uns im Walde gegeben war , miteinander und hingen zusammen wie die Kletten . Wir waren das tollste Paar Rangen , welches jemals einer Gemeinde zur Last wurde . Gott segne den guten alten Pastor Tanne , den philanthropischen Weisen . Er hatte es gut mit uns im Sinn ; wenn auch seine Marotte , überall große Talente zu entdecken , ihre bedenklichen Seiten hatte . Talente entdeckte er in mir und in dir , Eva - « » Und zuletzt in deinem Bruder Robert . « » Davon später . Du weißt , wie der Alte sich unserer annahm , seine Bücher vor uns aufschlug . « » Ich habe mancherlei Seltsames gelernt und die Nase in Dinge gesteckt , die sonst auch höhergeborenen Mädchen verborgen bleiben . Latein und Mathematik - « » Ich habe nur gelernt , daß die Welt erst hinter dem Walde , jenseits der Berge beginne und daß man in unserm Tal nicht lebe , sondern nur vegetiere . Doch erzähle weiter ; meine Stirn brennt ; - nachher ist die Reihe an mir . « Eva Dornbluth seufzte tief und fuhr in ihrer Erzählung fort : » Du hieltest es bei dem Pastor nicht aus wie der arme Robert ; du mußtest zu deinem Vater , zu deiner Büchse und Axt zurück . Dann entliefst du ganz , und ich wußte darum . Du versprachest , auch für mich mit , das Zauberland , welches jenseits unserer Berge lag , zu erkunden und mächtig und reich heimzukehren , mich zu holen und mit dir genießen zu lassen . Ich wartete und lernte . Der Vater lehrte mich die Musik , das Spiel der Orgel . Ich begleitete an seiner Stelle den Gesang der Dorfleute in der Kirche , denn er wurde allmählich zu schwach dazu . In der Studierstube des Pfarrers saß ich dann mit Robert zusammen . An dem hatte der Alte wiederum ein Talent entdeckt , und diesmal war es ein wirkliches . Ich mußte ihm nun mit Lehrerin sein ; denn der Alte ward auch allmählich müde vom Leben und saß am liebsten stundenlang auf dem Kirchhofe neben den Gräbern seiner Frau und seiner Kinder . Ich mußte mit deinem Bruder dasselbe Lexikon und dieselbe Grammatik gebrauchen ; doch der Schüler übertraf bald die Lehrerin ; aber die Lehrerin war eine Jungfrau geworden , und vertieft in ein anderes Sehnen , merkte sie nicht , daß der Knabe über die Bücher weg die Studiengenossin mit Blicken ansah , welche sie nicht hätte dulden sollen . Als mir klar wurde , was in Robert vorging , da war das Unglück bereits geschehen und ihm in keiner Weise mehr zu wehren . Vergeblich war ' s nun , daß ich die Stunden bei dem Alten ganz aufgab und nicht mehr unter die Esche kam . Vergeblich war alles gesprochen , was ich deinem Bruder sagte . Er war verblendet bis zum äußersten , und ich konnte mir und ihm auf keine Weise helfen . Obgleich ganz dein Gegenteil , Fritz , so hat dein Bruder doch ein gut Stück deiner Hartnäckigkeit zum Erbteil mitbekommen . Weder durch Vorstellungen noch durch Drohungen noch durch geheuchelte Verachtung konnte ich ihn von mir treiben . Ach , und dazu lag die Sorge um dich so schwer auf mir ! Ich war älter geworden , verständiger und klüger . Mit Schrecken sah ich ein , was du in jugendlicher Unwissenheit und jugendlichem Leichtsinn gewagt hattest . So wie wir sie uns kinderhaft geträumt hatten , war die Welt jenseits der Berge nicht beschaffen . Nun war es lange zu spät , dich zurückzurufen . O was habe ich gelitten in dem Gedanken , du seiest untergegangen und verloren in der weiten Welt . Wie konnte es anders sein ? Das falsche , harte Leben mußte dich , den unwissenden , starrköpfigen Knaben , zerbrechen und verschlingen . Wie manche Nacht habe ich bitter durchwacht und durchweint , wenn der Sturm an meinen Fensterladen rüttelte oder zwischen den Bergen heulte und den Schnee umwirbelte und häuserhoch die Wege verschüttete . Durch den Sturm glaubte ich dann klagende Rufe zu vernehmen ; du schriest nach mir , und ich fuhr in die Höhe und schrie selber in grausamster Angst . Und dann wieder - wie oft habe ich auf der Höhe des Weges in der heißen Sonne gestanden und im törichten Hoffen auf dich gewartet . Dann hatte ich wohl unterwegs ein Körbchen oder ein Klettenblatt voll Erdbeeren gepflückt , die hielt ich dann in der Hand , und die andere Hand hielt ich über die Augen und blickte die staubige Straße entlang und dachte und träumte : Oh , wenn er jetzt käme , durstig und bestaubt , müde und traurig ! Ach , wie sollte er ausruhen an meinem Herzen ! Das Körbchen mit den roten duftenden Früchten und mein Herz hielt ich für dich bereit ; aber du kamst nicht , wie lange ich auch ausschauen mochte von der Höhe , den Windungen der Straße nach , bis in die weiteste Ferne . Du kamst nicht ! Und wie ich mein Herz keinem andern gönnte , so gönnte ich auch die Beeren niemandem : ich warf sie in das Wildwasser und sah weinend zu , wie sie lustig bergab von dannen tanzten , und zum Tode beängstigt , schritt ich durch den Wald . Der Pastor Tanne starb , und mein Vater starb auch . Ich nähete für die Bauerweiber ; aber ich war ganz verlassen und wußte nicht , was ich beginnen sollte . Es war mir immer , als müsse ich hinter dir her , du verlorener Freund , in die Welt ziehen . Da brachte die Baronin von Poppen einmal wieder einen Sommer auf dem Poppenhof zu , und ihr Sohn Leon kam ebenfalls dahin . Ich sah da ein Mittel , mich zu befreien aus der Einsamkeit , aus diesem engen Tale , dessen Luft mir jetzt so erstickend schien .