unter die Augen treten zu sollen . An der Thür des Frühstückszimmers verließ mich fast der Muth ; ich horchte auf seine Stimme , und wie alles stille war , fürchtete ich mich vor seinem Schweigen , seinem mir begegnenden Blick . Die Aufmerksamkeit eines Bedienten , den mein Zögern zu befremden schien , bestimmte mich endlich , die Thüre zu öffnen ; schüchtern blickte ich nach meines Vaters gewöhnlichem Sitz - er war leer . Eine Last fiel mir vom Herzen . » Wo ist mein Vater ? « fragte ich den Diener . - » Er ging aus und hat hinterlassen , daß er nicht zum Frühstück zurückkehren werde « , war die Antwort . Das war mir eine ungewohnte Erscheinung ! - Das Frühstück war die Vereinigungsstunde der Familie , die meinen Vater immer herbeigezogen hatte ; sollte er sie heute versäumen , so mußte ich ohne einen Blick des Segens hinwegscheiden , heute besonders , nachdem ich bei unserm letzten Zusammenseyn seinen Unwillen erregt hatte . Das konnte ich nicht ertragen , und der Vorsatz , mein Vorhaben aufzugeben , keimte in meinem Herzen . Ehe er aber zu einem festen Entschluß gereift war , hielt Lady St. Edmonds Wagen vor dem Hause . Ich eilte sie zu empfangen , führte sie bei Seite und beschwor sie , wenigstens heute , den einzigen Tag , meine Reise zu verschieben ; meines Vaters Abwesenheit mache es mir unmöglich , das Haus zu verlassen . Sie schalt meine Schwäche , sie bewies mir , daß grade diese Abwesenheit mir die Gefahr mich zu verrathen erspare , und wie bald ich ihn , da sie an seiner schnellen Versöhnung gar nicht zweifle , wieder sehen würde ; sie stellte mir das Unrecht vor , das ich an Lord Friedrich begehe , die Gefahr , einen so leidenschaftlichen Liebhaber aufs Aeußerste zu treiben . - Durch ihre Beredsamkeit gewonnen , zeigte sich mir mein Vorhaben von einer andern Seite , als die , welche mich bisher beschäftigt hatte , und mein Schwanken benutzend , riß mich Lady St. Edmond mit sich fort . Noch eilte ich vorher zu der Freundin meiner Jugend , um ihr , da sie keinen Theil an meinem Geheimniß nehmen durfte , ein zweideutiges Lebewohl zu sagen . » Julie « ! rief ich , ihre Hand drückend , » ich entferne mich auf kurze Zeit . Vermißt mich mein Vater , so ersetzen Sie mich bei ihm . O Julie , wenn Sie mich je geliebt , so bezeigen Sie ihm die kindliche Ehrfurcht , die - ich ihm schuldig gewesen wäre ! « - Meine zitternde Stimme , mein bewegtes Gemüth hätten mich Miß Arnold verrathen müssen ; allein sie war entschlossen , ein Geheimniß nicht zu entdecken , das ihr zu wissen nachtheilig werden konnte . Nachlässig sagte sie mir Lebewohl , und kein Lächeln des Wohlwollens war im Augenblick des Scheidens von ihrer Jugendfreundin auf ihrem Antlitz sichtbar . In einer völligen Betäubung aller meiner Gefühle fuhr ich vom Hause ab ; wie ich meiner wieder deutlich bewußt ward , befand ich mich schon in ganz fremden Umgebungen , die ich nicht mit meiner Vergangenheit reimen konnte , die mir meine Zukunft nicht errathen ließen . Lady St. Edmond verwendete ihr freundlichstes Geschwätz , um meine Aufmerksamkeit auf angenehme Gegenstände zu lenken ; sie drang mir das Versprechen ab , gleich nach erhaltner kirchlicher Einsegnung meiner Ehe in ihrem Hause eine Zuflucht zu suchen , schilderte mir die Annehmlichkeit meiner künftigen Verhältnisse , wenn ich , wie es mir gar nicht fehlen könnte , die verschiednen Glieder der Familie du Burgh für mich gewonnen , und wie die Versöhnung mit meinem Vater , die ebenso wenig Schwierigkeit haben würde , dann meine Beruhigung vollenden müsse . Es gelang ihr , mein Gemüth zu beruhigen , so daß ich bei unsrer Ankunft in Barnet meine gewöhnliche Geistesheiterkeit größtentheils wieder gewonnen hatte . Wie der Wagen anhielt , und ich den Mann , dem ich mein ganzes Lebensheil zu übergeben gesonnen war , zu meinem Empfang bereit zu erblicken erwartete , drückte ich mich mit unwillkürlichem Grausen in den Winkel des Wagens zurück und ließ meine Begleiterin vor mir aussteigen . Da ich nur ihre Stimme hörte , die mich nachzukommen bat , raffte ich mich auf , ich folgte ihr in ein Zimmer , ich hörte , wie sie ihrem Bedienten auftrug , nach Lord Friedrich zu fragen ; doch seine Antwort : er sey noch nicht angekommen , veränderte nur meine Lage , sie verbesserte sie nicht . Ich beantwortete Lady St. Edmonds zuversichtliche Bemerkung : daß er unverzüglich , daß er in fünf Minuten eintreffen werde , mit einem spottenden Lachen . Die fünf Minuten gingen hin , auch zehn und längere Zeit . In größter Unruhe saß meine Begleiterin am Fenster , blickte der Straße entlang und hoffte bei jedem Hufschlag , bei jedem Rollen eines Wagens , es müsse der Erwartete seyn ; ich schien gleichgültig den großen Ochsen von Durham und Godolphins Araberpferd , deren Abbildungen an der Wand hingen , zu betrachten , indeß meine Begleiterin mit zunehmender Unruhe alles aufbot , um Entschuldigungen wegen ihres Neffen Verweilen zu ersinnen . Eine Stunde mochte in dieser Spannung verflossen seyn , als ich auf eine ihrer Aeußerungen erwiederte : » Suchen Sie doch weiter keine Ursache , Mylady , Mylord hat unsere Verabredung vergessen , und somit verhindert uns nichts , nach der Stadt zurückzukehren , welches ich Sie dringend bitte unverzüglich zu thun . « Sie widerstand mir zwar , bat mich , noch eine kleine Weile zu warten , weil sie gewiß sey , nur die unseligsten Ursachen könnten Lord Friedrich zurückhalten ; doch forderte sie einige Erfrischungen und befahl , ihre Pferde zum Einspannen zu bereiten . Ueber diesen Anstalten ging abermals gegen eine Stunde dahin ; ich erklärte nun , wenn Mylady nicht sogleich abführe , so würde ich Post nehmen und unverzüglich allein