, daß Eleonore das Buch , in welchem sie bis dahin gelesen hatte , zur Seite legte und , die Arme über die Brust gekreuzt , ebenfalls auf die Fortsetzung der Erzählung achten zu wollen schien . Auch der Herzogin entging die plötzliche Aufmerksamkeit keineswegs . Sie fragte , ob Eleonore ihr Buch beendet habe . Nein , versetzte diese ; Ihre Erzählung ist mir aber weit wichtiger , als das Buch , und ich bin begierig , liebe Tante , den Ausgang derselben , über den ich sonst schon sprechen hörte , gerade aus Ihrem Munde zu vernehmen . Nicht wahr , die Fürstin bewies sich den schönen Frauen des Hofes nicht so gefällig , als sie es wünschten und erwartet hatten , die Fürstin blieb am Leben ; und , was noch schlimmer war , der Fürst , weit davon entfernt , ihr dieses zu verargen , gewöhnte sich an sie und liebte sie , so daß er darüber des Hofes und seiner schönen Frauen ganz und gar vergaß ? Es schoß ein scharfer , schneidender Blick aus den eingesunkenen Augen der Herzogin zu ihrer Nichte herüber , als diese ihre Fragen im Tone der Unwiderleglichkeit spöttisch über ihre Lippen gleiten ließ , und Renatus wußte nicht , welche von den Beiden , ob die Greisin oder das junge Mädchen , ihm in diesem Augenblicke mehr mißfiel . Aber das Antlitz der Herzogin gewann gleich wieder seine Ruhe , und mit der freundlichen Gelassenheit , die sie äußerlich fast immer zu bewahren wußte , fragte sie : Und wer ist es , dem Du diese Mittheilungen dankst ? Dem Herrn Abbé von Montmerie ! entgegnete die junge Gräfin mit einer so geflissentlichen Deutlichkeit und Langsamkeit , als wolle sie damit etwas Besonderes sagen oder errathen lassen . Die Herzogin ging jedoch , während ihr Gast sich von dem ihm unverständlichen Vorgange wie von der unverkennbaren Feindseligkeit , welche zwischen den beiden Frauen herrschte , unheimlich berührt fand , leicht darüber fort . Da sehen Sie die Ungeduld und auch den Unbedacht der Jugend , mein lieber René , sagte sie . Wir alten Leute sind nicht schnell , wie sie . Wir müssen uns langsam in unsere Erinnerungen versenken , wir spinnen sie mühsam zu einem Ganzen zusammen , und wenn wir unser kleines Kunstwerk zu vollenden denken , fährt irgend eine unvorsichtige junge Hand dazwischen und zerreißt und verwirrt uns unsern Faden , daß wir ihn nicht wiederfinden können . Sie legte ihren Fächer aus der Hand , zog die kleine , mit Brillanten besetzte Tabacksdose aus der Tasche , nahm mit gespitztem Finger eine Prise und schellte , damit der Diener ihr zu ihrem Zimmer leuchte . Es war vergebens , daß Renatus sie ersuchte , ihm den Schluß der Erzählung nicht zu entziehen . Sie vertröstete ihn auf einen anderen Tag , wiederholte , daß sie nicht mehr in der Fülle ihrer geistigen Mittel lebe , daß sie Rücksicht und Schonung nöthig habe , und forderte , obgleich sie sich noch immer mit voller Freiheit bewegte , den Arm Eleonorens , sich darauf zu stützen , als sie , ihrem jungen Gaste unter ihres Hauses Dach eine angenehme Ruhe und gute Träume wünschend , den Saal verließ . Es währte jedoch lange , ehe der Freiherr die ihm gewünschte Ruhe finden konnte . Die Menge der Eindrücke , welche er heute in seiner nächsten Umgebung erhalten hatte , hielt ihn wach . Er konnte nicht aufhören , darüber nachzudenken , wie in einem Mädchen von Eleonorens Alter , bei einer so bevorzugten Lebenslage , sich eine solche Herbigkeit habe entwickeln können und wodurch in das Verhältniß zwischen ihr und ihrer Tante jene Bitterkeit gekommen sei , die Eleonore selbst vor dem fremden Manne entweder nicht verbergen wollte oder nicht zu verbergen vermochte . Aber der rechte Aufschluß bot sich ihm nicht dar , und in jener Aufregung , welche uns immer befällt , wenn wir nicht wissen , ob wir die Personen , die uns anziehen , lieben oder hassen sollen , schlief er endlich überreizt und sehr ermüdet ein , auch im Traume noch von wirren , unzusammenhängenden Vorstellungen und Gebilden hin und her geworfen . Am folgenden Morgen sah er die Frauen des Hauses nicht , da der Dienst ihn auswärts beschäftigt hielt . Später , als er sie aufzusuchen kam , vermied die Gräfin ihn eben so absichtlich , als sie ihm Anfangs entgegengekommen war . Nicht einmal die Möglichkeit vergönnte sie ihm , sie um die Gründe ihrer veränderten Haltung zu befragen . Sie schien überhaupt wenig Gefallen an der Geselligkeit zu haben , denn sie zog sich , wenn die Empfangsstunde der Herzogin gekommen war , häufig aus dem Saale in ihre eigenen Zimmer zurück , und ihre Tante versuchte es dann auch nicht , sie neben sich und in der Gesellschaft festzuhalten . Renatus wußte nicht , was er thun sollte . Bisweilen fühlte er das Bedürfniß , der Gräfin zu schreiben und sich zu erkundigen , womit er ihre gute Meinung verscherzt habe , dann wieder schalt er sich eitel und thöricht , daß er Eleonorens Fortbleiben überhaupt in irgend eine Verbindung mit sich zu bringen wagte . Wenn er sich schuldig glaubte , dachte er mit Bewunderung , ja , mit Entzücken an die Gräfin ; wenn er die Kälte , welche sie ihm bewies , auf Rechnung ihrer launenhaften Selbstwilligkeit stellte , zürnte und grollte er ihr , aber immer blieb sein Sinn mit ihr beschäftigt , wie das neue Leben , das er führte , seit er in das Haus der Herzogin gekommen war , ihn auch gefangen nahm und von allen seinen bisherigen Erinnerungen und Wünschen abzuziehen geeignet war . Renatus hatte noch nie an einem Hofe gelebt und noch kein weibliches Wesen gekannt , das mit der Gräfin Haughton zu vergleichen gewesen wäre . Das Erfahren und Erleben wurde für ihn fast überwältigend , und doch sagte er sich an jedem Tage ,