ihm regten , in einen Brief an Erna zusammen zu fassen . » Ich würde mein Unrecht verdoppeln , wenn ich es zu verringern strebte , « schrieb er . » Daher bekenne ich es frei , Erna ! daß die Vergangenheit , wie eine rächende Nemesis , neben mir durchs Leben geht , und mich bitter mahnt an die Vergehungen meiner unbesonnenen Jugend . « » Ich habe Sie einst beleidigt , und gewaltsam von meinem Herzen verscheucht . Meine Bestimmung wollte , daß mir erst spät der Werth in seiner ganzen himmlischen Klarheit erschiene , der Sie jetzt in meiner Ueberzeugung zu der Ersten und Einzigsten Ihres Geschlechts erhebt . Aber Erna - ich halte mich an die Worte , die Sie einst aus dem Innersten Ihrer Seele sprachen , und die seitdem die Losung meiner stillen Träume , der Grund meiner seligsten Hoffnungen geworden sind . Die Liebe überwindet alles , und vergiebt alles ! Sie haben mich einst geliebt , als ich dies Glück noch nicht verdiente . Jetzt , wo ich es in seinem ganzen Umfang erkenne , und mich nach ihm sehne , als nach dem einzigen Himmel , den es für mich auf Erden giebt , jetzt - ich beschwöre Sie bei unserem beiderseitigen Glück , das - so flüstert mir eine innere Stimme zu - nur gemeinschaftlich bestehen kann - seyn Sie nicht härter , als jener milde Ausspruch , der mich , wie eine Zauberformel , über den düstern Abgrund verzweiflungsvoller Hoffnungslosigkeit erhob - geben Sie mir ein Zeichen , daß Sie mich nicht verwerfen , daß Sie mir erlauben , Ihre Hand durch innige Liebe und Treue zu verdienen - und machen Sie auf diese Weise Ihren Geburtstag mir zu einem zwiefachen Festtag für mein ganzes Leben ! « XXIII Kaum konnte er seine Ungeduld zügeln , bis die Zeit , die ihm nie so langsam , als gerade heute zu schleichen schien , die Stunde herauf führte , wo es die Schicklichkeit erlaubte , Erna seinen Glückwunsch und zugleich diesen Brief zu überbringen . Denn er selbst wollte ihn ihr übergeben - keiner fremden Hand das Blatt vertrauen , das die Veranlassung der Entscheidung über seine ganze Zukunft werden mußte . Wie diese ausfallen werde - er wagte nicht , sich es klar und deutlich zu denken . Ihm war , als risse er in frechem Uebermuth den Schleier von einem Heiligenbilde , wenn er mit kühn der Zeit vorgreifenden Wünschen und Hoffnungen in das Dunkel seines Schicksals dränge . Kindlich fromm , und dem Himmel vertrauend , der ja in die Tiefe seiner Seele zu blicken vermochte , und den Ernst des Entschlusses kannte , die Geliebte verdienen zu wollen , erwartete er Erna ' s Ausspruch - aber menschlich wars , daß er in zitternder Ungewißheit bangte , und daß er sich nach dem Augenblicke sehnte , der ihn von dieser Quaal befreien werde . Er überschaute die duftende Reihe seiner blühenden Gewächse , um durch Blumen , diese zartesten aller Gaben , ihren Tag ehrerbietig zu verherrlichen ; aber alle schienen ihm gemein und unwürdig , um zur Feier desselben zu dienen , bis eine Daphne durch ihren süß berauschenden Duft ihn fest hielt , und neben ihr ein Rhododendrum ponticum mit seinen reichen Blüthenbüscheln in der schönsten Farbenpracht sein Auge auf sich zog . Von jeder derselben , eben so selten als schön in ihrer Art , wählte er die vollste , jugendlichste Blüthe , und sie , während er hinging , an seinem Herzen vor dem Frost der noch rauhen Luft bergend , erbat er sich von Gott als ein geistiges Zeichen für seine Wünsche , sie den Abend auf dem Ball an dem ihrigen blühen zu sehen . Er hörte beim Eintritt in das Haus des Gesandten , daß das Fräulein auf ihrem Zimmer sei . Noch nie war es ihm gelungen , dies Heiligthum zu betreten - aber oft schon hatte eine süße Sehnsucht ihn mächtig dahin gezogen , oft seine glühende Phantasie sich träumend innerhalb der Wände versetzt , die so glücklich waren , sie in ihren einsamen Stunden zu umgeben . Er hatte auch wohl dann und wann den Muth gehabt , wenigstens den Versuch wagen zu wollen , ob es nicht möglich sei , in ihr stilles , ihm so bedeutungsvolles Asyl einzudringen - aber immer wars , als werde ihre Schwelle von unüberwindlichen Geistern bewacht , die ihm auf mancherlei Weise den Zutritt wehrten . Heute aber fühlte er die Kraft in sich , jedem Hindernis Trotz zu bieten . Und hätten feurige Drachen den Eingang gehüthet - ritterlich würde er sich durchgeschlagen , und dem mächtigen Zug gefolgt haben , der in der exaltirten Aufregung seines ganzen Wesens ihm den Gang zu ihr als den Weg seines eigentlichen Berufs zeigte . Ein Bedienter meldete ihn an . Er sei willkommen , war die freundliche Antwort . Es war eilf Uhr Vormittags , und Erna allein . Sie saß in einem einfachen Morgenkleid , das schöne Haar nachläßig geordnet , auf dem Sopha der Thür gegenüber , und erhob sich , als er sie öffnete , sanft , jedoch nicht ohne einen kleinen Anstrich von Verlegenheit , ihn zu begrüßen . Im zarten Wechsel ihrer Farbe , in der hold ihm entgegen geneigten Stellung und in der liebreichen Verwirrung des unsicher von ihm abgleitenden und auf die Erde sich senkenden Blicks sprach ihn ein geheimer , Muth erweckender Antheil an , denn er fühlte , so könne sie keinen Fremden , keinen Gleichgültigen empfangen . Mächtig dadurch gehoben , näherte er sich ihr , ihr seinen Glückwunsch auszusprechen , und die Blumen ihr zu überreichen . Da auf einmal ward es dunkel vor seinen Augen - das frische Roth seiner Wangen verlor sich in Todesblässe - seine Kniee bebten , und hätte er nicht schnell nach dem Tisch gegriffen , sich auf ihn , der eine Scheidewand zwischen ihm und Erna bildete , stützend - wer weiß ,