und bat ihn um Erlaubniß ihn einmal wieder besuchen zu dürfen . » Du wirst mir immer willkommen sein , entgegnete er mit seinem sanften Lächeln ; da Du aber nur dann eine Zuflucht bei mir suchen wirst , wenn Dein Herz schwer ist und wenn es Dir übel in der Welt gehen wird : so kann ich nicht sagen daß ich wünsche Dich bald wieder zu sehen . Mein Segen begleitet Dich wohin es sei . « In München blieb ich nur einen Tag ; ich hatte nicht Lust Astrau dort zu begegnen , und dennoch sollte das sein ! Ich fuhr am Nachmittag mit Benvenuta im englischen Garten spazieren . Eine Gesellschaft von Reitern und Reiterinnen begegnete mir und ich erkannte Otbert zwischen ihnen . Sie ritten rasch und ich fuhr rasch - so hatten wir nicht Zeit uns zu grüßen , und es war mir auch zweifelhaft ob er mich erkannt , ja - ob er mich habe erkennen wollen . Daß er es nicht that , machte mir einen flüchtig schmerzlichen Eindruck ; jedoch bald gefaßt sprach ich zu mir selbst : So ist es natürlich - drum ist es besser so . - Acht Tage später war ich in Venedig . Ich hatte diese Wunderstadt auf meiner italienischen Reise mit Paul nicht kennen gelernt . Sie überraschte mich mehr als irgend etwas , das ich vorher oder nachher gesehen hätte . Einzelne Vorzüge , einzelne Schönheiten mag es in höherem Grade auf anderen Stätten geben ; aber eine solche Harmonie , eine solche in sich abgeschlossene Einheit und Vollendung - fand ich nie und nirgend sonst . » Hier muß man sich ewig wol fühlen ! sagte ich zu Sedlaczech , als wir an einem herrlichen Maiabend gegen Sonnenuntergang in die vom Abendroth verklärte Marmorstadt hinein schwammen . Für diesen Göttersitz haben wir kein Ideal in uns . Der gewohnte Maßstab entfällt unserer Hand - die gewohnten Ansprüche verstummen : das wäre der Ort und der Moment um ein neues Leben zu beginnen . « » Aber weshalb denn ein neues ? fragte er sehr erstaunt . Es ist ja bisher ein sehr gutes gewesen - leben Sie das doch fort . « Es klang mir hart was er sagte . Sehr gut ? war ich denn je vierundzwanzig Stunden ungestört zufrieden mit mir selbst und mit meinem Leben gewesen ? Gewiß nicht ! und er nannte es » sehr gut ! « - Diese Mißempfindung fiel störend wie ein falscher Ton in den Freudenchor hinein , welcher durch meine Seele brauste . Das wird Tausenden tausend Mal geschehen ; doch nur Einer von ihnen Allen wird die unselige Fähigkeit haben die momentane Verstimmung in der Erinnerung aufzuspeichern , während sie bei den Meisten , den gut und glücklich Organisirten , aus dem Gedächtniß schwindet , und ihnen die Erinnerung ungetrübt und glanzvoll läßt . Venedig gefiel mir unsäglich , sprach mich in der Tiefe meines träumerischen Imaginationslebens an . Ich beschloß mich recht einzuspinnen in diese Wunderwelt , ruhig den großartigen Eindruck auf mich wirken zu lassen , fleißig die Geschichte zu studiren , und überhaupt nach innerer Sammlung zu streben . Sei die nur erst erlangt , so würde ich schon auffinden können was ich eigentlich wolle und was ich vermöge . Ich miethete auf ein Jahr einen verödeten Palast Gradenigo am Canal grande , eines dieser unvergleichlich zierlichen und edlen Gebäude , die außerhalb Venedigs ihres Gleichen nicht haben ; und die nicht sowol durch Größe und Ausdehnung - wie etwa die römischen - sondern durch einen eigenthümlichen Adel ihrer Proportionen , den Namen Paläste verdienen . Ein Gebäude ihrer Größe in Norddeutschland , aus Backstein , mit spitzem Ziegeldach , von hundert schmalen Fenstern durchbrochen , im Innern mit hölzernen Treppen versehen - wäre ein gewöhnliches Haus ; aber : - Marmormauern , Marmorwände , Marmortreppen , Marmorfußboden - Marmorarbeit wie Schnitzwerk an Balcons , Fensterbogen und Fensterrosacen - Incrustationen von Verde und Rosso antico von Außen - Gemälde von Titian und Tintoretto im Innern - eine majestätische Festhalle von kleinen behaglichen Gemächern umgeben - eine Grotte zur Station für die Gondel : das ist ein venetianischer Palast . Ich miethete den meinen für geringes Geld . Es war damals noch nicht so viel wie jezt für den Flor Venedigs geschehen . Es war noch kein Freihafen , der Handel stockte , der Verkehr lag danieder ; die Paläste standen leer , wenn die alten Familien ausgewandert - verfielen wenn sie verarmt waren ; man konnte dort , vergleichsweise , mit einem kleinen Vermögen glänzend leben . Ich richtete mich recht bequem , aber ganz einfach ein , und das war sehr gut ; denn als ich mit meiner Einrichtung fertig war , bemerkte ich , daß ich zwar sehr gut für mich - aber sehr schlecht für Benvenuta gesorgt hatte . Sollte das arme Kind in diesem Marmorhause gefangen sitzen ? was hatte sie von Gondelfahrten ? von Spaziergängen auf dem Markusplatz ? - Schnell entschlossen fuhr ich nach der kleinen grünen , ländlichen Insel Torcello hinüber und miethete bei stillen Gärtnerleuten ein kleines Zimmer für Benvenuta . Dort sollte sie mit ihrer Wärterin einen Theil des Tages zubringen und im Garten umherlaufen dürfen . Ich schenkte den guten Leuten ein Paar Ziegen , Hühner , Tauben , an denen die Kleine ihr Ergötzen hatte . Es machte sich Alles leicht und gut . Ich kaufte zwei Gondeln , ich nahm drei Gondoliere in meinen Dienst und ließ sie in meine Farben kleiden . Ich war sehr beschäftigt mit diesen verschiedenen Einrichtungen , außerdem unglaublich gefesselt durch Venedigs Scenerie und Kunst , und ich begann zu hoffen eine Stätte gefunden zu haben , wo ich mich auf die Dauer in meiner Bestimmung zurechtfinden könne . Mit Sedlaczech lebte ich gut und angenehm , aber nicht eigentlich intim . Er war mir zu sehr überlegen , als daß ich das unwillkürliche innerste Zutrauen , ich mögte sagen diese Seelenströmung zwischen Gleich