, sinniger Wellenschlag vorüber , und Abends war es mir leid , wenn ich mich zu Bette legen mußte , so sehr gefiel mir Alles , was ich that und trieb . Ich hatte mein eigenes , kleines Zimmer , in dem ich mir Jedes einrichten und stellen durfte , wie ich es wollte , und so konnte ich zugleich an meiner Umgebung den Haushaltungstrieb befriedigen , der ein Mädchen so gern beschäftigt . Ich schmückte mir mein Fenster mit Blumentöpfen , die ich nach einer gewissen Ordnung gruppirte , und meine Wände mit Bildern , welche ich geschenkt bekam . Vor meiner kleinen Ottomane stand immer ein rundes Tischchen , auf dem Bücher aufgeschlagen lagen , und zwar waren es jedesmal Gedichte aus der Bibliothek der Tante , welche ich so zur Schau legte . Ich hatte große Ehrfurcht vor Gedichten , und wenn mich so zuweilen das Nachdenken beschlich , glaubte ich in meiner Einfalt , daß meine Erziehung , von der ich immer die Lehrer sprechen hörte , dann beendigt wäre , wann ich die Gedichte alle würde verstehen können . Auch fiel mir , als ich einmal in der Abenddämmerung auf dem Sopha saß , der Gedanke ein , daß ich , obwohl nun schon fast zwölf Jahr geworden , doch bis jetzt noch gar nicht recht gewußt habe , was Leben sei ? Jetzt weiß ich es , setzte ich in meiner kindischen Zuversicht hinzu , und legte den Finger altklug an die Nase . Das Leben ist Lernen , und wenn man ausgelernt hat , wird das Leben Genießen . Ich freute mich , daß mir das eingefallen war , und legte den Kopf träumend hintenüber , und geheime , lockende , dunkel reizende Bilder von einer Zeit , wo das Leben aus Genuß bestehen würde , zogen mit einer unverstandenen Ahnung durch meine Seele . Als ich aus diesen Träumereien erwachte , war es Nacht um mich geworden , aber ich empfand mein Blut in einer stürmischen Wallung , die Wangen waren mir von Röthe und Hitze wie überglüht , der Kopf schmerzte mich , das Herz klopfte in pochenden Schlägen , und eine halb süße , halb drückende Beklemmung schien sich wie ein unbefriedigtes Verlangen über meine ganze Brust gelegt zu haben . Ich fing an zu weinen , und lächelte gleich wieder darauf . Schon seit einiger Zeit war ich manche Veränderungen an mir gewahr geworden , die mich bald befremdeten , bald erfreuten . Ich wurde größer , und unter dem Kinderkleide hob sich wie ein Drang junger Knospen mein Busen . In den Musikstunden mußte ich plötzlich Altstimme singen . Die Tante bekümmerte sich sonst wenig um mich . Sie sah viele Gesellschaft bei sich , von der ich jedoch noch entfernt blieb , und nur Gelächter und Geräusch derselben , Klingen der Gläser und Klappern der Tassen , tönte zuweilen in mein verborgenes Stübchen herüber . Etwas muß ich jedoch jetzt erwähnen , von dem ich eigentlich schon früher hätte sprechen sollen , wenn es nicht meiner Zunge schwer würde , hier die zögernden Laute zusammenzufügen . Schon seit meinem ersten Eintritt in dies Haus hatte ich öfter einen schönen , vornehmen Mann gesehen , der von Zeit zu Zeit die Tante besuchte , und mir , dem Kinde , dann jedesmal eine besondere Aufmerksamkeit widmete . Gleich am andern Tag nach meiner Ankunft aus Böhmen war er gekommen , um sich nach mir zu erkundigen , als schiene er um mein ganzes Schicksal gewußt zu haben , und die Tante hatte mich ihm , nachdem ich geputzt und geschmückt worden war , mit einer Art von triumphirendem Wohlgefallen gezeigt . Er küßte mich immer , und zwar so lange , daß ich es nicht leiden konnte , und mich mit Unwillen und Fußstampfen ihm entriß , denn ich konnte sehr heftig werden . Auch brachte er mir jedesmal kostbare Geschenke aller Art , die ich hastig nahm , weil ich nach solchen Dingen ein großes Gelüst hatte . Ehe ich es dachte , kam er jetzt , und ich erschrak immer vor ihm . Wenn ich fortgehen wollte , begegnete er mir auf der Treppe , und ich mußte wieder mit ihm hinauf ; wenn ich zur Tante ins Vorderzimmer ging , um zum Fenster hinauszusehen , ( denn mein Stübchen ging nach hinten , ) war er unversehens auch da , und ich mußte mich ihm auf den Schooß setzen , so sehr ich mich sträubte . Die Tante ließ Alles geschehen , und schalt mich nachher derb aus , wenn ich gegen den Herrn Grafen - denn so wurde er von ihr genannt - nicht recht freundlich und schmeichlerisch gewesen war . Oft kam er auch auf mein Zimmer , wann ich unterrichtet wurde , und hörte aufmerksam zu , und gab den Lehrern manche Winke über Das , was sie mit mir vornehmen sollten . Dies war das Einzige , was mir an ihm gefiel , obwohl es mir auch räthselhaft däuchte . Aber es schien ihm viel daran gelegen zu sein , daß ich die feinste und sorgfältigste Ausbildung erhielte , ich sah nicht ein warum ? Er war ein großer hochgewachsener Mann in den mittlern Jahren , mit immer lächelnden Gesichtszügen , etwas verzogenen Mundwinkeln , blassen Wangen , und einem funkelnden Ordensstern auf dem Rock . Ich mochte ihn nicht leiden , und als Grund dazu wußte ich noch kaum etwas Anderes , als das Gefühl , daß er mir meine unbefangene Kinderfreiheit beschränkte . Außerdem war noch in der letzten Zeit ein junger Theologe , Namens Mellenberg , in unser Haus gezogen , dem die Leitung meines Unterrichts anvertraut wurde . Er war häßlich , finster , einsylbig , und bekümmerte sich um nichts als seine Bücher , weshalb auch der Graf ein unbedingtes Vertrauen in ihn zu setzen schien . Sein düsteres , in sich versunkenes Wesen hatte dennoch etwas sehr Anziehendes für mich , und da er sich