Nathan mit erzwungener Artigkeit und dem Bewußtsein oben ersichtlichen sabbatlichen Comforts ... Veilchen räumte schon einen Sessel ab und fiel ein : Hab ' ich eben auch gedacht ! Aber für Sie ist heute kein Sonntag ! Wenn Sie es nicht verschmähen - Lucinde saß nicht nur schon , sondern war auch schon in voller Erörterung der Angelegenheit , die sie hergeführt hatte . Gemüthliches Auszupfen einer neuen Bekanntschaft fehlte ihr zu jeder Zeit und vollends in der Stimmung , in der sie kam ... Bonaventura reiste - Nicht ein Schloß , die Welt in Brand zu stecken - dazu hatte ihr Nück gestern den Muth gegeben ... Auf einen Wink Veilchen ' s entfernte sich Nathan und legte die Thür an , ohne sie ganz zu schließen . Dieser Besuch war für ihn aufregend , für Veilchen schien der Eindruck Lucindens erschreckend zu sein ... Inzwischen hatten sich Lucindens Augen an das Dämmerlicht gewöhnt . Sie erkannte , daß die kleine Jüdin zwar regelmäßige , fast plastische Gesichtsformen hatte , doch schon über die Fünfzig zählen mußte , so dunkel auch noch ihr Haar glänzte , das nach Löb ' s Vergleiche der Seide glich . Die zwei langen Locken , die ihr fast über die Augen weg herabhingen und die Nase in gewaltiger Schärfe hervortreten ließen und ihr das Ansehen eines talmudischen Gelehrten , eines Bocher , gaben , hatten eher etwas Starres , gerade so wie die Haare Lucindens in ihrer ersten Jugend waren , als sie ihren schönsten Schmuck nur noch mit Wasser aus den Bächen von Langen-Nauenheim pflegte ... Auch ein höchst anmuthiges und fast mädchenhaftes Lächeln hatte Veilchen um ihren schöngeformten Mund . Wohlwollend nickte sie zu allem , was Lucinde mit Ernst und großer Kälte sprach . Dabei hielt sie ruhig die Hände in ihrem Schoose und hatte eine Miene der Spannung und Angst , die schon verrieth , daß sie von Lucinden keinesweges Gütiges und Wohlwollendes für ihren alten Freund voraussetzte . Darüber , daß der Mönch eine frühere Liebe der stolzen jungen Dame gewesen , die da vor ihr saß , konnte bei ihr kein Zweifel sein . Bei der Erörterung über das aus des Mönches Kutte gefallene alte gestickte Portefeuille war die Ursache der Metamorphose , die er sich hatte zu Schulden kommen lassen , nicht verschwiegen geblieben ... Mit der ihr eigenen kurzen und schneidenden Bestimmtheit fragte Lucinde : Woher wissen Sie denn , daß ich eine Verpflichtung habe , für den Pater zu sorgen ? Zu sorgen , mein Fräulein ? sagte Veilchen lächelnd und verbindlich . Hab ' ich geschrieben : zu sorgen ? Ich habe gebeten um einen Beweis menschenfreundlicher Gesinnung ! Und die Frau vom vierten Stock im Goldenen Lamm hat mir ' s ja auch gesagt , Sie könnten ein Engel sein ! Nicht Lächeln weckte dies : » Könnten « in Lucindens Mienen , sondern düsterer senkten sich ihre Augenbrauen und jede ihre Mienen verrieth , daß diese Erinnerung an ihr früheres Leben ihr peinlich war und das Geschäft , das sie hierher geführt , rasch vorübergehen mußte ... Hat der Pater mich selbst bezeichnet als die , die ihm helfen könnte ? fragte sie ... Daß Gott verhüte ... Ist seine Haft so streng ? Ein Mensch kann die Luft entbehren , wie ich selbst sie entbehre ! Wie Sie mich da sehen , Fräulein , hab ' ich seitdem , daß ich unsern neuen Tempel kennen lernen wollte , nicht die Rumpelgasse verlassen . Aber der Pater liegt in Ketten und Banden seines Geistes ! Krank ist er am Körper wie an der Seele ! Er muß zu Menschen , die ihn lieben ! Einer war anfangs hier , dem er gern geschrieben hätte , ja erst sogar hätte beichten mögen ; dann ließ er es , weil er erfuhr - Veilchen stockte und blickte halb zur Seite , halb prüfte sie Lucinden , die hocherröthend sie sehr wohl verstand ... Anfangs ? zuckte es in ihr glücklich auf . Denn daß nur Bonaventura gemeint war , sah sie an dem Blick der Jüdin . Also anfangs nur ? grübelte sie . Keine spätere Beziehung ? Und erfuhr - ? Was erfuhr ? Daß ich Bonaventura liebe ? Wer ist dieser Eine ? fragte sie kurzweg ... Der neue Domherr von Asselyn ! bestätigte die Jüdin ... Lucinde schwieg eine Weile hocherglüht ... Dann fuhr sie , wie bestätigend , fort : Ich sah den Pater mit dem damaligen Pfarrer von St.-Wolfgang öfters zusammen gehen ... Lucinde wollte mit diesen Worten sagen : Haben sie sich damals beide verständigt , wie ein grausamer Zufall mich zwischen beide gestellt hat ? Oder hat man Klingsohrn von anderer Seite zugetragen , was auch schon Nück über mich wußte ? Sind die Umstände , die mit deiner schimpflichen Entfernung aus der Dechanei zusammenhängen , schon hierher unter dies armselige Dach gedrungen und von hier aus vielleicht auch Klingsohrn bekannt geworden ? Die Jüdin vermied , das , wie sie wohl sah , außerordentlich reizbare junge Mädchen zu verletzen , zog sich klug in ihre Bescheidenheit zurück und sagte ausweichend : Es gibt Menschen , die sich vermeiden , gerade deshalb , weil sie sich lieben ! Wie ? wallte es in Lucinden über dies dunkle Wort auf ; weiß auch sie schon , daß meine Liebe zu Bonaventura eine unglückliche ist ? Sie sagte : Der Pater und der Domherr meinen Sie ? ... Oder , fuhr scheinbar nichtachtend Veilchen fort , weil die Wahrheit , die einzugestehen dem einen eine große Seligkeit wäre , dem andern Schmerzen bereiten könnte ... Lucindens Auge leuchtete immer forschender auf ... In ihrem Blicke lag : Will sie denn sagen , daß Klingsohr Bonaventura deshalb nicht sehen und durch Mittheilungen kränken will , weil er glaubt , Bonaventura liebe mich ? ... Die Jüdin fand sich in den Eindruck ihrer doppelsinnigen Reden und fuhr fort : Es gibt doch Menschen , die täglich mit Wärme von der