Kenntnissen , die den jungen Mann in Erstaunen sezten , weil er bei ihrer einfachen , beinah schüchternen Art sich zu betragen durchaus nicht auf die Vermuthung gekommen war , daß sie so unterrichtet sein könnte . Ohne Absicht von Emiliens Seite mußte er bemerken , daß sie alle neuern Sprachen verstand und die vorzüglichsten Werke in allen gründlich kannte ; so weit aber war sie davon entfernt , aus Eitelkeit diese Gegenstände zu berühren , daß es ihr bei ihrer einfachen Seele vielmehr schien , als verstände es sich von selbst , daß jeder Mensch , der Kunst und Poesie liebe , wenigstens dieß Alles kennen müsse , und da St. Julien mit Feuer und Geschmack über Manches sprach , so sezte sie voraus , daß er weit mehr gelesen habe , als sie selbst , und sezte ihn dadurch zuweilen ein wenig in Verlegenheit , bis er endlich offenherzig gestand , daß er nur wenig Zeit bis jetzt darauf gewendet habe , sich Kenntnisse dieser Art zu verschaffen , und daß die frühe Uebung in den Waffen ihn gehindert habe , in dieser Hinsicht seiner Neigung folgen ; daß er aber nun , da seine Krankheit ihm nicht lange mehr hinderlich sein würde , sich eifrig mit der Erlernung des Englischen und Italienischen beschäftigen wolle . Der Graf bot sich ihm als Lehrer an , und sein Anerbieten wurde mit herzlicher Freude angenommen . Jeder fühlte sich wohl an diesem glücklichen Abend , die Gräfin war ruhig , beinah heiter ; die Erinnerungen an vergangene Leiden schienen für einige Stunden aus ihrem Gedächtniß gewichen zu sein ; der Graf fühlte sich so heiter wie er seit Jahren nicht gewesen war , und St. Julien konnte , indem er abwechselnd Beide betrachtete , nicht mit sich darüber einig werden , wen er seinem Herzen näher fühlte ; wenn aber seine dunkeln Augen einem Blick aus den himmelblauen der schönen Emilie begegneten , dann schlug er sie schüchtern nieder und wagte nicht die holde Gestalt mit in dem Kreise zu begreifen , über den er sich eben die Frage vorgelegt hatte . Als sich das Gespräch wieder auf Musik wendete , versuchte er es auszudrücken , wie sehr ihn Emiliens Gesang am vorigen Abend entzückt habe , und der Graf und die Gräfin forderten ihre junge Freundin auf , einige italienische Sachen aus der älteren Zeit zu singen , um auch den heutigen Tag würdig zu beschließen . Emilie sang , ohne sich zu weigern , und St. Julien gab sich rücksichtslos den süßesten Empfindungen hin ; er konnte sich im Entzücken des Hörens keine größere Glückseligkeit denken , als seine Stimme mit den himmlischen Tönen vermischen zu dürfen , die den rosigen Lippen der jungen Sängerin entschwebten . Als sie geendigt hatte , versicherte der Graf und die Gräfin , ihre Stimme werde täglich schöner ; sie habe nie so vortrefflich gesungen , als am heutigen Abend . St. Julien konnte sich nicht entschließen , mit Worten ihren Gesang zu loben , oder , wie man sich auszudrücken pflegt , ihr etwas Verbindliches darüber zu sagen , aber der dankbare , entzückte Blick , dem Emiliens Augen begegneten , als sie sich zufällig zu ihm wendete , belehrten sie , daß er nicht ohne Empfindung zugehört hatte . Sie scheinen den Gesang sehr zu lieben , fragte ihn nach einigen Minuten die Gräfin , und haben sich gewiß selbst mit Musik beschäftigt ? Ein wenig , oberflächlich , antwortete St. Julien , wie beinah mit allen Dingen , die ich bis jetzt getrieben habe ; aber auch das soll besser werden , fügte er hinzu ; sobald ich wieder hergestellt bin , will ich versuchen , ob ich meine Stimme nicht durch die Krankheit verloren habe , und wenn dieß nicht der Fall ist , Musik und Gesang mit großem Eifer treiben . Singen Sie Tenor ? fragte die Gräfin . Ja , sagte St. Julien , und man versicherte mich oft , ich habe eine recht gute Stimme , die nur ausgebildet werden müsse , dazu mangelte mir aber die Geduld . Ein schöner Tenor , sagte der Graf , ist das seltenste und beinah das schönste Geschenk des Himmels , und es ist eine wahre Sünde , im Besitze einer solchen Gabe zu sein , ohne sie auszubilden . Wie schön wäre es , rief Emilie , wenn Sie erst wieder singen könnten ; wir haben hier ganz vortreffliche Musik , die leider ungebraucht liegen muß ; wie Vieles könnten wir mit einander ausführen . St. Juliens Augen leuchteten und seine Wangen rötheten sich vor Freude bei dieser Vorstellung , und er versprach eben pünktlich Alles zu thun , was seine Genesung beschleunigen könnte , und sich streng den Vorschriften des Arztes zu unterwerfen , als dieser herein trat und , da er St. Julien in der Gesellschaft erblickte , aus Verwunderung drei Schritte zurück sprang : Sie sind hier ! rief er aus der Ferne mit zornig verweisenden Minen , ich wollte Sie eben in Ihrem Zimmer besuchen und dachte Sie ruhig im Bette zu finden . Kommen Sie nur näher , sagte der Graf lachend , und betrachten Sie ihn genauer , dann werden Sie finden , daß es ihm hier gar nicht übel geht . Kopfschüttelnd näherte sich der Arzt und betrachtete ernsthaft den jungen Mann , der sich des Lachens nicht erwehren konnte , als der Arzt mit komischer Feierlichkeit , nachdem er ihn eine Zeitlang betrachtet hatte , seinen Puls untersuchte und dann mit Heftigkeit ausrief : Sie sind der wunderlichste Kauz , der mir noch vorgekommen ist , so lange ich die Arzneiwissenschaft ausübe . Gestern Abend , heute Morgen ohne alle Ursache im höchsten Grade schwermüthig , Puls fieberhaft , alle Lebenskräfte herunter , die Augen ganz matt und todt , so daß Sie mir recht gefährlich vorkamen . Heute Abend ohne Fieber , der Puls sehr gut , die Augen heiter , lebendig , eben so ohne die mindeste