ersten Male dachte sie daran , daß sie ihn nie nach seinem Vaterlande gefragt . Ein Deutscher war er , obschon er mehre Sprachen mit gleicher Fertigkeit sprach , das schien ihr gewiß . Kann man zugleich so ganz einfach und dennoch so räthselhaft sein ? dachte sie . Sie sprach ihre Gedanken nicht wieder gegen Leontine aus . Duguet räumte den Salon auf , Leontine wollte tanzen heute Abend , auch ohne Ball , lieber nach dem Klavier als gar nicht . Eine kleine Gesellschaft war dazu eingeladen . Jetzt war er fertig , er sah sich ein paar Mal um , dann zog er ein gefaltetes Blatt aus der Tasche , das er , an ' s Fenster tretend , zwischen den Fingern hin und her schob und in den hellen Sonnenstrahl hielt . Mais - c ' est malhonnête ce que tu fais là ! sagte mit einem Male Madame Sophie . Als er seine Frau gewahrte , steckte Duguet das Blättchen ein - es war ein versiegelter Brief - und begann ganz tapfer Marlborough s ' en va-t-en guerre zu singen , was bei ihm das entschiedene Zeichen eines großen inneren Triumphs war . Zugleich rückte er Tische und Stühle zurecht und stäubte sie auf schon erwähnte Weise mit dem Tuch , den Takt schlagend , ab . Sophien sah er gar nicht an , er war auf dem höchsten Gipfel seines Hochmuths . Mais je dis que c ' est malhonnête ce que tu fais là ! Hein ? fragte er . Was hattest du denn für ein Papier ? fuhr sie fort . Hein ? qu ' est-ce ? fragte er , immer heftiger um sich schlagend . Aha , si ! eine Rechnung vom Herrn . Die man nur auf der Rückseite lesen kann , wenn man sie in die Sonne hält ? Er schwieg und ordnete mit wachsender Hast die Sessel . Es ist eine Indiscretion ! Gib mir das Papier ! bat sie dringend . Diable ! sagte er , comme tu y vas ! was geht dich ' s an ! Gib mir das Blatt , Duguet ! ich weiß , was es ist . Hoho ! Du weißt , was es ist ? Ich will es nicht hoffen ! Meine Frau , meine Frau will wissen , was ein Papier enthält , das unsre ganze Familie - das heißt , unsre Herrschaft , in Noth und Schande bringen kann ! Sacre bleu ! und wie sie mir das ganz ehrlich und unschuldig , mir nichts , dir nichts , so hinsagt ! Wie kannst du so etwas von dir sagen ? Und mir ? mir von dir ? hein ? Begütigend fuhr er fort : Allons , allons , ne te fàche pas ! Ich weiß schon , es ist dir nur so entfahren ! Nichts auf der Welt weißt du von diesem Gott vermaledeiten Wisch , es geht dich nichts an , das verfluchte Papier ! Duguet , willst du mir das Papier geben ? Nein ! Ich bitte dich um Gottes willen , Duguet , gib mir das Papier ! Du weißt nicht , was du thust . Sophie zitterte an allen Gliedern . Diable ! sagte nochmals Duguet , sie von Kopf zu Fuß mit den Augen messend , und woher weißt denn du den Inhalt eines versiegelten Blattes ? Weil ich - ich kann , ich darf es dir nicht sagen ; aber bei allem , was dir heilig ist , beschwöre ich dich , schweige und gib es mir ! Schweigen ? Ich ? Schweigen , wenn es die Ehre , den Namen , das Blut meines Herrn gilt ? Was geht mich der Narr an , der jetzt - Weib , mach mich nicht rasend ! Ich darf gar nicht daran denken , es reißt mir das Herz aus dem Leibe . - Da , da ist dein verfluchtes Papier ; ich will es nicht lesen , aber nicht du , nicht sie , Niemand soll ' s lesen . Und du sollst sehen , schloß er immer drohender und wilder , daß ich alles vereiteln werde . O , mein Herr ! mein armer Herr ! Mit Händen und Zähnen riß er das Papier in tausend kleine Stückchen und warf es in die Kohlen des Kamins . Nach Athem ringend , stand Sophie vor ihm und sah zu , wie das Feuer den Brief verzehrte , während Duguet , die geballten Hände vor den Augen , hinauseilte . Als die Thüre heftig dröhnend hinter ihm zugeworfen war , blieb sie noch eine Weile , gespannt horchend , regungslos stehen , seine Schritte verhallten endlich auf dem Corridor ; ja , er war fort . Sie sammelte die letzten am Kaminrande herumliegenden Papierfetzen und warf sie den andern nach in die Kohlenglut . Gott sei Dank ! er hat nichts gelesen ! Tief aufathmend , als sei eine Riesenlast ihr entnommen , verließ Sophie den Salon . Es war ein schöner , aber kalter Herbstabend ; die Gesellschaft hatte sich entfernt , es war Niemand mehr im Saal , als die Hausgenossen und der alte kunstliebende Professor ; das nämliche Kaminfeuer , das zum stillen Träger des Geheimnisses geworden , das Madame Sophie so bedrückte , hielt den kleinen Kreis noch beisammen . Aber warum , Herr Gotthard , wollten Sie nicht mit mir tanzen ? fragte Leontine . Ich habe es nie gelernt , Gnädigste , und fürchtete , sie mit einem schlechten Tänzer in Verlegenheit zu setzen . Gott Lob und Dank ! Die Achillesferse ! rief , laut auflachend , das Fräulein . Anna , Anna ! Herrn Gotthards verwundbarer Fleck ! Wahrhaftig , lieber Herr Gotthard , Sie konnten mir gar keine größere Gefälligkeit erzeigen als durch diese kleine menschliche Unvollkommenheit ; aber nun müssen Sie sich auch mir zur Liebe blamiren und auf der Stelle mit mir tanzen ! Der Professor und Anna stimmten scherzend bei . Wenn