daß er jetzt erst zu leben anfange , daß ihm jetzt erst eine Jugend aufgehe , wie sein Vater sie genossen habe , wie sie eines Mannes von seinem Stande würdig und wie sie ihm durch die Ungunst der Verhältnisse viel zu lange vorenthalten worden sei . Da er in den Stürmen der Revolutionszeit geboren und erwachsen war , hatte man ihn , mit dem Hinweise auf die Unbeständigkeit aller irdischen Macht und Güter , zu einer gewissen Selbstbeschränkung erzogen und es waren , ohne daß man es beabsichtigt oder er selbst es gemerkt hätte , doch viele der Anschauungen an ihn herangekommen , welche als ein neues Menschheits-Evangelium die Welt umzugestalten begonnen hatten . Nun befand er sich mit Einem Male auf einem Boden und inmitten einer Nation , in welchen die Lehren von der Freiheit und Gleichberechtigung aller Menschen tiefer als irgendwo sonst in das Volksbewußtsein eingedrungen , und von Wirkungen und Thaten so zerstörender und durchgreifender Art gefolgt gewesen waren , daß man die erneute Herrschaft der früheren Weltanschauung und die Wiederkehr der alten Staatsverhältnisse und Zustände für immer unmöglich hätte halten müssen . Trotzdem thronte der achtzehnte Ludwig wieder in den Tuilerieen , doch waren den vertriebenen und wieder heimgekehrten Adelsgeschlechtern , doch waren der katholischen Geistlichkeit ihre Titel und Würden und Besitzthümer zurückerstattet worden , und von den Beamten des Kaiserthums wie von den einstigen Republikanern drängten sich große Massen an die neue Gnadensonne heran , und gar viele von den Bekennern der Vernunft-Religion füllten jetzt wieder die Kirchen , in denen man die Dankes-Hymnen für die Niederwerfung der Revolution und für die Besiegung des Bonapartismus ertönen ließ . Konnte es da befremden , wenn ein werdender , ein in sich noch in keiner Weise gefestigter Charakter sich der , seinen eigenen Anschauungen nahe verwandten Meinung der Gesellschaft anschloß , in der er sich bewegte ? Und was hatte Renatus aus seinem eigenen Geiste oder seiner eigenen Erfahrung dagegen einzuwenden , wenn die Herzogin und ihre Freunde den Ausspruch des Kaisers Alexander auch zu dem ihrigen machten , wenn sie die ganzen Ereignisse der letzten dreißig Jahre als einen wilden Strom betrachteten , dessen Wassern man nur die Zeit zum Verlaufen habe gönnen müssen , damit das Dauernde , das allein Würdige , die Herrschaft des Adels und der Kirche in ungetrübter Ruhe wieder zur Erscheinung und zu ihrer Geltung habe kommen können . Der junge Freiherr hatte bisher mit Stolz daran gedacht , daß auch er , so viel an ihm gewesen sei , zum Sturze Napoleon ' s und der Napoleoniden , zur Wiederherstellung der alten , legitimen Herrscher beigetragen habe ; aber der Ton , die Art und Weise , in welcher man in der französischen Hofgesellschaft von dem Ueberwundenen sprach , verleidete ihm allmählich seine Siegesfreude . Nicht die Niederwerfung des Eroberers war das Verdienst , das man hier schätzte , sondern die zuversichtliche Treue , mit welcher man auf den endlichen Untergang Bonaparte ' s und auf den Sieg des angestammten Königshauses wie auf eine Naturnothwendigkeit gerechnet und gewartet hatte . Nicht die That war es , die man hier ehrte , sondern der Glaube und das Erdulden , und für dieses Letztere sich zu entschädigen , war alles , worauf man jetzt noch dachte . Feste folgten den Festen , die Verbindungen des jungen Freiherrn dehnten sich bei denselben immer weiter aus , und seine Bewunderung der französischen Gesellschaft , sein Geschmack an dem Hofleben wuchsen , je mehr er in demselben heimisch wurde . Weil er von frühester Kindheit an zu einer strengen Unterwürfigkeit unter den Willen der Kirche und unter den Willen seines Vaters und Erziehers angehalten worden war , hatte er sich gewöhnt , sich selbst und seinen Werth nach dem Maßstabe zu messen , der ihm von Andern , gleichsam von außen her , dargeboten wurde . Er fand sich also sehr leicht darein , ja , es dünkte ihn eigentlich nur natürlich , daß die Gesellschaft , in die er jetzt eingetreten war , einander nach der Bedeutung schätzte , welche der König und die königliche Familie den einzelnen Personen zuerkannten , und er stand sich gar wohl bei dieser neuen Ansicht , denn man nahm ihn um seiner Beschützerin willen am königlichen Hofe günstig auf . Er war ein schöner Mann geworden , er tanzte den Walzer , den die Fremden in Frankreich eingeführt hatten , mit Meisterschaft , seine jugendliche Genußfähigkeit , selbst seine Schüchternheit empfahlen ihn den Frauen . Dazu war er ein trefflicher Reiter , wußte die Waffen wohl zu brauchen , und weil er sich der ihn umgebenden Meinung gefügig zeigte , gewann er sich auch die Gunst der Männer . Es währte also gar nicht lange , bis man der Herzogin von vielen Seiten das Lob ihres jungen Schützlings wiederholte , und diese blieb nur sich selbst getreu , wenn sie Renatus , den sie in ganz eigensüchtiger Absicht bei sich aufgenommen hatte , werth zu halten und auszuzeichnen anfing , sobald er eine vortheilhafte Erwerbung für ihre besondere Hofhaltung zu werden versprach . Kein Tag verstrich , an welchem sie sich nicht eine Weile in einsamem Zwiegespräche mit ihm beschäftigte . Sie machte sich eine Pflicht daraus , seine Ausdrucksweise in der fremden Sprache zu verbessern , sie wies ihn an , wie er sich gegen die verschiedenen Personen , mit welchen sie ihn in Berührung brachte , zu verhalten habe , und wenn er sich ihr dankbar und allen ihren Anordnungen gehorsam erwies , rief die Herzogin oft seufzend aus : Ach , warum hat der Himmel mir es versagt , in meiner Nichte ein so weiches Herz zu finden ! Warum ist es mir auferlegt , kaltem Starrsinne zu begegnen , wo ich so viel Liebe säete und für die letzten Tage meines Lebens Liebe zu ernten hoffte ! Sie hielt ihrem neuen Schützlinge dann ihre Hände hin , sie drückte einmal sogar einen Kuß auf sein schönes , blondes Haar , da er sich