dem daranstoßenden angenehmen Wäldchen . Meist war dabei irgendein Buch aus der Bibliothek des Herrn v. A. , wie es ihm gerade in die Hände fiel , sein Begleiter . Seine Seele war dort so ungestört und heiter , daß er die gewöhnlichsten Romane mit jener Andacht und Frischheit der Phantasie ergriff , mit welcher wir in unserer Kindheit solche Sachen lesen . Wer denkt nicht mit Vergnügen daran zurück , wie ihm zumute war , als er den ersten Robinson oder Ritterroman las , aus dem ihm das früheste , lüsterne Vorgefühl , die wunderbare Ahnung des ganzen , künftigen , reichen Lebens anwehte ; wie zauberisch da alles aussah und jeder Buchstab auf dem Papiere lebendig wurde ? Wenn ihm dann nach vielen Jahren ein solches Buch wieder in die Hand kommt , sucht er begierig die alte Freude wieder auf darin , aber der frische , kindische Glanz , der damals das Buch und die ganze Erde überschien , ist verschwunden , die Gestalten , mit denen er so innig vertraut war , sind unterdes fremd und anders geworden , und sehen ihn an wie ein schlechter Holzstich , daß er weinen und lachen möchte zugleich . Mit so muntern , malerischen Kindesaugen durchflog denn auch Friedrich diese Bücher . Wenn er dazwischen dann vom Blatte aufsah , glänzte von allen Seiten der schöne Kreis der Landschaft in die Geschichten hinein , die Figuren , wie der Wind durch die Blätter des Buches rauschte , erhoben sich vor ihm in der grenzenlosen , grünen Stille und traten lebendig in die schimmernde Ferne hinaus ; und so war eigentlich kein Buch so schlecht erfunden , daß er es nicht erquickt und belehrt aus der Hand gelegt hätte . Und das sind die rechten Leser , die mit und über dem Buche dichten . Denn kein Dichter gibt einen fertigen Himmel ; er stellt nur die Himmelsleiter auf von der schönen Erde . Wer , zu träge und unlustig , nicht den Mut verspürt , die goldenen , losen Sprossen zu besteigen , dem bleibt der geheimnisvolle Buchstab ewig tot , und er täte besser , zu graben oder zu pflügen , als so mit unnützem Lesen müßig zu gehn . Leontin dagegen durchstrich alle Morgen , wenn er es etwa nicht verschlief , welches gar oft geschah , mit der Flinte auf dem Rücken Felder und Wälder , schwamm einige Male des Tages über die reißendsten Stellen des Flusses , der im Tale vorbeiging , und kannte bereits alle Pfade und Gesichter der Gegend . Auch auf das Schloß der unbekannten Dame war er schon einige Male wieder hinübergeritten , fand aber immer niemanden zu Hause . Alle Tage besuchte er gewissenhaft ein paar wunderliche altkluge Gesellen auf dem Felde , die er auf seinen Streifereien ausgespürt hatte , gab ihnen Tabak zu schnupfen , den er bloß ihretwillen bei sich trug , und führte stundenlang eine tolle Unterhaltung mit ihnen . Er las wenig , besonders von neuen Schriften , gegen die er eine Art von Widerwillen hatte . Dessenungeachtet kannte er doch die ganze Literatur ziemlich vollständig . Denn sein wunderliches Leben führte ihn von selbst und wider Willen in Berührung mit allen ausgezeichneten Männern , und was er so bei Gelegenheit kennenlernte , faßte er schnell und ganz auf . Sowohl er , als Friedrich besuchten fast alle Nachmittage den einsamen Viktor , dessen kleines Wohnhaus , von einem noch kleineren Gärtchen umgeben , hart am Kirchhofe lag . Dort unter den hohen Linden , die den schönberaseten Kirchhof beschatteten , fanden sie den seltsamen Menschen vergraben in eine Werkstatt von Meißeln , Bohrern , Drehscheiben und anderm unzähligen Handwerkszeuge , als wollte er sich selber sein Grab bauen . Hier arbeitete und künstelte derselbe täglich , soviel es ihm seine Berufsgeschäfte zuließen , mit einem unbeschreiblichen Eifer und Fleiße , ohne um die andere Welt draußen zu fragen . Ohne jemals eine Anleitung genossen zu haben , verfertigte er Spieluhren , künstliche Schlösser , neue , sonderbare Instrumente , und sein bei der Stille nach außen ewig unruhiger und reger Geist verfiel dabei auf die seltsamsten Erfindungen , die oft alle in Erstaunen setzten . Seine Lieblingsidee war , ein Luftschiff zu erfinden , mit dem man dieses lose Element ebenso bezwingen könnte , wie das Wasser , und er wäre beinahe ein Gelehrter geworden , so hartnäckig und unermüdlich verfolgte er diesen Gedanken . Für Poesie hatte er , sonderbar genug , durchaus keinen Sinn , so willig , ja neugierig er auch aufhorchte , wenn Leontin oder Friedrich darüber sprachen . Nur Abraham von St. Clara , jener geniale Schalk , der mit einer ernsthaften Amtsmiene die Narren auslacht , denen er zu predigen vorgibt , war seine einzige und liebste Unterhaltung , und niemand verstand wohl die Werke dieses Schriftstellers so zu durchdringen und sich aus Herzensgrunde daran zu ergötzen , als er . In diesem unförmlichen » Gemisch-Gemasch « von Spott , Witz und Humor fand sein sehr nahe verwandter Geist den rechten Tummelplatz . Übrigens hatte sich Friedrich gleich anfangs in seinem Urteile über ihn keineswegs geirrt . Seine Gemütsart war wirklich durchaus dunkel und melancholisch . Die eine Hälfte seines Lebens hindurch war er bis zum Tode betrübt , mürrisch und unbehülflich , die andere Hälfte lustig bis zur Ausgelassenheit , witzig , sinnreich und geschickt , so daß die meisten , die sich mit einer gewöhnlichen Betrachtung der menschlichen Natur begnügen , ihn für einen zweifachen Menschen hielten . Es war aber eben die Tiefe seines Wesens , daß er sich niemals zu dem ordentlichen , immer gleichförmigen Spiele der andern an der Oberfläche bequemen konnte , und selbst seine Lustigkeit , wenn sie oft plötzlich losbrach , war durchaus ironisch und fast schauerlich . Dabei waren alle Schmeichelkünste und alltäglichen Handgriffe , sich durch die Welt zu helfen , seiner spröden Natur so zuwider , daß er selbst die unschuldigsten , gebräuchlichsten Gunstbewerbungen , ja sogar