neigte , ihre Hand an seine Lippen zu ziehen , und gerade , daß er sich sagen mußte , wie hart und ungerecht er , von Eleonoren dazu verleitet , an dem ersten Tage die Herzogin zu beurtheilen geneigt gewesen war , gerade das befestigte seine Ergebenheit für die Greisin und wendete seine Empfindung von Eleonoren ab , so oft er die eisige Zurückweisung bemerkte , mit welcher die Gräfin die Freundlichkeit der Herzogin vergalt . Sechstes Capitel Tage reihten sich an Tage , Wochen wurden zu Wochen , und vieles , was Renatus in seiner neuen Umgebung im Anfange nicht verständlich gewesen war , klärte sich ihm von selber auf . Er sah , daß die Freundschaft und Huldigung , welche der alte Fürst der Gräfin Eleonore entgegenbrachte , ihren Ursprung nicht nur in seiner vieljährigen Verbindung mit ihrer Tante hatten , sondern auf Rechnung der Bewerbung zu setzen waren , mit welcher der Prinz , sein Sohn , sich um die schöne Erbin bemühte . Auch über die Absichten der beiden Geistlichen , welche zu den täglichen Gästen der Herzogin gehörten , konnte Renatus auf die Länge nicht in Zweifel bleiben . Er fand es jedoch sehr natürlich , daß ein Mann von den Vorzügen des Prinzen sich noch die Fähigkeit zutraue , die Liebe eines jungen Weibes zu erwerben ; es däuchte ihm durchaus berechtigt , daß die katholische Kirche sich die in jedem Betrachte ausgezeichnete Gräfin , die nach dem Glauben ihrer Mutter der englisch-protestantischen Kirche angehörte , anzueignen strebte ; denn für Beides hatte er die Beispiele in seinem eigenen Hause vorgefunden . Allerdings waren die Ehen , welche der verstorbene Freiherr in reifem und in vorgerücktem Alter mit bedeutend jüngeren Frauen eingegangen war , nicht glücklich ausgefallen . Aber seine protestantische Mutter hatte doch Glück und Frieden im Schooße der römischen Kirche gefunden , und obschon sich bei Renatus die Gewohnheit der kirchlichen Unterordnung wie das Bedürfniß nach religiösem Anhalte , seit er das Vaterhaus verlassen und namentlich jetzt in den Jahren des Krieges , sehr vermindert hatten , hegte er doch den Glauben , daß für ein so stolzes Herz , wie das der Gräfin , die Sorge und Pflege durch einen ihr überlegenen geistlichen Berather nur heilsam sein könne . Niemand aber mußte zu einer solchen Aufgabe geeigneter erscheinen , als der Abbé von Montmerie , als der jüngere der beiden geistlichen Herren , welche in dem Hause der Herzogin fast an keinem Tage fehlten . Die Herzogin hatte den Abbé schon in Italien gekannt . Seine Hingebung an die Kirche und seine umfassende Gelehrsamkeit hatten ihn früh zu einem Gegenstande der Aufmerksamkeit für seine Vorgesetzten gemacht , seine weltmännischen Manieren empfahlen ihn der vornehmen Gesellschaft , welcher er durch seine Geburt angehörte . Von Jugend auf kannte er aus den Erzählungen seiner Anverwandten alle die geheimen Fäden , durch welche diese schöne Welt unter einander zusammenhing , und da er das scharfe Auge eines Beobachters hatte , war es ihm , als der Hof und mit ihm auch der Adel und der Abbé selber in ihre französische Heimath zurückkehrten , nicht schwer gefallen , in den Reihen dieses Hofes den Platz für sich zu finden , welchen er als den angemessensten für sich erachtete . Er hatte sich nicht , wie viele Andere , in den Beichtstuhl gedrängt , denn es hatte ihn nicht danach gelüstet , die Bekenntnisse dieses oder jenes beängstigten Herzens zu vernehmen , und hier eingreifend , dort berathend in kleinen Verhältnissen einen Einfluß zu gewinnen , der sich nur allmählich ausdehnen , nur langsam von Bedeutung werden konnte . Man hätte sagen mögen , er weise das Vertrauen zurück , das man ihm entgegenbrachte , so wenig zeigte er sich geneigt , sich um fremde Angelegenheiten zu bekümmern , und was ihn selber und seine Zukunft anging , das schien ihm vollends keine große Sorge zu erregen . Seine gründlichen Studien in den klassischen Sprachen , die ihn zu einem der hervorragendsten Lehrer an dem Kollegium gemacht , dem er angehörte , hatten ihn auch der Beachtung des Königs empfohlen . Ließ man ihm von gewisser Seite merken , daß seine andauernde Beschäftigung mit dem heidnischen Alterthume seiner Hingebung an das Christenthum Abbruch zu thun drohe , so versicherte er , daß er ein eben so orthodoxer Christ sei , als Seine Majestät , wennschon er sich nicht rühmen dürfe , in der heidnischen Vorzeit so völlig heimisch zu sein , als sein König und Herr ; und der Abbé von Montmerie wußte es sehr genau , daß eine solche Wendung alle Aussicht hatte , an rechter Stelle wiederholt und von Ludwig dem Achtzehnten mit geneigtem Ohre aufgenommen zu werden . Seine Amtsbrüder nannten den Abbé mit schlecht verhehltem Spotte einen schönen Geist , der König hatte ihn als einen feinen Geist bezeichnet und die Frauen ihn nach dem Beispiele der Herzogin als einen liebenswürdigen Geist und als einen jener Männer anerkannt , die überall vermittelnd wirken , weil sie für sich selber nichts zu erstreben scheinen . Es gab Niemanden , der wie der Abbé ein Mißverständniß unter Freunden behutsam auszugleichen wußte , Niemanden , der sich mit größerer Freude dazu erbot , der Ueberbringer einer willkommenen Botschaft zu sein , und der wie er , eine unangenehme Eröffnung in milde Formen einzukleiden sich geschickt erwies . Wollte man ihm danken , so nannte er sich als den Verpflichteten , weil man ihm die Gelegenheit gegeben habe , seinem innersten Wesen zu genügen und im Sinne seines Amtes zu handeln ; und der König war noch nicht lange in sein Reich zurückgekehrt , als man bereits mit Sicherheit behauptete , daß in den langen , besonderen Gesprächen , mit welchen Seine Majestät den jungen gelehrten Geistlichen begnadigte , auch von anderen als von jenen philologischen Gegenständen , die der König als sein besonderes Fach ansah , die Rede sei , und daß die Verbindungen des Geistlichen eben so weit verzweigt als mächtig wären . Die