Liebe sprechen können , und sie selbst sind kalt - ? Lucinde horchte ungewiß ... Sie fühlen wol die Liebe - denn die Liebe ist unabweisbar - aber sie haben nicht den Muth , sie - sie zu genießen - Zu bekennen ! verbesserte Lucinde und suchte endlich aus diesen Andeutungen Klarheit zu gewinnen . Meinen Sie ? sagte Veilchen . Die Liebe ist doch ein Genuß - ein Egoismus , ein schöner Egoismus ! Die Liebe ist Selbstentäußerung ... Die Religion lehrt das , aber die Philosophie sagt : Die Liebe ist das Bedürfniß , sich von seiner eigenen Person erlöst zu wissen und die Wonne zu genießen , daß wir darum doch in einer andern Bestand haben ! Ein Priester kämpft gegen diese unendliche Freude , die in der Liebe liegt , durch seinen Beruf an und - noch mehr ! Wenn die Liebe die grausamste Eitelkeit genannt werden muß , weil der Mensch verlangt , daß ein anderer gleichsam statt seiner lebt und mit für sein Leben die Kosten bezahlt - die Kosten , die manchmal über des andern Beutel gehen - so kommt es , daß die weichsten Menschen kalt erscheinen , blos weil sie - bescheiden sind - ! Bescheiden ! Fräulein ! Sie wollen den andern nicht in Unkosten versetzen ... Die Jüdin lächelte , Lucinde nicht ... Sie erklärte sich nach dieser eigenthümlichen Dialektik Bonaventura ' s Kälte aus dessen edlerer Natur , die sich bekämpfe und sich ein Glück versage , das ihm doch , wie sehr ihn auch Paula fesselte , in der Huldigung liegen durfte , die er von Lucinden nun schon seit Jahren erfuhr ... Er muß dich endlich lieben und wär ' es aus Mitleid ! war ihre Lebenshoffnung ... Inzwischen hatte es draußen geklingelt . Nathan steckte seine zusammengekniffenen Augen , die wieder Freundlichkeit ausdrücken sollten , durch die Thürspalte ... Excuse ! sagte er mit einer Andeutung seines Weltschliffs und überreichte Veilchen einige Blätter Papier mit den Worten : Eben kommt das von - - Es hat Eile ! Der Druckerbursche wartet ! Der Druckerbursche ? sagte sich Lucinde und gedachte des Abends bei Beda Hunnius ... In der That war es auch sogar eine Nummer des Kirchenboten . Diesmal aber nicht die Censur , sondern die Correctur , wie Veilchen sogleich erläuterte , während sie in dem Blatte las und nach einigem Besinnen leise buchstabirte ... Ist das eine Zeichensprache ? fragte Lucinde ... » Ich - bin - elend - ! « buchstabirte Veilchen ... Wer schreibt das ? » Ich bin elend ! Hül - fe ! Zu - Hu - bertus ! Zu Hubertus ! « ... Weiter nichts heute ! sagte sie , schlug das feuchte , von dabei gezeichneten Correcturen begleitete Blatt zusammen und gab es dem lauschenden Seligmann , der es verdrießlich entgegennahm ... Veilchen drückte jetzt selbst die Thür zu ... Zu Hubertus ? Lucinde verstand , was sie befürchtete . Aber wenn sie auch sagte : Schreibt das der Mönch in Druckfehlern ? so lag in dem Scherz ihre Ungeduld ... Veilchen erklärte , daß Sebastus infolge seiner maßlosen Polemik und seines Zusammenhangs mit dem aufrührerischen Treiben des Tags von der Regierung verhindert wurde , mit Irgendjemand zu correspondiren , außer durch die Hände des Untersuchungsrichters . Nur eine in den Schranken sich haltende literarische Thätigkeit war ihm verstattet geblieben . Die Manuscripte mußten im Geschriebenen censirt werden . So konnten nur die Correcturen zu Hülfe genommen werden , um den Pater mit der Außenwelt in Verbindung zu erhalten . Mit Veilchen zu correspondiren , war ihm Bedürfniß geworden nach allem , was zwischen ihnen vorgefallen . Sie gab an , daß nicht etwa in den Correcturen zur Seite ( mit Druckfehlern ist nicht zu spaßen ! schaltete sie auf Lucindens scheinbaren Scherz ein . Ein Arzt hat einmal einem Patienten , der sich gewöhnte , sich aus populären Heilbüchern selbst Recepte zu verschreiben , gesagt : » Sie sterben noch einmal an einem Druckfehler ! « ) , sondern im Text eine Verständigung dadurch ermöglicht wurde , daß beide die Buchstaben , die zu ihren Mittheilungen gehörten , mit einem kleinen , fast unsichtbaren Pünktchen bezeichneten . Die Zusammenstellung derselben ergab einen Sinn . So jetzt diesen Hülferuf , der Lucinden von ihrem Sessel aufgetrieben hatte und sie fragen ließ : Sollte es denn so schwierig sein , ihn aus dieser Haft zu befreien ? Doch ! Man könnte den Wächter bestechen - Unmöglich ! In irgendeiner Verkleidung sollte er das Profeßhaus verlassen ... Einen Wagen würden Sie ja besorgen können ... Ich ? Bitte , Fräulein ! Sie haben die Verdrießlichkeit des Herrn Seligmann bemerkt ? Ich finde , daß Herr Seligmann nur sehr neugierig ist ! sagte Lucinde , sich umblickend ... Denn eben ging die Thür und wie gleichsam von selbst wieder auf ... Es ist seine Angst , sagte Veilchen , daß wir uns wieder in Dinge einlassen , die uns die größte Verantwortung zuziehen können ! Und doch wagten Sie das Verleihen eines bürgerlichen Kleides an einen Mönch ? Wohin kommt man nicht , wenn man von der verkehrten Welt - sein Geschäft hat ! Oben hängt das ganze Mittelalter , Fräulein ! Die Angst , die wir mit der zurückgebliebenen braunen Kutte gehabt haben , möcht ' ich nicht zum zweiten male erleben ! Lucindens Sinnen ließ Veilchen Zeit , zu erzählen : Als der Pater damals ein bürgerliches Kleid von uns geliehen , blieb ich bis spät in die Nacht hinein auf . Der Pater kommt endlich zurück und verlangt nach seinem Gewande . Er langt darnach , greift in die Taschen und vermißt ein Portefeuille . Denken Sie sich meine Bestürzung ! Ein Franciscaner ist ein Bettler , seine Brieftasche konnte keine Schätze enthalten , auch war der Verdacht unserer Unehrlichkeit nicht vorhanden - der Pater traute mir , lieber Gott , seitdem ich meine Verschwiegenheit mit einem Scherze beschworen hatte , bei dem Gotte Spinoza ' s