ganzes Leben zu einer letzten Entscheidung kommen zu lassen , bestieg sie einige Stufen , die in eine dunkle Hausflur führten , in welcher zur linken der Eingang in das heute feiernde Geschäft » Nathan Seligmann « lag . Trotz des Sabbats waren die Vorläden dreier Fenster , die in die dunkle Gasse führten , doch halb und halb geöffnet geblieben . An einigen alten Basen und Majolikaschüsseln , an einigen alten Kupferstichen , einigen Dominos und Masken sah man , daß sich hier das Geschäft Nathan Seligmann ' s befand , der sich auch anderweit als kein zu strenger Rigorist in der Feier des Sabbats zeigte ; denn die Thür ging mit lautem Klingeln auf und am Spalt eines der angelehnten Fensterflügel stand ein der Hasen-Jette ziemlich ähnlich gebauter , starker und kräftiger Mann und putzte an einer Blechhaube die Rostflecken ab . Ringsumher lagen die Embleme eines vollständigen Ritters ... So dunkel es war , fand sich die entschlossen Eintretende bald in dem großen Zimmer , an das sich weitere mit Gegenständen aller Art überhäufte Alkoven und Gänge und Mauerschränke anschlossen , zurecht . Die ganze Herrlichkeit der mit ihrem Carneval gleich hinter Rom und Venedig kommenden Stadt war hier beisammen , soweit die Minderbegüterten sich erst leihweise das entnahmen , was die der Sphäre Moppes , Maus , de Jonge angehörenden Matadore sich selbst anfertigen ließen . Den Helm , den Nathan Seligmann eben putzte , hatte Weigenand Maus im letzten Carneval getragen ; der Geschäftsgang brachte es mit sich , daß das einmal Gebrauchte um ein Billiges an die Juden ging . Nathan Seligmann schien tief in Gedanken verloren und die Zeit selbst zum Gegenstande seiner Betrachtungen gemacht zu haben , denn ein Carneval fand in diesem Jahre nicht statt . Traurig hingen um ihn her die Hanswürste , die Schellenkappen schienen seiner verdrießlichen Miene zu klingeln wie Sterbeglöcklein , das Lachen der Masken war so todt wie nach Klingsohr das stehen gebliebene Lachen in den Gesichtszügen der alten Voltairianer im Kapitel . Viel unfreundlicher und unwirscher war die Art des in einen des Sabbats wegen feinen blauen Oberrock gekleideten Mannes mit darübergezogenen grauen Schmutzärmeln , als die seines coulanten , weltkundigen und musikliebenden Bruders Löb , der sich zu seiner schon von Geburt weichen Seele eine so ästhetische und feinfühlende Bildung erworben hatte . Der Sabbatbrecher blickte auf Lucinden , indem er ein klein wenig in seiner Arbeit innehielt . Das eine Auge schloß er blinzelnd , eine Geberde , die er an Geschäftstagen noch vervollständigte bis zu einem gänzlichen Bedecken seiner beiden Augen mit der Hand , um drüber wegfahrend durch eine offen gelassene Spalte zwischen den Fingern hindurch gleich sich zu orientiren , weß Geistes Kind ihn besuche , ob er viel oder wenig fordern , Echtes oder Unechtes vorlegen durfte ... Die Hoffnung , Lucinde würde auf Veilchen ' s Schreiben eingehen , hatte man wol schon aufgegeben . Doch war der Besuch eleganter Damen für Seligmann nichts Neues . Nur mit Lässigkeit fragte er nach dem Begehren ... Lucinde verlangte Fräulein Veilchen zu sprechen und noch ehe sie geendet hatte , wand sich im Hintergrunde eines dunkeln Ganges aus einem Gerüst von Schweizer- und Tirolertrachten , tressengestickten rothen Miedern und Hüten mit Spielhahnfedern und Gemsbärten eine Person hervor , die sie an die alte Gardérobière von damals erinnerte , als sie die drei ersten Acte der Jungfrau von Orleans spielte und nach Serlo ' s Anweisung so sicher und fest die Worte glaubte sprechen zu können : » Mein ist der Helm und mir gehört er zu ! « Veilchen war nach Löb ' s Erklärung schön am Geist . Der Geist mußte allerdings ihren Körper verklären und gab auch den blauen Augen etwas durchsichtig Glänzendes . Sonst war die eine Schulter etwas höher als die andere und der Wuchs so zurückgeblieben , daß Lucinde , hier von Theatererinnerungen angeregt , fast an die jetzige Baronin , frühere Sängerin Henriette Montag in Kiel erinnert wurde . Ich wußte doch , daß Sie kommen würden ! sprach die kleine Gestalt mit weicher , klangvoller Stimme und verrieth , daß sie sogleich Lucinden erkannt hatte ... Nathan orientirte sich jetzt ... Statt aber seine Höflichkeit nachzuholen , schloß er nun auch noch das andere Auge . Durch eine ganz kleine Spalte blinzelte ein Strahl sehr gemachter Freundlichkeit hindurch . » Die Kinder sind wie die Brüder der Mutter ! « sagen die Juden . David Lippschütz hatte nicht die freundliche Bonhommie seines Onkels Löb , eher die Miene wie Onkel Nathan . Seine Witze : » Ein Frédéric d ' argent « und sein kritisches : » Warum sitzt Moses ? « waren mit demselben mürrischen und blinzelnden Zusammendrücken der Augen gesprochen worden ... Um so freundlicher war das kleine Veilchen ... Als sie sich aus der Region der grünen Alpenwiesen und der Sennerhütten herausgewunden hatte , deutete sie auf eine Thür , die Nathan bereits nicht ohne Beweise einer aus seiner prüfenden Miene sich entwickelnden ärgerlichen Stimmung geöffnet hatte , und ließ Lucinden näher treten ... Ein Gemach empfing sie , das ebenso ein Comptoir sein konnte , wie ein Vorrathsmagazin feinerer Verkaufsgegenstände und sogar ein Boudoir . Hell war es nicht . Eine schwarze hohe Brandmauer stand nicht fünf Fuß weit von den beiden Fenstern entfernt , die ohne Gardinen sein mußten , nur um etwas Licht hereinzulassen . Und doch stand da ein Schreibbureau , worauf Handlungsbücher , stand ein Tisch mit ausgebreiteten Kupferstichen und einer langen Verwickelung von Spitzen , die nicht etwa zu Veilchen ' s Handarbeiten gehörte - Handarbeiten existirten nicht für sie - sondern zu ihrer Kunst , Neues in Altes zu verwandeln . In einer Tasse mit Kaffeesatz endete die lange Spitzenverwickelung . Eine andere gebräunte Garnitur hing zum Trocknen an einem der beiden Fenster . Ja , auch die Kupferstiche schienen durch Kaffee gezogen . Ein Bücherschrank war voll alter Bücher ... Aber Sie sollten das Fräulein oben in unsere Stube führen ! sagte