; ja , es kam ihm endlich vor , als sei sie mit ihm unzufrieden , als werde sie ungeduldig ; aber er konnte es sich nicht erklären , wie er ihr Anlaß zu irgend einer Unzufriedenheit gegeben haben könne . Nie zuvor war ihm so sonderbar zu Sinne gewesen . Die Empfindung , daß die Gräfin ihn geflissentlich auf die Terrasse hinausgeführt habe , daß jetzt etwas geschehen , etwas gethan werden müsse , wurde immer lebhafter und unabweislicher in ihm . Das Herz klopfte ihm in der Brust , er hatte eine Art von Furcht vor seiner schönen Gefährtin , und wie das dämmernde Mondlicht sie mit seinem webenden Schimmer hell und heller umgoß , kam sie ihm zwar wie eine Armide verführerisch und schön , aber so oft der strenge Blick ihres großen Auges ihn berührte , auch wie eine solche unheimlich und dämonisch vor . Sie hatte seit einer Weile zu sprechen aufgehört ; das konnte er nicht ertragen , und um sich aus der Befangenheit und Verwirrung , deren er sich schämte , herauszureißen , sagte er plötzlich : Sie haben mir heute , gnädige Gräfin , im Andenken an Ihren und meinen Vater , Ihre Freundschaft angeboten , und ich glaube , daß es Ihnen Ernst damit gewesen ist . Darf ich diese Freundschaft heute schon zu einem Dienste für mich in Anspruch nehmen ? Eleonore blieb stehen ; Renatus hörte , daß sie tief aufathmete , als werde eine Spannung von ihr genommen , und ohne sich zu besinnen , entgegnete sie ihm : Unbedenklich , wenn Sie mir vorher gestattet haben werden , Ihnen zu erklären , was mich bewogen hat , Ihnen diese Freundschaft so schnell und so gewaltsam aufzudrängen . Renatus wollte ihr entgegnen , daß sie ihn mit ihrem Vertrauen glücklich mache , aber sie ließ ihn dieses nicht vollenden . Keine Worte , Herr von Arten ! rief sie mit ihrer stolzen , gebieterischen Weise . Sie müssen es heute schon gesehen haben , es fehlt mir nicht an Männern , die mir schmeicheln , weil sie glauben , daß auch ich nichts Höheres kenne , als mich durch die Schmeicheleien eines Mannes gefangen nehmen und der Freiheit berauben zu lassen , die man mir mißgönnt ! Aber eben deßhalb bin ich in der Lage , meine Tante täglich daran zu erinnern , daß ich , Dank dem Testamente meiner Mutter , freier Herr über alle meine Entschließungen bin , und eben deßhalb bot ich Ihnen heute so unberufen meine Freundschaft an , um es meiner Tante darzuthun , daß ich ' s nicht liebe , wenn man selbst die heiligste aller Pflichten , die Dankbarkeit , nur zu einem Piedestal für sich , und zu einer Last für denjenigen zu machen sucht , dem man sie zu entrichten hat ! Nun , die Herzogin hat ja lange Jahre in Ihres Vaters Hause gelebt - Sie werden sie also kennen , so gut wie ich ! Der Zorn , der aus jedem ihrer Worte sprach , gab ihrer tiefen Stimme nur einen höheren Reiz , und doch erschreckte ihr Wesen den jungen Freiherrn auch in diesem Augenblicke wieder , weil es völlig von allen den Vorstellungen abwich , unter denen er bisher das Bild eines jungen Mädchens zu denken gewohnt gewesen war . Selbst die rückhaltlose Härte , mit welcher Eleonore über ihre greise Tante gegen einen Fremden ihr Urtheil aussprach , beleidigte sein Schicklichkeitsgefühl , und immer geneigt , sich desjenigen anzunehmen , dem nach seiner Meinung ein Unrecht zugefügt wurde , sagte er , daß er von der Herzogin zwar ein lebhaftes Bild in seiner Erinnerung bewahrt habe , daß er aber zur Zeit ihres Aufenthaltes in Richten zu jung gewesen sei , irgend ein selbständiges Urtheil über sie zu besitzen . Und abermals blieb Eleonore stehen , während sie , trotz des Halblichtes , in seinem Antlitze zu lesen versuchte . Sonderbar , sprach sie ; Ihnen fehlte also jener Instinkt , den das Kind doch mit dem Thiere gemein hat ? Sie hatten also kein inneres Widerstreben gegen die Herzogin ? Sie hatten kein Abmahnen gegen die selbstische , die tyrannische Feindseligkeit ihrer ganzen Natur ? Nein , versetzte Renatus nach einigem Besinnen . Ich glaubte nur , daß sie die Kinder nicht eben gern habe , und da meine theure Mutter ihr weniger als mein Vater nahe stand , so hatte ich damals , so viel ich mich entsinne , allerdings keine besondere Liebe für die Frau Herzogin ; aber ich könnte eben so wenig sagen , daß ich sie gefürchtet hätte . Ich habe sie gefürchtet , seit ich zu denken vermochte , fuhr Eleonore heraus , und jetzt - jetzt kenne ich sie ! fügte sie mit schneidender Bitterkeit leise hinzu , als der Edelmann , welcher bis dahin mit dem Geistlichen gesprochen hatte , man nannte ihn , um ihn von seinem Vater , dem Fürsten von Chimay , zu unterscheiden , mit seinem Taufnamen den Prinzen Polydor , zu den Beiden heraustrat und der besonderen Unterhaltung des jungen Paares damit ein Ende machte . Eleonore verließ die Terrasse , und Renatus , der dem Prinzen schon am Mittage bei der Fahrt im Gehölze vorgestellt worden war , blieb allein mit ihm zurück . Der Prinz mochte über fünfzig Jahre alt sein , aber sein hellblondes Haar , seine schlanke Gestalt und seine schöne Haltung machten ihn , bei der großen Sorgfalt , mit welcher er gekleidet war , noch vortrefflich aussehen . Renatus wußte , daß er des alten Fürsten einziger Sohn und Erbe sei und daß er mit seinem Vater während der ganzen Zeit der Verbannung am Hofe zu Petersburg gelebt habe . Bei der Herzogin stand er offenbar in großer Gunst . Sie hatte , nachdem man ihm am Morgen begegnet war , den jungen Freiherrn aufmerksam darauf gemacht , wie er in dem Prinzen Polydor das Muster eines französischen Edelmannes vor sich sehe , und dann