sondern schritt an ihm vorüber in die geöffnete Zimmerreihe . Kaum hatte sie das erste Zimmer betreten , als an der Schwelle des dritten eine weibliche Gestalt erschien , die , so wie sie die Herzogin erblickte , rasch voreilte , so daß die Herzogin mit ihr in dem dazwischen liegenden Zimmer zusammen traf . Einen Augenblick ruhten Beider Blicke auf einander , dann lag die Fremde mit gebeugtem Haupte zu den Füßen der Herzogin , die in demselben Augenblicke leise wie sterbend die herzueilende Morton rief , deren Arm krampfhaft ergriff und , starr ihre Blicke auf die Knieende heftend , unfähig eines Wortes , einer Bewegung blieb . O , meine Beschützerin ! rief jetzt die Knieende , und diese Worte waren von einer so melodischen Fülle des Tones begleitet , daß sie süß jedes Ohr erreichen mußten , aber die Herzogin zuckte zusammen , als ob diese Töne sie zerrissen . Doch es war das letzte Zeichen ihrer Erschütterung , ihre Besinnung kehrte wieder , und sie fühlte mit Scham und Verlegenheit , wie die Arme noch zu ihren Füßen lag . Um Gott , Mylady , was thut Ihr ! rief sie lebhaft ; steht auf ! Knieen wollen wir , aber gemeinschaftlich vor dem liebevollen Beschützer dort oben , der Euch hierher führte , wo wir uns bemühen wollen , die Euch widerfahrene Unbill gut zu machen . Da hob die Fremde zuerst ihren Kopf von der Brust zu der Herzogin empor und zeigte ein Antlitz , überströmt von Thränen , aber mit dem sanften Anhauche eines dankbaren Lächelns , das dies Gesicht , trotz seiner Lilienblässe mit dem rührenden Zauber weiblicher Schönheit belebte . Sie richtete sich vom Boden mit Hülfe der Herzogin auf und stand nun vor ihr , in einer völlig ungezwungenen und natürlichen Haltung . Aber als sie , von der Herzogin geführt , mit ihr nach einem Sessel ging , wollte es selbst Morton , der eifersüchtigen Dienerin , scheinen , als ob die Herzogin in schöner Haltung nachstehe und diese junge Gestalt allein Alles vereinige , was man darunter zu verstehen pflegt . Stanloff hat uns heute endlich die Erlaubniß gegeben , Euch sehen zu dürfen , sagte die Herzogin , indem sie Platz nahm , und ich bin hier , Euch willkommen zu heißen und Euch zu fragen , ob Ihr keine Klagen zu führen habt über irgend eine gegen Euch versäumte Pflicht , oder ob ich in irgend etwas persönlich im Stande bin , Euch zu dienen ? O , Mylady ! rief hier die Fremde und drückte die schönen Hände an ihre Brust , fragt nicht , ob es mir gut erging . Ich war , seit ich in diesem Schlosse bin , in den Händen der edelsten Menschen . Ihr Auge richtete sich bei diesen Worten mit einem Glanze auf Mistreß Morton , der aus der warmen Dankbarkeit eines schönen Herzens zu steigen schien und so ausdrucksvoll war , daß die ehrwürdige Dame , ganz bewegt , tiefer sich vor ihr neigte , als sie es nachher in ihrem Zimmer begreifen konnte , und die Herzogin von dieser alten und stolzen Frau nie anders , als vor sich selber , es erlebt hatte . Und Ihr , Mylady , fuhr sie fort , kommt nun zu mir armen verwaisten Kinde . Ihr wollet den großmüthigen Schutz bestätigen , den ich bis jetzt genoß . Ach , ich danke Euch für die Wohlthat Eures Anblickes ; Ihr werdet mir erlauben , Euch mein Herz zu öffnen , und von Euch werde ich dann besser , als von mir selbst erfahren , wie mein Schicksal anzusehen ist . - Laßt das für jetzt , liebes Kind , sagte die Herzogin und legte sanft die Hand auf ihre Schultern , nicht um Euch an Euer Unglück zu erinnern , kam ich hierher ; ich darf , ohne Stanloffs Vorwürfe zu verdienen , nicht zugeben , daß Ihr Euch erschüttert . Es bedarf nicht solcher Mittheilungen , fuhr sie immer wärmer fort ; schweigt über Eure Verhältnisse , Euern Namen , so lange es Euch gefällt , Ihr seid meines Schutzes gewiß , und ich bedarf , nun ich Euch gesehen , vorläufig keines Bürgen ; auf dieser Stirn stehen die Vorrechte der Geburt und der Unschuld ! - Der gespannten Aufmerksamkeit der Mistreß Morton war es nicht entgangen , daß die Herzogin hier in wenig Minuten das Schicksal derer theilte , die sich bisher dieser jungen Person genähert und aus ihrer Persönlichkeit denselben Glauben geschöpft hatten . Die Herzogin schien selbst zu fühlen , daß sie diesen eben bezeichneten Eindruck etwas schnell gewonnen habe ; sie liebte nicht , wenn ihr Gefühl ihrem Verstande voraus eilte , vielleicht , weil sie sich des ersteren nicht als ganz zuverlässig bewußt war , und sie sah ein aufsteigendes Mißbehagen über ihre schnelle Hingebung in sich voraus , als dieser augenblickliche Ideenflug unterbrochen ward durch die Worte : Geburt und Unschuld , welche die junge Lady mit einem unverkennbaren Ausdruck von Erstaunen wiederholte . Sie schien hier vor einer neuen Idee zu stehen , die sie nicht zu verfolgen vermochte , und es lagerte sich ein zarter Anflug von Nachdenken um ihr ernster werdendes Antlitz . Doch die stets verwöhnte Herzogin , nie sehr geneigt , die feinern Empfindungen Anderer zu bemerken oder errathen zu wollen , da sie gern ihre eigenen ihren Umgebungen als Ziel zu stecken pflegte , schien auch diese unverkennbare Wirkung ihrer Worte in der jungen Lady übersehen zu wollen , setzte aber mit einem sehr wohlwollenden Tone hinzu , indem sie sich erhob : Ich darf nun , hoffe ich , ohne Euch zu sehr anzugreifen , für Eure Unterhaltung sorgen . Meine Töchter , ihre beiden Damen sollen Eure Einsamkeit Euch erleichtern helfen , bis Ihr so weit hergestellt seid , in unserm Familienkreis erscheinen zu können . Lebt wohl Lady und richtet Euern Geist auf , damit Eure Gesundheit erstarken könne ! - O