier in der Residenz in eine Gesellschaft , die ihm vertraut und lieb war und in der er lange mit Erfolg gelebt hatte . Der Menschenkreis , der sich am Hofe und um den Hof bewegte , war ihm bekannt . Wie in einer zweiten Heimath empfingen ihn dort die Genossen seiner früheren Jahre , so männliche als weibliche , mit Vergnügen , und daß er eben jetzt noch zu dem eigenen reichen Besitze das ansehnliche Vermögen und Haus seiner Tante ererbt hatte , in welchem seine junge Frau die Wirthin machen sollte , gereichte ihm bei seinen Freunden nur zum Vortheil . Der Baron hatte ausgebreitete Verbindungen in allen Kreisen der Gesellschaft , er fand in jedem derselben etwas , das einer oder der andern Seite seines Wesens entsprechend war , und Angelika sah sich dadurch bald in eine endlose Reihe von Zerstreuungen gezogen , die ihr jedoch , nachdem der erste Rausch der Ueberraschung vorüber war , schon darum keinen Genuß gewährten , weil dieselben sie von ihrem Manne fern hielten , auch wenn sie beide daran Antheil nahmen . Sie war überhaupt in ihren Anlagen und Neigungen eigentlich der völlige Gegensatz von dem Wesen ihres Gatten . Sie war weder eitel noch vergnügungssüchtig , sondern eine ganz innerliche , zum Ernst und Nachdenken geneigte Natur . Für ein abgeschlossenes Leben in der Familie erzogen und durch geistige Bildung für die Genüsse einer beschaulichen Zurückgezogenheit vorbereitet , war es eben die Bildung des Barons gewesen , welche das junge Mädchen zuerst an ihm schätzen lernte , und als Angelika seine Braut geworden war , hatte sie nach dem Ausspruche ihres Verlobten eine häusliche Ehe wie die ihrer Eltern mit ihm zu führen gehofft . Von dem Allem wurde ihr das Gegentheil geboten , und ihre Liebe für ihren Mann ließ sie dies als einen Nachtheil betrachten . Die Menschen , unter denen sie zu leben hatte , waren ihr kein Ersatz für den stillen Verkehr mit ihrem Gatten ; sie waren und blieben ihr fremd , und der unter ihnen herrschende Ton war nicht danach angethan , einem jungen , reinen Weibe Beifall abzugewinnen . Wenn sie ihr Mißfallen an den freien Sitten äußerte , von denen sie sich umgeben sah , wenn sie es als eine Demüthigung und eine Unwürdigkeit empfand , wie man sich vor den beiden erklärten Maitressen des Königs beugte und die Frauen , welche die gleiche Stellung ohne diesen Titel einnahmen , mit besonderem Eifer suchte und mit besonderer Zuvorkommenheit behandelte , so stimmte der