von dem Gulden nichts mehr übrig war und der Nachtwächter die zwölfte Stunde abgerufen . Am andern Morgen war er etwas zaghaft beim Frühstück erschienen , weil er fürchtete , für seine nächtlichen Ausschweifungen derb ausgescholten zu werden . Auch hatte ihn Herr Blaffer mit finsterem Stirnrunzeln empfangen und schon angefangen , ein ernstes Wort zu sprechen , als sich Marie , die wieder erschienen war , dergleichen auf ' s Bestimmteste verbat , indem sie sagte , ihr Bruder sei kein Kind mehr und einem jungen Menschen in seinem Alter könne man es nicht übel nehmen , wenn er zuweilen etwas lange ausbleibe . Darauf hatte Herr Blaffer geschwiegen , zum grenzenlosen Erstaunen Augusts ; ja , der Prinzipal hatte sogar gelächelt , als das Mädchen hinzusetzte , bei den alten Leuten sei ja keine Tugend zu finden , was man denn eigentlich von den jungen erwarten wolle . Daß sich in dem Getriebe des Hauses überhaupt Vieles von Tag zu Tag veränderte , sah der Lehrling wohl , doch hatte er glücklicherweise nicht Verstand genug , um die Kraft zu entdecken , welche hier im Geheimen wirkte . Er dachte auch weiter nicht darüber nach , da das Resultat für ihn so angenehm war . Herr Blaffer behandelte ihn besser , ja , er setzte ihm sogar , obgleich mit sichtlichem Widerstreben , ein kleines Taschengeld aus ; Marie sorgte für seine Garderobe und als der Herr Blaffer bei einer vorgelegten Rechnung die Hände über dem Kopfe zusammenschlug , schlug das Mädchen dem würdigen Prinzipal die Thüre vor der Nase zu und meinte , wegen solcher Kleinigkeiten habe sie keine Lust , dessen verdrießliche Gesichter anzusehen . Da nun August sah , daß er unter dem mächtigen Schutze seiner Schwester stehe , so überarbeitete er sich auch durchaus nicht , sondern vertrödelte seine Zeit , so gut es eben gehen mochte . Und wenn die Geschäfte des Hauses Johann Christian Blaffer und Compagnie nicht total vernachlässigt werden sollten , so mußte sich der Prinzipal entschließen , Abends noch eine Stunde zuzugeben , was er denn auch seufzend that . Das Alles war freilich nicht das Resultat eines Tages oder einer Woche , aber ein paar Monate hatten hingereicht , aus dem Alleinherrscher Blaffer , aus dem Sklavenhändler , wie ihn Herr Beil genannt , der unerbittlich seine Peitsche schwang , selbst einen demüthigen Sklaven zu machen , der schwieg und sich duckte , sobald das trotzige , energische , schöne Mädchen fest gegen ihn auftrat . Hätte der ehemalige Commis nur hie und da eine Stunde unsichtbar auf dem Comptoir zubringen können , er würde sich vollkommen gerächt gefühlt haben . Marie und ihr Bruder , der Lehrling mit dem blödsinnigen Lächeln , wie er ihn bezeichnet , die beiden herrschten in dem Hause und Herr Blaffer duldete und schwieg . Doch schien er sich anfänglich in dieser Sklaverei glücklich zu fühlen , und wenn das junge Mädchen einen kostspieligen Wunsch aussprach , so sträubte er sich mit verhaltenem Lächeln dagegen , und es schien ihm Spaß zu machen , wenn sie nun den Kopf in die Höhe warf , mit dem Fuße auftrat und zornig das Zimmer verließ ; dann eilte er ihr nach , billigte gern , was sie verlangt , und begab sich händereibend an seine Arbeit . Auf einmal aber schien dieses stille Vergnügen des Herrn Blaffer gänzlich verschwunden zu sein ; er wurde nachdenklich , bald starrte er stundenlang auf seine Arbeit , ohne die Feder zu bewegen , in tiefes Nachsinnen versunken , bald wieder hatte er keinen Augenblick Ruhe und verließ häufig sein Pult , um durch das Haus zu gehen , zu irgend einem Fenster hinaus zu schauen und heimlich an Marien ' s Thüre zu lauschen und durch das Schlüsselloch in ' s Innere zu sehen . Es mußte ihn etwas außerordentlich Unangenehmes in Bewegung setzen , die früheren finstern Gedanken traten wieder hervor , und er versuchte abermals , sich in allerlei Gehässigkeiten gegen den Lehrling und selbst gegen Marie Luft zu machen ; es mußte Etwas vorgefallen sein , das ihn seine eigene Schwäche verwünschen ließ ; er versuchte es , den Prinzipal von ehedem wieder zu spielen . Aber die Zügel waren seiner Hand entschlüpft und er sah mit Schrecken ein , daß er alles Terrain verloren . August gab ihm trotzige Antworten oder lachte ihn aus und das Mädchen zuckte verächtlich die Achsel . Suchte Herr Blaffer nun den Streit mit ihr weiter fortzusetzen , so nahm sie ruhig ihren Hut und Shawl und verließ das Haus , um erst spät Abends zurückzukehren , worauf dann Herr Blaffer wie ein Besessener durch alle Zimmer rannte , auch wohl schrie und tobte , um sie bei ihrer Zurückkunft dann freundlicher als je zu empfangen . Daß er bei diesen Gemüthszuständen körperlich nicht gedeihen konnte , war wohl natürlich ; magerer als er war , konnte er füglich nicht wohl werden , doch fiel sein Gesicht mehr und mehr ein , seine Augen verloren allen Glanz , seine Gestalt knickte förmlich zusammen , sein Gang wurde noch schwankender und schlürfender , kurz , er war nur noch der Schatten des ehemaligen Blaffer . Vielleicht brauchen wir dem geneigten Leser nicht zu sagen , daß es die Eifersucht war , welche den Buchhändler auf so traurige Art verändert hatte , ja , die glühendste wildeste Eifersucht , und eine Eifersucht , die gewiß nicht ohne Grund war , aber deren Gegenstand zu ergründen ihm nicht gelingen wollte . Er fühlte es wohl , daß sie ihn betrogen , daß sie ihn nicht liebte und ihn nie geliebt . Hatte sie sich doch stets sichtbar bezwingen müssen , ihren Abscheu vor ihm zu verbergen , hatte ihn doch immer die Kälte ihres Herzens zurückgeschreckt . Ach ! und worum er fast zu ihren Füßen gebettelt , wofür er so viel geopfert , das gab sie vielleicht einem Anderen aus vollem warmem Herzen , freiwillig mit überströmendem Gefühl . Wie