fremd , kündigte sich mir als solcher an und wurde in Eurer Familie selbst fast nicht anders genannt ; der Herzog , welcher mehrere Tage auswärts gespeist hatte , erschien nämlich bei der Mittagstafel . Bald bemerkte ich , daß er öfters finstere , mißfällige Blicke auf mich warf . Nach aufgehobener Tafel näherte er sich mir und nötigte mich , in ein Fenster zu treten . » Warum noch immer in dieser Farbe , gegen welche ich mich schon anfangs mißbilligend erklärt habe ? « fragte er mit gebietender Stimme . » Die Zeit der Trauer ist noch nicht vorüber « , stotterte ich . » Trauer paßt nicht für diese Zeit ! « sagte er herrisch , » wäre auch der Tote erst gestern begraben ; Trauerzeichen sind zweideutig , und sie sollen , wenigstens in meinem Hause , nicht gesehen werden . Zudem sollen Sie am Montage der Prinzessin ... vorgestellt werden , bereiten Sie sich gehörig dazu vor . « Ich wollte etwas erwidern , er ließ mich aber nicht zu Worte kommen . » Ich meine es gut mit Ihnen , Gräfin Nichte « , fuhr er etwas milder fort , » aber Sie müssen sich zu fügen wissen . « Er entfernte sich aus dem Zimmer . Ich wankte nach dem meinigen ; Deine Mutter folgte mir und umarmte mich mit einiger Rührung . » Ich hätte es dir gern erspart « , sagte sie , » aber du wolltest meine Winke nicht verstehen . « Ich brach in Tränen aus . » Beruhige dich , liebe Virginia « , sagte sie , » wir Weiber sind ja einmal zum Gehorchen geboren , gib diesen kleinen Eigensinn auf . « Eigensinn ! o Himmel und Erde ! - Du kamst dazu und liebkosetest mich mit Deiner gutmütigen Art , redetest mir so freundlich zu , daß ich am Ende Eure Friedensvorschläge annahm , mich , wenn ich außerhalb meines Zimmers erschiene , bunt zu kleiden und mich öffentlich und in Gesellschaft mit heiterem Gesichte zu zeigen . Oh , welch ein Opfer brachte ich der bittenden Freundschaft , und mit welcher Sehnsucht eilte ich in meine Einsamkeit zurück , um meine schwarzen Gewänder anzulegen und mich von ganzer Seele betrüben zu können ! Welch ein Wechsel für mich ! ich , die nie den Schein des Zwanges gefühlt hatte , frei aufgewachsen war , wie das Reh des Waldes , nun umgarnt mit tausend Netzen und noch keinen Ausgang gewahrend ! Für den Augenblick gab ich der Notwendigkeit nach und ließ mich einführen in diese fremde Welt . Ihr alle waret nun voll Besorgnis für mein erstes Auftreten und eifrig bemüht , mir Mut einzusprechen . Ich mußte innerlich lächeln , denn er fehlte mir nicht . Wohl fühlte ich Widerstreben , aber keine Ängstlichkeit . Was Euch imponierte , ließ mich im Gleichgewicht . Auch schien man allgemein überrascht von meiner ruhigen Besonnenheit . Ich war in den spiegelglatten Sälen des Hofes , unter hoffähigen Leuten , mit meinem sicheren Gange eine fremde Erscheinung . Aber wie fast immer das Fremde Glück macht , so wurde auch ich nicht ungünstig aufgenommen , ja es hätte vielleicht nur bei mir gestanden , zu einer gewissen Berühmtheit zu gelangen , wenigstens unterhielt mich Dein Bruder unaufhörlich von dem glänzenden Eindruck , welchen ich gemacht ; mir wurde aber mein Glück mit jedem Tage unerträglicher . Es war mir gleich unmöglich , die Maske der Unterwürfigkeit vorzunehmen oder in Schmähungen gegen die verflossenen Zeiten einzustimmen . Die ewig witzelnde , schale Unterhaltung , welche , in derselben Viertelstunde , vom Ball zur Politik und von der neuesten Mode zur neuesten Mordtat überspringt , war mir in tiefster Seele zuwider . Es war bei meinem wahrhaftigen Charakter wohl nicht möglich , die Eindrücke ganz zu verbergen , welche ich in der Gesellschaft empfing . Einige unsrer Tischgenossen , um sich , meiner Kälte wegen , an mir zu rächen , machten sich das boshafte Vergnügen , mich oft in Verlegenheit zu setzen , indem sie meine Meinung über diese und jene der neuesten Begebenheiten zu hören wünschten . Ich suchte mich zwar immer geschickt herauszuwickeln , um weder meine eigene Meinung zu verleugnen noch der fremden wehe zu tun , aber meine Mäßigung machte die Angreifer nur kühner . Selbst Dein Bruder gesellte sich nicht selten zu ihnen . Der Herzog warf , bei solchen Vorfällen , wütende Blicke auf mich , und Deine Mutter hielt mir insgeheim lange Strafreden , welche mir wehe taten , ohne mich zu überzeugen . Sie ging immer deutlicher mit dem Plane gegen mich heraus , welchen ich schon seit einiger Zeit geahndet hatte , mich an Louis zu vermählen . » Du gehörst zu unsrer Familie « , sagte sie , » und mußt deine Gesinnungen ganz nach den unsrigen zu ändern suchen . « Ich fühlte mich empört von diesen anmaßenden Zumutungen , und meine Erwiderungen mochten keine große Unterwürfigkeit ausdrücken . Man fing an , mich immer häufiger zu schmähen und zu kränken , Dein Bruder nahm ein zuversichtliches , herrisches Betragen an . Er nannte mich oft seine schöne Zukünftige und behandelte meine Prostestationen als Scherz . Dann hielt er uns , mit altkluger Miene , lange Vorlesungen über die Pflichten unsers Geschlechts als Gattinnen , welche mit meinen Begriffen sehr wenig übereinstimmten . Du lachtest ihn geradezu aus , brachtest ihn aus der Fassung und mich zum Lächeln ; mir war aber das Ganze nichts weniger als lächerlich . In den Stunden der Einsamkeit fing ich ernstlich an , darauf zu denken , mich dieser drückenden Lage zu entziehen . Nach Chaumerive zurückzukehren und dort , wenn auch nicht glücklich , doch ruhig zu leben fand ich sehr einfach . Ich waffnete mich mit meinem ganzen Mut , um diesen Entschluß dem Herzoge bekannt zu machen , nachdem Deine Mutter ihn schon als einen kindischen Einfall aufgenommen und mir geraten hatte , nicht weiter daran zu