mir aber gab es genug über den Wahnwitz schwärmerischer Gemüther zu denken . Von ganz entgegengesetzter Denkart und fast roh in Allem , was er that , war ein Anderer meiner Freunde , Casimir . Selten ist mir ein Mensch von so urkräftiger Natur wieder begegnet . Ihm galt nichts Fremdes , nichts Erworbenes , nur das Eigenthümliche hatte Werth für ihn und war sein Gott . Ohne viel zu sprechen , gab er doch durch das Wenige , was er in geselligen Zirkeln etwa äußerte , dem Gespräch damals noch eine glänzende Färbung ; späterhin , wo sein Denken sich wüster gestaltete , verlor sich dies . Jedes seiner Worte war ein geborner Gedankenriese , oft wunderlich verwachsen , die ungeheuern Glieder noch wild durch einander geschlungen . Casimir war Dichter und einer von denen , die schon damals einen Ekel an dem Bestehenden offen aussprachen und ohne Anhänger demokratischer Regierungsmaximen zu sein , Rettung europäischer Zustände nur in völligem Umsturz des Alten für möglich hielten . Seine riesenkräftige Natur verlangte nach raffinirten Genüssen , und konnte eine Scheidung des Menschen in Geist und Materie durchaus nicht vertragen . Es grenzte an das Colossal-Burleske , wenn er von dem Genießen des Lebens sprach , was immer in den abenteuerlich genialsten Bildern und Gleichnissen geschah . Jedem Anderen würde ein ähnliches Gebahren als Münchhauserei vorgehalten worden sein , bei Casimir aber verknüpfte sich der Gedanke immer mit der That . Er lebte genau , wie er sprach . Sein Leben war so colossal , wie sein Wort . Dieser grauenhaft-erhabene Mensch fesselte mich wie ein Dämon in den Ring seines Zaubers . Jeder , auch nur mäßigen Enthaltsamkeit Feind , verfluchte er die Ascese in nicht zu wiederholenden Ausdrücken , und entwarf ein Bild von den Folgen derselben , das geeignet gewesen wäre , einem nervenschwachen Menschen Convulsionen zuzuziehen . Auch lebte er selbst in der That nichts weniger als ascetisch und verlockte durch seine Ausschweifungen viele Schwache zu großen Extravaganzen . Machte man ihm darüber Vorwürfe , so erwiederte er ganz gleichgiltig : » Laßt die Ratten umkommen , so zernagen sie nicht den großen Herzbeutel der Welt , die Erde . « - Einige Jahre währte unser Umgang , Casimir machte sich bekannt durch originelle Dichtungen , verlor sich aber in späterer Zeit ganz aus dem Gesichtskreise und ist gegenwärtig für mich so gut als gänzlich verschwunden . Starb er , so ist sein Tod gewiß eben so originell gewesen , als sein ganzes übriges Leben , und sollte er noch leben , so fürchte ich , hat die zu große Originalität seiner Natur das Nivellement der neuesten Zeit kaum ertragen können . Casimir war prädisponirt zu jener Göttlichkeit des Wahnsinnes , die bei ausgezeichneten Geistern immer durch die Monstrosität der Erscheinung selbst wie ein vulkanischer Gluthstrom hindurchleuchtet . Durch Eduard lernte ich noch einen Dritten kennen , dessen hohe Eigenthümlichkeit in der Consequenz lag , womit er das an sich Unmoralische zur Doctrin und damit selbst zu einer Art Moral erhob . Dieser Mann , ebenfalls Mediciner , war ein Jude und hieß Mardochai . Später fanden wir uns wieder , er mich als protestantischen Geistlichen , ich ihn als Handelsmann . Unsere Freundschaft besteht jetzt , wie damals , in bloßem Beharren auf den Principien unserer gegenseitigen Systeme . Diese durchaus morgenländische Erscheinung verschmolz das Charakteristische ihrer Nation mit der verderbten Schlauheit , wozu tausendjährige Verfolgungen sie gezwungen , zu einem höchst pikanten Allerlei , an dessen Duft man sich berauschen konnte . Mardochai stellte der Hauptlehre des Christentums , der Liebe , die Süßigkeit des Hasses entgegen , und verstand die Heiligkeit seiner individuellen Doctrin , an deren Verallgemeinerung ich freilich nicht ganz zweifeln will , mit so diabolischer Dialektik durchzuführen , daß Mancher verstummte und der Jude als Sieger das Feld behauptete . Mit mir hatte dieser Todfeind alles christlichen Lebens und Denkens manchen harten Straus zu bestehen . Mardochai versäumte nie , das Christenthum die Religion des Blödsinns , der Schwindsucht , der Schwäche , des geistigen Miswachses zu nennen , und beantwortete unsere heftigen Einwürfe nur mit einem zuckenden , halb mitleidigen Lächeln . Ihm zur Seite in sehr innigem Verhältnisse stand ein Musiker , Friedrich Saindorf . Dieser Mensch , der mit schwärmerischer Liebe an Beethoven hing , hatte sich so ganz in Mardochai ' s Wesen hineingelebt , daß er mir oft wie eine Schmarotzerpflanze erschien , die ohne den Stamm , um den sie sich rankt , kein selbständiges Leben zu führen vermag . Wenig thätig bei unseren häufigen Disputationen , war er nur unablässig geneigt , auf seiner Violine Töne hervorzuzaubern , die mir oft wie ein Tanz nackter Mädchengestalten alle Sinne betäubten und mich in eine Gedankenwollust hinrissen , die mir wahrhaft gräßlich erschien . Bemerkte nun Mardochai die Wirkung dieses Spiels , so rieb er sich lachend die Hände und überließ mich dem Stachel der aufgeregten Sinne , indem er sagte : » Nun bleiben Sie doch einmal ein moralischer Rigorist ! Nehmen Sie Ihre christliche Liebe zur Stütze und bändigen Sie die Rache der Natur , die wüthend all ' Ihre Nerven zerreißt . « Beide Männer verloren sich erst später aus meinem Gesichtskreise , und als ich ihnen wieder begegnete , war , wie bemerkt , der Eine ein jüdischer Handelsmann , der Andere ein blödsinniger Schifferknecht geworden . Das Warum ? habe ich nie erfahren können , wenigstens nicht die Veranlassung zur Verstandesabwesenheit des Letzteren . - Hier breche ich einstweilen ab und verschiebe die Mittheilung des Ferneren auf ein andermal . Ist es aber nicht seltsam , daß ich hier mit Männern bekannt werden muß , die außergewöhnlich in ihrem innern und äußern Leben mich unwillkürlich zum Mitwisser schmerzlicher Geheimnisse machen . Mardochai und Friedrich , diese beiden Gestalten , sind bereits in den Kreis meines Lebens getreten , nicht um ihn zu erhellen , sondern nur dunkle Schlagschatten über die wenigen Lichter zu decken , die etwa noch darin aufflackern .